Kreuzberger Chronik
März 2011 - Ausgabe 125

Briefwechsel

Ewiggestrige


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Autor unbekannt

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Herr XY (per email) zu »Das Geschäft mit den Fremden« in der Kreuzberger Chronik Nr. 124

Sehr geehrte Kreuzberger!

Hier meldet sich einer jener Bösen zu Wort, die mit den Touristen in Kreuzberg »Geschäfte« machen möchten, und die, wie Ihr Autor in der Februarausgabe Ihrer heimatlichen Chronik suggeriert, den Kreuzbergern ihr geliebtes Kreuzberg wegnehmen möchte.

Ich gestehe, kein eingeborener Kreuzberger zu sein, sondern einer jener Fremdkörper, die von nichts eine Ahnung haben. Ich bin aber, nach knapp zwei Jahren im so genannten »Kiez«, glücklich darüber, keiner dieser ewiggestrigen Kreuzberger zu sein. Und ich bin froh, nicht in solchen verrauchten Spelunken wie dem Heidelberger Krug oder dem Anno 64 sitzen zu müssen, sondern in der Osteria umgeben von angenehmen Mitmenschen ein Glas Wein trinken zu können.

Als ich ihr Heft zum ersten Mal in der Hand hielt, dachte ich: Das ist Kreuzberg! Solche Sachen stellen die hier auf die Beine! Aber nach genauerem Studium musste ich feststellen, dass auch dieses scheinbar harmlose und schöngeistige Heft voller Vorurteile gegen alles Fremde und nichts anderes als eine linke Propagandazeitschrift ist.

Wie sonst ist es zu erklären, dass Sie, ich zitiere, vom »Ausverkauf Kreuzbergs« schreiben? Oder dass Sie jeden Besitzer einer Eigentumswohnung gleich zum Immobilienhai abstempeln, und jeden, der seine Wohnung in den Sommermonaten mal vermietet, zum geldgeilen Hotelbesitzer. Sie können froh sein, wenn es für die jungen Gäste Ferienwohnungen in Mietshäusern gibt. Früher hätte man diese Häuser abgerissen und Hotelblöcke gebaut. Wäre ihnen das lieber?

Aber Sie sind eben Ewiggestrige. Sie stören sich an Souvenirs und Souflakis in der Bergmannstraße, am Eisstand und am Postkartenladen. Und Sie lästern über einen Wirtschaftsstadtrat, der mit dem Tourismus die Bezirkskasse füllen möchte. Sie können doch die Welt nicht teilen in die Guten, das sind offensichtlich die Hartz-Empfänger, und die Schlechten, das sind wir. Weil wir arbeiten. Weil wir hier Geschäfte, Büros, Arbeitsplätze gründen. Steuern zahlen. Dafür sorgen, dass hier nicht überall der Putz von den Häusern fällt. Ohne Investoren wie uns wäre Kreuzberg doch längst ausgestorben. XY


Lieber Herr XY, Wir bedanken uns herzlich für diesen aufschlussreichen Brief. Wir würden uns wünschen, öfter solche deutlichen Zuschriften zu erhalten. Sie sind vorzüglich geeignet, unser Vorurteil gegenüber den neuen Einwanderern nachhaltig zu verfestigen. Sollten Sie Ihrerseits Interesse haben, die Abneigung gegenüber politisch-kritischer Gesinnung zu verstärken, dann empfehlen wir Ihnen einen Besuch des Mehringhoftheaters. Zwei Freikarten liegen– so wie für jeden anderen Autor eines Leserbriefes auch– für Sie bereit. Die Redaktion


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