Kreuzberger Chronik
November 2011 - Ausgabe 132

Essen, Trinken, Rauchen

Wassermangel in Kreuzberg


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von Tom Plott

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Kreuzberger Gastfreundschaft

Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen, immer früherlegten sich die langen Schatten der Häuser in die Straße, die Wirte räumten Tische und Stühle hinein. Hin und wiederaber erinnerte ein lauer Abend daran, dass der Sommernoch nicht lange vorüber war, und dann saß auch wieder der Mannmit seinem Klavier unter den Bäumchen vor dem italienischen Café-Restaurant an der Solmsstraße und spielte zur Untermalung des Geplauders der Gäste, die noch draußen saßen, Schumann.
»Ist das nicht wunderbar?«, säuselte eine verliebte Touristin ihrem Freund ins Ohr und lehnte den Kopf an die männliche Schulter.»So was gibt es nur hier in Kreuzberg! Einen Mann, der mit seinem Klavier durch die Straßen zieht.«
»Können wir noch einen halben Liter Roten haben?« fragte derFreund, als die Kellnerin kam, um die großen Pizzateller abzuräumen.
»Und bitte ein Glas Wasser dazu. Ein großes Glas Wasser«,ergänzte die Blonde, ohne den Kopf von der Schulter zu nehmen.
»Stilles Wasser?«, fragte die Kellnerin.
»Am liebsten Leitungswasser«, sagte die Verliebte.
Wenig später kam die kleine Kellnerin mit einem kleinen Glas Wasser zurück. Als die Verliebte das kleine Gläschen sah, hob sie denKopf von der Schulter. »Das ist also ein großes Wasserglas!«, sagte die Verliebte, die das Ganze für einen verzeihlichen Irrtum hielt. Doch das Gesicht der Kellnerin blieb ernst.
»Wir dürfen nur kleine Gläser Leitungswasser ausgeben. Anweisung vom Chef! Wenn Sie ein großes Glas Wasser möchten, dann müssen Sie Mineralwasser bestellen.« Während der Pianist leise spielte, nippte sie vorsichtig an ihrem winzigen Wasserglas, trank das kostbare Nass in kleinen, wohl abgemessenen Schlucken und lauschte der versöhnlichen Musik. Dennoch kehrte der Kopf der Verliebten nicht mehr an die Schulter ihres Geliebten zurück, sie säuselte auch keine verliebten Worte mehr ins geneigteOhr, nein, die Beiden sprachen überhaupt kein Wort mehr miteinander. Sie fragten nur noch nach der Rechnung, als die kleine Kellnerin an ihrem Tisch vorüber kam.
»35,65«, sagte die Kellnerin.»Sie haben das Wasser vergessen!«, sagte der Gast.»Das geht aufs Haus!«, sagte die Kellnerin.
»Oh, das ist aber nett«, sagte der Geliebte.
»Aber das wäre ja auch ein Unding, wenn ein durstiger Gast in einem Gasthaus nicht mal ein Glas Wasser bekäme!
«Niemand lächelte. Nur der Mann am Klavier, dessen gutem Gehör das Gespräch hinter seinem Rücken nicht entgangen war, drehte sich kurz zu den Beiden um, nickte und und sah ein bisschen verschmitzt aus, als er sagte: Jaja, so ist das eben heute in Kreuzberg. •

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