Kreuzberger Chronik
März 2011 - Ausgabe 125

Strassen, Häuser, Höfe

Dresdner Straße Nr. 34


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von Werner von Westhafen

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Wo einst das Haus der Kochhanns stand, befinden sich heute die »Engelgärten«: Fünf weiße Wohnquader mit 77 Wohneinheiten



Im Jahre 1761 lag das Haus mit der Anschrift Dresdener Straße 34 noch am Rand des Köpenicker Feldes mit seinen ausgedehnten Feldern und Gärten. Ein junger Mann, der aus der Lausitz nach Berlin gekommen war, um das Backen zu lernen, hatte es gekauft, hundert Jahre diente es der Familie des Bäckermeisters als Wohnsitz und als Arbeitsplatz. Kinder und Enkelkinder wurden in ihm geboren, das letzte von ihnen tauften sie in der Luisenstädtischen Kirche vor dem Stadttor auf den Namen Heinrich Eduard. Viele Jahre später steht dieser kleine Nachfahre der Kochhanns dem Bildhauer Albert Wolff Modell, der sein Ebenbild in das bronzene Relief am Fuß der Siegessäule einfügt, und 1875 wird der Sohn der Bäcker zum Ehrenbürger der Stadt Berlin ernannt – ebenso wie jener General Wrangel, der die Revolution von 1848 verriet und Kochhann zunächst sämtliche Ämter kostete.

Denn anders als der Ehrenbürger Wrangel war der Enkel des Bäckers ein überzeugter Revolutionär und Mitglied jener Delegation, die mit dem König über den Abzug der Truppen und die Gewährung demokratischer Rechte verhandelte. Nach dem Scheitern der Demokraten gehörte er zu jenen 28 Stadtverordneten, die öffentlich gegen die Verleihung des Ehrenbürgertitels an den Konterrevolutionär Wrangel protestierten und daraufhin aus der Stadtverordnetenversammlung ausgeschlossen und ihrer Ämter enthoben wurden. Kochhann, vom schmutzigen Geschäft der Politik enttäuscht, zog sich ins Privatleben zurück.

Die unbeugsame Haltung Kochhanns hatte ihren Ursprung im Gymnasium zum Grauen Kloster, »fast alle Lehrer«, schrieb Kochhann später in sein Tagebuch, »waren von liberalen Ideen erfüllt, nicht im Sinne der Überstürzung, sondern aus gewonnener Überzeugung des Studiums der Geschichte und Wissenschaften.« Um so schmerzlicher war es für den jungen Schüler, nach dem Tod der Mutter und des Bruders das Studieren aufgeben zu müssen, um in der Bäckerei zu helfen. Am Ende seines Lebens aber wusste er, dass ohne die Jahre in der Bäckerei, ohne die ständige Nähe zum Leben der einfachen Menschen womöglich nie jener engagierte Bürger aus ihm geworden wäre, der sich für Bildung und Gesundheit und die Errichtung eines Städtischen Krankenhauses einsetzte, und der sich für Sportunterricht in den Schulen und Erholungsgebiete in der immer dichter bebauten Stadt stark machte. »Die Tiefen des menschlichen Elends«, schreibt er später, »verschuldet oder unverschuldet, eröffneten sich meiner Erkenntnis und regten sehr bald die Fragen in mir an, ob und wie der einzelne (...) hier helfend eintreten könne«.

Obwohl sich der Sohn zunächst um das Unternehmen des Vaters kümmern, früh aufstehen und das kleine Haus in der Dresdener Straße vor der Verpfändung retten muss, findet er noch Zeit genug, sich in die Politik einzumischen und seine Bürgerrechte wahrzunehmen, in denen die meisten Berliner vor allem die Erfüllung lästiger Pflichten sehen. Kochhann erkennt in der Selbstverwaltung der Stadtgemeinden eine Befreiung vom Diktat des preußischen Staates -auch wenn dieses Bürgerrecht nur jenem Teil der Berliner Oberschicht zufällt, der über Grundbesitz oder ein Einkommen von mindestens 200 Talern verfügt. Die Bürgerrechte sind ein erster demokratischer Ansatz, dem 1848 die Revolte folgt.

Kochhann ist kein Kämpfer an vorderster Front. Er agiert in der zweiten Reihe, steht der 32. Armenkommission der Stadt vor, engagiert sich im Luisenstädtischen Wohltätigkeitsverein, in der Cholera-Kommission, wird Mitglied des neu gegründeten Bürgervereins, arbeitet in der Gemeinde und profiliert sich in jenen Gruppen der Berliner Turnerschaft, die sich als politische Bewegung und nicht als Gymnastikclub verstehen. Die lange Reihe verschiedenster Ämter, die Kochhann bekleidet, ist beeindruckend und macht ihn zu einem Vorläufer der alternativen Kreuzberger Netzwerker.

1839 wird Kochhann Stadtverordneter im Köllnischen Rathaus, wo er sich vehement für die Festschreibung der bürgerlichen Rechte in einer Verfassung einsetzt – wogegen der König sich ebenso vehement wehrt. Zwar distanzierte sich der brave Bürger und Kirchengänger vom gewaltsamen Kampf der Arbeiter für ihre sozialen Rechte, stimmt jedoch mit den Zielsetzungen der 48er-Revolution überein. Die Schuld an deren Scheitern gibt er weniger den Vertretern der Monarchie als jenen, die zu wenig Kampfbereitschaft und Idealismus mitbrachten: Den kleinbürgerlichen, vom Egoismus beflissenen »Gasthofbesitzern, denen die Logiergäste fehlten, Ladeninhabern, denen die Käufer ausblieben, (...), und einer großen Zahl von Bürgerwehrmännern, die ihres lästigen Dienstes satt waren« und sich im allgemeinen Chaos nach »der Wiederherstellung einer festen Ordnung« sehnten. »So kam es, daß die alte reaktionäre Partei von neuem ihr Haupt erheben konnte.«

Kochhann verlor zunächst alle Ämter, kehrte aber Ende der Fünfzigerjahre als Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung in die Politik zurück, ließ Schulen und in der Prinzenstraße die erste Turnhalle Berlins bauen. 1864 verwandelte er den alten St. Jakobsfriedhof in einen Park mit öffentlichem Kinderspielplatz, 1869 bewirkte er den Bau des ersten Städtischen Krankenhauses am Friedrichshain. Am 11. Februar 1890 stirbt der leise Widerständler, Tausende von Berlinern geben ihm auf dem Weg zur letzten Ruhe auf dem Luisenstädtischen Friedhof an der Bergmannstraße das Geleit. •


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