Kreuzberger Chronik
November 2011 - Ausgabe 132

Die Geschäfte

Die Blutsgeschwister


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von Saskia Vogel

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Vor dem hübschen Schaufenster der Boutike steht in der Sonne eine Bank. Auch das Personal ist nett. Fast immer.

Wahrscheinlich werden die Kleider der Blutsgeschwistergerne von Frauen mit Haarkränzen à la Julia Timoschenkogetragen. Von Mädchen mit Apfelbäckchen, die zum grasgrünen Röckchen rote Strumpfhosen tragen und dann noch einen Pferdchensprung machen. Oder von urbanen Individualistinnen, die gleichzeitig tough und süß sein möchten. Das Schaufenster der Blutsgeschwister am Viktoriapark jedenfalls»strahlt«- so steht es schon auf der Internetseite der Designer-Geschwister - »inzwischen seit zehn Jahren gegen den schnöden Textil-Einheitsbrei an«. Die alljährlichen acht Kollektionen, die dortausgestellt werden, sind vor allem bunt. Bunt und süß. Obwohl es manchmal den Anschein hat, als würden sich die jungen Designer bei alledem nicht allzu ernst zu nehmen. Da ist immer ein Witz versteckt, eine Spur von Ironie, wenn die »Blutsgeschwister«-Models zur Schleifchen-Bluse zum Beispiel eine Trainingshose tragen.
Dennoch: Die Rosen-Applikationen auf dem schwingenden Röcken, das Krägelchen am wollenden Strickmantel scheinen vor allem für ältere Mädchen kreiert, die sich zu Schulzeiten von ihren Eltern zum Klavierunterricht haben chauffieren lassen. In einer gemusterten Rüschenblusevon »Oilily«. Und die heute, als halbwegs erwachsene Frauen, noch immer gerne »kindlich mit den Beinen baumeln«. Womöglich mit Kleinkind auf dem Arm, Luise Victoria. Und Luise Victoria hat nicht nur die gleichen Apfelbäckchen wie seine junge Mutter, sondern– dank der »Blutsbaby«- Kollektion – auch das gleiche Kleidchenan. »Mama und Baby im Dolce Vita Soulwear Partnerlook«, wirbt die »Blutsbande«. Dazu eine Handtasche, rot-weiß gepunktet wie ein Fliegenpilz. Da grüßt Rotkäppchen aus dem Märchenwald.
Süß ist auch die Kommunikation der »Blutgeschwister«. Die Geschwister lassen alle Kundinnen und Fans »mit lieben Grüßen« grüßen. Wer etwa im Flagship-Store und Atelier in der Kreuzbergstraße als Anprobemodell arbeiten möchte, muss eine »mit Herz und Liebe verfasste« Bewerbung schicken. Und wer sich einmal in »Blutsgeschwister«- Mode sehen lässt, wer in gestreiften Hotpants schläft und im karierten Pullover zur Arbeit geht, der hat einen »für immer!« geltenden »Blutsschwur« geleistet. Er bekennt sich durch das Tragen der »Seelenkleidung « zum Glauben an sich, zur Liebe und zum stetigen Optimismus – repräsentiert durch Kreuz, Herz und Anker im Firmenlogo. Denn
»die Lust am Genuss und der Hang zum Hedonismus lässt alle Blutsschwestern
zu einer unzertrennlichen Blutsbande zusammenwachsen « – so die Märchenvision des Designerlabels.
Im Märchenwald fand entsprechend auch die Firmengründung der »Blutsgeschwister« statt, auch wenn es offiziell zunächst ein unspektakuläres Atelier am Stuttgarter Nordbahnhof war: »Es waren einmal zwei Mädchen, die waren so verschieden, dass sie sich eigentlich nie begegnet wären, gäbe es nicht das Schicksal. Das einzige was
ihnen gemeinsam war, war die Liebe zum süßen Leben.« Inzwischen haben die beiden Gründungsmädchen, Karin Ziegler und Christina Haneberg, mit ihrer süßen Liebe schon einige deutsche Herzen erobert. Flagship-Stores gibt es nicht nur in der Kreuzbergstraße, sondern bereits in fünf weiteren Städten, mit lauter süßen Namen wie »Lebkuckucksnest « und »L’aufbrezelsteg«. Ganz Deutschland erreichen die niedlichen Mädchen mit ihrem Online-Shop, in dem sich, genau wie bei Karstadt & Co, auch Schnäppchen machen lassen. Der »PizPilz« Norweger Pulli, der statt grauer Rentiere rot-rosa-farbene Pilze auf der Brust hat, kostet statt 99 Euro nur 48,95, ebenso wie das rosa »Prachttracht«-Kleidchen.
Der Verkäufer im etwas abgelegenen »Kreuzanker«-Store gegenüber dem Viktoriaparkallerdings, der an einemverregneten Montagnachmittag den Laden hütet, ist nicht wirklich süß. Zwar bietet er seinen Kundinnen bereitwillig an, auch nach anderen Größen im Lager zu suchen, und er versorgt die Kundschaftmit reichlich bunten Prospekten, aber einen herzallerliebsten Schmusekurs fährt er nicht. Der Verkäufer ist eher ein Pragmatiker als ein Träumer oder Märchenprinz. Er klingt spröde an diesem Regenmorgen, vielleicht kamen schon zu viele dieser zuckersüßen Feen in den Laden geschwebt und lächelten.
Aber irgendwo muss dieses süße Leben ja schließlich auch einmal entzaubert werden. Man stelle sich vor, der ruppige Verkäufer trüge statt des struppigen Drei-Tage-Bartes eine Rosenapplikation im Knopfloch! Diese Kombi – und das ist offensichtlich auch den beiden schlauen Märchenmädchen eines Tages klar geworden - wäre dann doch etwas zu viel Zuckerkram auf einmal. •

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