Kreuzberger Chronik
Juli 2011 - Ausgabe 129

Strassen, Häuser, Höfe

Die Oranienstraße 14a


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von Michael Unfried

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Kneipen sind die Rückzugsgebiete der Kreuzberger Urbevölkerung. Dazu gehört der Goldene Hahn am Heinrichplatz.



Es gibt Häuser unter Denkmalschutz, Häuser mit Gedenktafeln, ganze Wohnviertel, Städte, die zum Weltkulturerbe erklärt werden, Kirchen, Burgen und Schlösser… Über eine urige Berliner Kneipe und ihre Stammkundschaft hält die Unesco keinen Schutzschirm. Obwohl es durchaus Lokalitäten gibt, die ihren Schutz verdient hätten. Nicht nur ihres antiken Interieurs, ihrer imposanten Architektur und ihres alten Mauerwerks wegen – sondern etwas noch viel Wertvolleren: ihrer Gäste.

Das nahmen zwei literarisch ambitionierte Stammkunden eines Wirtshauses in der Oranienstraße zum Anlass, einen wohlformulierten Brief zu verfassen. Am 18. Februar 1998 beantragten »die Unterzeichner bei der Deutschen Unesco-Kommission, daß die Gaststätte Zum Goldenen Hahn als Kulturerbe der Welt in die Liste Deutscher Denkmäler aufgenommen wird.« Die Hofpoeten des Hahns begründeten ihren Antrag unter vielem anderen mit einer noch »bestehenden, hochentwickelten Trink-und Geselligkeitskultur«, einer »epochal bedeutsamen Ausstattung«, wie zum Beispiel einem »funktionierenden Heizregister, einem Hirschschädelfragment« an der Wand und, womöglich auf Grund eines fehlenden Hahnes, einem »präparatorisch beachtlich ausgestopften Uhu«. Das wichtigste Argument, das für den Erhalt der Eckkneipenkultur am Heinrichplatz sprach, sparten sie sich bis zum Schluss ihres Briefes auf: »Die sozialpolitischen Veränderungen in Deutschland bedingen insbesondere seit 1989, dass öffentliche Räume und vollendet belebte Baulichkeiten, zu denen auch die oben genannte Gaststätte Zum Goldenen Hahn zählt, durch gewinngierige Wühlarbeiten und Designsucht postmodern gleichgesinnter Architekten ihrer Überlebensmöglichkeiten beraubt werden.«

Das Unterfangen erregte öffentliches Interesse. Auch wenn in einem Buch, das später zu der Geschichte mit dem Hahn und dem Weltkulturerbe erschien, und in dem ein Gutteil der schützenswerten Gesellschaft des Goldenen Hahns mit kleinen Geschichten aus der Gastwirtschaft zu Worte kam, Thomas Kapielski offen zugab, dass man in »Würglichkeit« eher eigennützige Interessen verfolgte als das Wohl der Menschheit: Im Grunde ging es darum, das eigene Wohnzimmer zu erhalten, denn man befürchtete, dass »bald auch die letzten Bierlöcher in Bankfilialen oder türkische Gemüsepaläste umfunktioniert werden« könnten.

Gemeinsam mit einer Unterschriftenliste erreichte das Schreiben, dessen Inhalt vorsorglich gleich an die Medien weitergegeben wurde, die Inspektoren der Weltkulturaufsicht.

Schon wenig später klingelte bei Kapielski das Telefon, am anderen Ende eine quirlige Stimme von Avanti-Media-2000-Filmproductions: »Wir haben von Ihrer echt lustigen Initiative im Goldenen Hahn gehört und fanden das echt super und wollten da gleich mal vorbeikommen und eine Produktion anrecherchieren. Könnten wir uns irgendwo treffen?« Glaubt man der Erinnerung des Autors, antwortete er mit einem etwas einsilbigen: »Nö!«

Tatsächlich fragten einige Fernsehsender in der Kneipe an, gesendet wurde nie etwas. Die Gesellschaft aus dem Goldenen Hahn konnte sich die aufdringlichen Filmteams vom Leibe halten. Nicht jedoch die schreibenden Journalisten, darunter bekannte Namen wie Bruno Preisendörfer: »Die Magdeburger haben es nicht geschafft, ihren Dom zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Aber was ist der Dom in Magdeburg schon gegen den Goldenen Hahn in Kreuzberg?« Und Jörg Magenau schreibt, dass bereits aus dem Blauen Affen am Hermannplatz und aus dem Weißen Elefanten so etwas wie pastellfarbene »Eisdielen« geworden seien. Ein ähnliches Schicksal befürchtet Magenau beim Goldenen Hahn, in dem »der Rauch so dicht steht, dass man die Trinker am Nebentisch nur noch schemenhaft erkennt«, was nichts macht, da es »sowieso immer dieselben sind. Die Schachspieler gleich neben der Tür haben üppige weiße Bärte, zum Zeichen, dass sie schon seit vielen Jahren so sitzen«.

Auch »Inge«, die langjährige Wirtin, ist älter geworden, seit sie vor dreißig Jahren das Lokal samt allen Gästen, die sich alltäglich unter der großen Schultheißleuchte versammelten, übernahm. Denn schon 1957 hatte das Ehepaar Burau diese Wirtschaft für Jedermann eingerichtet, und auch Inge öffnete ihre Tür nicht erst am Abend, sondern versammelte Existenzen in ihrem kleinen Reich, die ganz besonders «zur frühen Tageszeit keinen Platz im Leben und in der Welt fanden.« Und davon gab es einige in der Straße.

Während das etwas antiquierte, aber quicklebendige personelle Inventar und die Räume der kleinen Gesellschaft vom Goldenen Hahn schutzlos dem Fortschritt der Zeit ausgeliefert sind, steht das Haus selbst seit vielen Jahren unter Denkmalschutz. Nachdem der kleine Platz an der Oranienstraße 1849, drei Jahre nach dem Tod des Prinzen Heinrich, seinen Namen erhalten hatte, entwickelte sich eine rege Bautätigkeit. Alle Häuser am Platz entstanden zwischen 1860 und 1866, auch die weltkulturerbeverdächtige Nummer 14 a, und sie gehören heute zu den ältesten im Viertel.

Doch trotz eines historischen Gebäudeensembles, trotz allen Wirbels und einer äußerst erfolgreichen Pressearbeit, trotz eines bereits in der 4. Auflage erschienenen Buches voller kleiner Anekdoten aus dem Goldenen Hahn, und trotz eines überaus engagierten Publikums hatte die Unesco kein Einsehen. Sie überließ die Wirtschaft der Marktwirtschaft, und damit ihrem kapitalistischen Schicksal.•


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