Kreuzberger Chronik
Mai 2011 - Ausgabe 127

Kreuzberger
Naomi Bleiberg

Ich hab so eine natürliche Art


linie

von Ina Winkler

Titelfoto: Dieter Peters

1pixgif


Es war im großen Saal des Wasserturms, 150 Interessenten waren zum Salon Undine gekommen, um über Strategien gegen die Vertreibung durch Immobilienhändler zu diskutieren. Rio Reisers Kreuzberg-Hymne wurde gespielt: »Ihr kriegt uns hier nicht raus, das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.« Und dann kam Naomi Bleiberg, tänzelte mit ihrem Blümchenkleid, den zerrissenen Strumpfhosen, den Springerstiefeln, den blaugelbrotgrünschwarzen Rastalocken, dem kleinen Ring in der Lippe und den Glasperlenarmbändern und Freundschaftsbändchen an den Handgelenken, eine Mischung aus Punkerin, Pipi Langstrumpf und Hippiemädchen, auf die Bühne und lachte und sagte, sie käme auch aus einem Haus, das gerade verkauft worden sei, und deshalb hätte sie auch so ein Lied gemacht. Dann begann sie, die Melodie von der Vogelhochzeit anzustimmen. Nur waren es keine Vögel mehr in ihrem Lied, die ein Nest brauchten, sondern Menschen, die ein Haus brauchten. Und das Haus stand nicht im grünen Walde, sondern in Kreuzberg: »Zweitausendvier, da war es aus - Dem freien Markt gehört das Haus - Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala - Da gingen schlimme Zeiten los - Verkommen mussten Haus und Hof - Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala...«

Die Idee war ihr spät abends gekommen, Naomi konnte nicht schlafen, und im Radio lief dieses alte Wanderlied, das sie mit der Mutter so oft gesungen hatte. »Ich wollte mich gerade bettfertig machen, aber das klappte wieder mal nicht – ich glaube, ich bin ein Nachtmensch.« In diesem Augenblick kam die Mutter herein und erinnerte sie daran, dass morgen Schule sei. Naomi lenkte ab, sie würde gern einen neuen Text auf diese Melodie machen, über ihr bedrohtes Zuhause. Eine Stunde später schlief Naomi noch immer nicht. Sie saß mit ihrer Mutter auf dem Bett und schrieb den »Wax-Song: »Vor 20 Jahren fing es an -Die Wax abreißen hieß der Plan -Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala – Doch die Hausbesetzer dachten sich -Diesen Plan den wollen wa nich - Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala...« Der Beifall im Wasserturm war laut.

Naomi Bleiberg ist erst vor drei Jahren aus dem biederen Friedenau ins bunte Kreuzberg gekommen, und aus der Zweisamkeit mit der Mutter in eine WG mit 7 Leuten auf drei Etagen in mehreren Wohnungen, alle durch Treppen miteinander verbunden. »Das war voll der Hammer, richtig schön. Wenn ich nach Hause kam, war immer jemand da, und immer gab es lecker zu essen, ne Riesenauswahl an ganz geilen Sachen, und meistens war auch irgendwo ein Stück Schokolade... – ich liebe Schokolade.« Das Hinterhaus war eine einzige WG, eine Villa Kunterbunt für die zehnjährige Pipi. Auf dem Dachboden konnte man „Sachensuchen“, es gab Sofas, Palmen und Hängematten unter dem Glasdach. »Jeder hat seinen eigenen Schlafraum. Es gab eine Gemeinschaftsküche und einen ganz leeren Raum, in dem man alles mögliche machen konnte, Musik, sich bewegen, Yoga, meditieren – und dann gab es noch ein extra Wohnzimmer.« Streit wegen des Geschirrs oder wegen der lauten Musik gab es auch - wie in den Hausbesetzerzeiten. Vor allem mit einer Mitbewohnerin gab es immer Streit. Die ist jetzt auch nicht mehr da. »Die hat sich rauskaufen lassen«, 10.000 Euro soll sie von den neuen Hausbesitzern
Foto: Dieter Peters
kassiert haben, wenn sie auszieht. »Das ist Schweinevielgeld, davon kann man sich sooo viel Schokolade kaufen«. Trotzdem ist das »Verrat. Wir sind doch hier eingezogen, um in einer Gemeinschaft zu leben. Da kann man doch nicht einfach abhauen.« Für Naomi ist dieses Haus mehr als nur ein Haus. Es ist ihr Zuhause.

Und das ist in Gefahr. Denn die neuen Hausbesitzer »sind irgendwie faul.« Es war an einem Dienstag, Naomi war krank gewesen und schlief noch, da klingelte es. Barfuß und im Schlafanzug stand das Mädchen vor „Frau Ehemann oder so ähnlich, und noch nem Typen, auch mit so nem komischen Namen, Himmelbach, glaub ich“. Ein Ingenieur war auch dabei, der die Wohnung vermessen wollte. »Ich weiß nicht, meine Mama hat mir nichts davon gesagt...«, sagte das Mädchen, aber die Beiden drängten, »sie müssten schließlich auch ihr Geld verdienen«, und da hat sie den Ingenieur eben reingelassen. Während der vermaß, setzte sich das Mädchen neben „Frau Himmelmann oder wie die hieß“ auf die Treppenstufen, »die sah ja ganz normal aus, so wie alle hier, und die redete auch ganz normal.« Sie brauchte nur ab und zu eine Frage zu stellen, ab und zu ein Stück Schokobrötchen zu reichen – »als hätte sie gewusst, wie gerne ich Schokolade esse. Wie die Hexe im Märchen...« - und Naomi erzählte und erzählte. Alles, was sie wusste über das Haus und die Nachbarn. »Ich hab halt so eine natürliche Art!«, sagt sie und hebt zur Entschuldigung die Schultern. Die Frau, die so viele Fragen stellte, versprach, alle Mieter im Hof zu einem netten Brunch einzuladen. »Und ich war total euphorisch, ich glaubte schon, ich hätte das Haus gerettet. Dabei hat die mich nur ausgehorcht. Voll gemein!«, und das Brunch gab es auch nie.

