Kreuzberger Chronik
Juli 2011 - Ausgabe 129

Geschichten & Geschichte

Ludwig Nikolai Menkhoff


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von Werner von Westhafen

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Voller Sympathie fotografierte er Kreuzberg, den freiesten Teil Europas. Doch seine Seele war immer in Russland



Wenn sich die Gelehrten, Historiker und Kunsttheoretiker über Berühmtheiten und Interpretationen von Werken und Taten streiten, wenn die Biografien bekannter Persönlichkeiten legendenumwoben, idealisierend und oft vollkommen widersprüchlich sind, dann ist das nichts außergewöhnliches. Je mehr über sie geschrieben, berichtet und gesendet wird, umso vielschichtiger und vielfältiger wird ihre Persönlichkeit.

Wenn es sich aber um einen Unbekannten handelt, jemanden, über den Zeit seines Lebens kaum ein Wort geschrieben wurde, und der eigentlich nur in einigen Kreuzberger Kneipen nahe der Oranienstraße von sich reden machte, dann ist das schon etwas Besonderes und vielleicht die Geburtsstunde einer post mortem zur Berühmtheit gelangenden Persönlichkeit.

Im Fall von Ludwig Nikolai Menkhoff könnte das der Fall sein – auch wenn der Nachlass des Ikonographen, Fotografen und Dichters nur ein kleiner Schatz ist. