Kreuzberger Chronik
Mai 2011 - Ausgabe 127

Essen, Trinken, Rauchen

Ein Fremder in der Espressolounge


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von Horst Unsold

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Hinter der Panoramascheibe saßen in Ledersesseln vor niedrigen Tischchen interessante Leute. Frauen mit Hüten, Männer mit Schals, Frauen mit effektvoll übereinander geschlagenen Beinen in hohen Stiefeln, Männer mit akkurat gebundenen Schuhsenkeln über glänzend schwarzem Leder. Alle hier sahen aus wie in französischen Filmen, und sie hatten alle mindestens so viel zu erzählen wie in französischen Filmen. Sie sprachen mit der Kaffeetasse in der erhobenen Hand, mit erhobener Gabel, mit hochgezogenen Augenbrauen oder mit spöttischem Lächeln.

Neben den Rednern gab es die Leser. Sie saßen lässig zurückgelehnt in ihren Sesseln und sprachen nur über den oberen Rand der vor der Brust aufgespannten ZEIT hinweg. Oder mit leicht zur Seite geneigtem Kopf rechts an der aufgeschlagenen FAZ vorbei. Sie wären nie auf die Idee gekommen, ihre Blätter zusammenzufalten, um mit dem Tischnachbarn zu kommunizieren. Damit signalisierten sie unablässig, dass ihnen das gedruckte Wort mehr wert war als die vergänglichen Worte eines zufälligen Gegenübers.

Drinnen also saßen lauter wichtige Leute, und draußen stand ein älterer Mann, ohne Schal, ohne Hut, ohne Schirm - obwohl es regnete. Er spähte durch die nasse Scheibe, so, als suche er etwas, ging zuerst ein Stück nach rechts, dann nach links. Nur zögernd betrat er das Café, ein grauhaariger FAZ-Leser schielte unter dem Rand der Zeitung nach dem nassen Schuhbändel, das der alte Turnschuh des Fremdlings nach sich zog. Langsam und vorsichtig, um jeden Tisch und jeden Menschen einen respektvollen Bogen beschreibend, ging der Fremde nach hinten.

Nach einem kurzen Blick kehrte er resigniert zum Tresen zurück. Er fragte eines der Mädchen, aber das wandte ihm gleich wieder den Rücken zu, um an der Espressomaschine zu hantieren, die ohrenbetäubend lärmte. Er fragte noch einmal, diesmal lauter: »Haben Sie vielleicht ein junges Mädchen gesehen, mit Rastalocken und einer bunten Hose, so wie im Zirkus?«

Das Mädchen an der Espressomaschine sah ihn stumm und fragend an. »Das ist meine Tochter, wir sind hier verabredet. Sie trinkt immer weiße Schokolade.« – »Die haben wir gerade nicht. Möchten Sie etwas anderes?« – »Ich suche meine Tochter...« – »Die ist hier nicht...«, sagte das Mädchen an der Kaffeemaschine und lächelte einem jungen Mann zu, der neben dem alten Mann stand, und dessen Haare aussahen, als hätte er sie mit Kämmen hochgesteckt. »Was darf´s bei dir sein?« – »Einen Latte bitte...« Abermals folgten die Blicke des FAZ-Lesers dem nassen Schuhsenkel, der hinter dem alten Turnschuh wieder auf die Straße hinaus gezogen wurde. •


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