Naomi ist enttäuscht. Es gibt ja auch auf dem Gymnasium in Friedenau immer wieder so lustige Typen, die einen ärgern, die »Na Omi!« rufen und sich tagelang über irgendwelche blödsinnigen Fernsehsendungen auf Pro 7 unterhalten. Oder diese Zicken, die in Klassenkameradinnen eher Konkurrentinnen als Freundinnen sehen. Das ist auch enttäuschend. Aber vielleicht ist das auch Kinderkram und hört irgendwann auf. Diese neuen Hausbesitzer, die hören nicht auf!

Naomi ist noch keine sechzehn Jahre alt, sie ist optimistisch, fröhlich, manchmal auch ein bisschen traurig. Aber im Grunde lacht sie gern, macht Musik, hat einen Freund, »zehn Monate schon, immerhin«. Sie hat Lust auf das eigene Leben, das schon ganz nah vor ihr liegt. Sie streckt den Bauch vor, damit er schon wie eine Kugel aussieht, streicht zärtlich darüber, legt den
Foto: Privat
Kopf auf die Seite und sagt: »Eigentlich wollte ich keine Kinder haben. Ich dachte, die Welt ist zu schlecht für Kinder. Aber kürzlich, als ich mit meinem Freund beim Frühstück saß, hab ich mir gedacht, das muss schön sein, so eine kleine Familie...« Sollen sie doch lügen und betrügen, diese Ehemanns und Himmelbachs und wie sie alle heißen. Wenn die Welt so schlecht ist, dann müssen sie eben Kinder in die Welt setzen, die es besser machen.

»Aber nicht, dass du mir Konkurrenz machst!«, sagt die Mutter. Sie war erst in der elften Klasse, als der Bauch immer runder wurde. »Du wirst dein Abitur verlieren!«, riefen die Erwachsenen. »Quatsch!«, sagte die Mutter und machte aus Trotz ein Abitur mit 1,0. Dann ging sie nach Berlin und studierte Psychologie. Naomi ist stolz auf ihre Mutter. Und die Mutter ist stolz auf ihre Tochter. Sie sitzen vor den Fotoalben, lauter Reisen, Amerika, Griechenland. Griechenland war langweilig, sagt Naomi, »immer nur baden, sonnen, essen, schlafen, baden, sonnen, essen, schlafen...« Einmal fuhren sie mit einem Ford-Transit, den sie bunt angemalt hatten, »mit gelben Elefanten«, nach Kroatien. Das Blümchenkleid war auch dabei. Immer, wenn es Naomi so richtig gut geht, dann zieht sie dieses Blümchenkleid an, das sie sich vor Jahren und viel zu groß auf dem Flohmarkt kaufte, und das sie auch im Wasserturm trug. »Jeder soll sehen, wie gut es mir geht.«

Naomi Bleiberg überlässt wenig dem Zufall. Meist weiß sie, was sie will. Sie will Musik machen, »quasseln wie ein Wasserfall«, nachts über die Friedhöfe ziehen. Marmorstatuen künstliche Phalli umbinden. Erwachsene ärgern, wenn sie zu erwachsen sind. Sie hat noch so viele Träume, und sie hat sie geordnet, der Reihe nach. Platz 6: Immer ein Stück Schokolade in der Tasche. Platz 5: Ihre Ratte soll ewig leben. Platz 4: Nie richtig krank werden. Platz 3: Alle, die ich liebe, sollen mich lieben. Platz 2: Endlich einen Platz auf der Sophie-Scholl-Schule. Platz 1: »Ich möchte in unserem Haus bleiben. Und irgendwann eine eigene WG in der WAX gründen.«

Geld ist nicht auf der Wunschliste. Aber wenn sie eines hätte, dann würde sie »das Haus kaufen«. Und dann Schokolade. Mehr braucht sie nicht. Kein Fernsehen, kein Internet, keine Unterhaltung. Das Leben ist spannend genug. Manchmal geht sie mit Susi aus Syrien eine »weiße Schokolade« in der Espresso Lounge trinken. Und hört mit ihrem alten MP3-Player das Lied von Lieselotte Meyer, die einen Fremden heiratet, damit er nicht in die Heimat zurück muss. Weil dort ein Krieg tobt. Oder sie macht eben ihre eigene Musik. Singt ihr eigenes Lied. Von ihrer Heimat. In der kein Krieg tobt, wo aber der Kampf um ihr Zuhause begonnen hat. Dann singt sie auf der Bühne des Wasserturms das Lied von ihrem Haus und von den neuen Eigentümern: »Doch die Bewohner gehn nicht raus -WIR BLEIBEN ALLE IN DEM HAUS! -Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala -Und ganz Kreuzberg macht bald mit - Gentrifizierung ist doch Shit! - Wiederallala, wiederallala, wiederallallallala...« •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg