Kreuzberger Chronik
Juni 2011 - Ausgabe 128

Herr D.

Der Herr D. auf der Seite der Sieger


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von Hans W. Korfmann

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Vom Verlust der Kreuzberger Mischung

Der Herr D. war leidenschaftlicher Amateur. Er war zu neugierig, um sich in irgendeine Sache derart zu vertiefen, dass für Neuentdeckungen kein Platz mehr blieb. Sogar beim Fußball, wo sich halb Deutschland zum Kommentator aufspielte, blieb der Herr D. ein Anfänger.

In Kreuzberg allerdings hatte er eine gewisse Zuneigung zum Ballspiel entwickelt. Seit Hansi vom Matto anlässlich der EM vor 11 Jahren aus Stühlen und Bierkästen ein Podest für seinen kleinen Fernseher konstruiert hatte, verfolgte auch der Herr D. die Spiele, die die Welt bewegten, und als kürzlich Madrid gegen Barcelona antrat, stand er mit seinem Bier in einer Kreuzberger Kneipe mit Großbildleinwand. Während die Spieler über den Rasen, die Bildschirme und die Leinwände jagten, saß das fachkundige Publikum in bequemen Sesseln und auf Barhockern. Hinten die älteren Herrschaften, vorn am Tresen die Jungen, deutlich in der Überzahl und allesamt Barcelonafans. Wenn Madrid foulte, buhten sie, wenn Barcelona das Bein streckte, schwiegen sie. Zwischendurch quatschten sie:

»Ich habe ne neue Maus von Logitech, das ist schon Qualität.«

»Bei Saturn gibts ein Sonderangebot....«

Die braven Jungen tranken Cocktails und Fruchtsäfte, hielten die ohnehin zu kurz geschnittenen Haare mit Sonnenbrillen zurück und sprachen mit dem Barmädchen, als sei sie Mutter Teresa:

»Könnte ich vielleicht noch einen Orangensaft haben bitte?«

»Das war doch Rot!«, schrie ein Alter aus der letzten Reihe, als ein Außenseiter über das gestreckte Bein eines Favoriten fiel.

»Schwachkopf!«, meinte einer der Studenten.

Komisch, dachte der Herr D. In Kreuzberg hielten doch alle zusammen. Die Zuschauer gegen die Spieler. Die Amateure gegen die Profis. Die Armen gegen die Reichen.

»Ich hab jetzt nen Job bei Mercedes. Ich wollte immer schon in die Automobilbranche, Firmenwagen vom Feinsten. Wenn ich da richtig reinkomme, häng ich das Studium an den Nagel...«

Da schoss Madrid das Ausgleichstor. »Scheiße!«, sagte der Student. Der Alte in der letzten Reihe jubelte. »Die haben echt noch Hoffnung da hinten!«, lachte der Student.

Komisch, dachte der Herr D. Früher, da waren die Kreuzberger immer auf der Seite der Außenseiter, der Kleinen, der Verlierer. Ganz Berlin grölte, wenn Bayern verlor. Weil man in Berlin diese teuren Siegertypen nicht leiden konnte. Jetzt waren alle auf der Seite der Gewinner. Egal, ob sie Mercedes oder Barcelona hießen. •


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