Kreuzberger Chronik
Mai 2011 - Ausgabe 127

Geschäfte

Kleider im Kilo


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von Saskia Vogel

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Es gibt viel Gebrauchtes auf der alten Trödelmeile in der Bergmannstraße. Auch Kleider. Zu Kilopreisen

Wenn ich bei Colours stehe, wird mir klar, wie normal ich geworden bin, bedauert eine Frau, die aus dem Studentenalter längst heraus ist. Sie kommt aus der Finanzbranche, dort ist Gewagtes »gerade nicht so angesagt«. Doch jetzt ist Samstagnachmittag, und da hat sie sich zwischen die kaufwütigen Teens und Twens in den Kleidermarkt gezwängt, um irgendeine absurde Modekombination auszuprobieren: Ein Brautkleid unter der Lederjacke. Oder eine Badehose zum Jackett.

Auch die jungen Leute, die in der Bergmannstraße auf Second-hand-Jagd gehen, wollen das Außergewöhnliche und tragen zur Pailletten-Bluse am liebsten abgeranzte Trainingshosen. Die Achtziger-Generation genießt alle Freiheit der Welt. Sie zieht vom Dorf nach Berlin, von Barcelona nach Kreuzberg, von der Seine an die Spree. Sie steht auf Vintage-Klamotten von Colours, verwechselt Individualität mit Mode und ersetzt Persönlichkeit durch Klamotten. Das endet dann in einer desaströsen Kombination aus zu kurzem Schottenrock, neongrüner Strumpfhose und Bierflasche in der Hand.

Männer, die etwas von Mode verstehen, tragen grellfarbene Boxerstiefel zu Röhrenjeans und ein Frotteeschweißband vor der Stirn. Grauenhaft, aber passend dazu: ein schmaler Oberlippenbart. Frauen überschmieren ihre unbehaarten Lippen ersatzweise nachlässig mit Rotstift. Alle bei Colours hätten am liebsten einen riesigen »Mega-Bag«, eine Einkaufstasche, in die ihr ganzes Lebensgefühl hineinpasst, all diese kleinen Beweise der großen Freiheit: breite Paillettengürtel, Stirnbänder mit Pfauenfedern und goldene Riemchensandalen, in denen es sich – mit Wollsocken kombiniert – auch bei Minusgraden im »Salon zur Wilden Renate« tanzen lässt.

Finanzbranchen-Taugliches gibt es im Hinterhof der Bergmannstraße nicht. Stattdessen sind im 1.000 Quadratmeter großen Gewerbeloft massenhaft Ballonseide und Kaninchenfell-Mäntel aufgebügelt. In Rollcontainern werden Halstücher, Gürtel und Umhängetaschen aus den letzten vier Jahrzehnten kompostiert, das Schuhregal quillt über. Der Clou: Die Ware im vorderen Ladenteil wird zu Festpreisen verkauft, die Kleidung in der »Kilo Section« dagegen nach Gewicht. 14,99 Euro kostet das Kilo, und am Dienstag gibt’s zusätzlich 30 Prozent Happy-Hour-Rabatt.

Solche »Abwiege-Läden« gäbe es überall, erzählt die Finanzexpertin, und in jedem dieser Läden stünden Schaufensterpuppen mit abgebrochenen Fingern oder abgeschrammten Gesichtern als Dekoration herum. Immer röche es »nach Pelz und altem Leder, ob in London,
Foto: Michael Hughes
Berlin oder Barcelona.« Der Geruch sei immer der gleiche und genau der von damals, als sie mit ihrer Clique einen Wochenend-Trip nach London unternahm. »Das Highlight war, als wir endlich den berühmten SecondHand-Laden in Soho gefunden hatten.« Erst wenn man in der Kleiderkammer einer Stadt gewühlt und sich Pelzmäntel verstorbener Omas übergeworfen, erst wenn man den extravaganten Lollipop-Fummel gekauft hätte, den man zuhause nicht mal anprobiert hätte, erst dann kenne man das Feeling einer Stadt.

Das Feeling bei Colours ist dennoch einmalig. Zum Swing im Hof quietschen die Nylon-Dessous auf ihren metallenen Bügeln, die von aufgeregten Frauen über die Kleiderstangen geschoben werden. »Würdest du einen gebrauchten BH kaufen?«, fragt eine Germanistikstudentin ihre Kommilitonin. »Igitt, nee, nicht so. Aber das rosa Korsett hier?« Auf die Waage geworfen, würde das dünne Teilchen gerade einmal 90 Cent kosten. Die Germanistin hat ihr Haar zum Mob verschnitten, die andere in Wasserwellen gelegt. Zum Reifrock trägt sie durchgetretene Lederstiefel, und sie schlurft beim Gehen. Sie hat eigentlich alles richtig gemacht: Natürlich darf das Kleidchen nach »Mademoiselle« aussehen, aber es darf eben nicht nur nach »Mademoiselle« aussehen. Es muss nach »Mademoiselle in einer unrenovierten Altbauwohnung mit Zigarettenkippen in der Spüle« aussehen. Nach »Mademoiselle« im Secondhand-Hinterhof-Kleidermarkt. Mit Industrie-Lampen und Waldlandschaft-Fototapete. Also trägt frau zum feinen Kleidchen ausgetretene Schuhe.

Dass sich das trashige Outfit besonders in Szene setzen lässt, wenn man an seinem Lippenpiercing kaut, hat ein missmutiger Spanier gut verstanden. Mit unrasiertem Gesicht auf einem Sessel herumlungernd wartet er scheinbar gelangweilt darauf, dass die Umkleidekabine frei wird. Doch da ist Hochbetrieb, die Umkleiden im Colours haben eine ganz besondere Anziehungskraft. Die mitten im Raum an halbrunden Stangen aufgehängten, viel zu kurzen Stoffbahnen kann man zerren, wohin man will: Immer bleiben breite Schlitze zum »Gesehen-Werden« frei. Die zwei schwulen Youngster, die sich gerade in die Kabine verdrückt haben, um Glitzerkram anzuprobieren, zeigen käsige Waden, hüpfen aufgeregt herum, um in Röcke zu schlüpfen, zeigen Füße in Sportsocken, die Storchenschritte vollführen, um in Hosen zu kommen. Gelächter und Gerangel, die Stoffbahnen beulen sich aus, die Jungs müssen mit den Armen rudern, um nicht aus der Umkleide heraus auf den Fußboden zu rollen. Den Spanier aber interessiert das alles wenig, mehr als eine überdimensionierte Hornbrille wird er ohnehin nicht kaufen.

Die schwulen Jungs aber werfen Glamour-Fummel en masse auf die Kassenwaage. Und die Frau aus der Finanzbranche möchte jetzt ihre goldene Synthetik-Bluse bezahlen. Die will sie am Abend auf der Party anziehen. Aber irgendwie hat sie das Gefühl, »dass die besten Teile immer schon vergriffen sind.« Wahrscheinlich sind ihr diese 20-Something-Käuferinnen mit ihrem jugendlichen Leichtsinn zuvorgekommen. Vielleicht aber ist es auch ein generelles Gefühl, das sich bei Frauen, die keine zwanzig mehr sind, irgendwann einmal einstellt, und das dann nie wieder weggeht: dass das Beste schon vergriffen ist.•


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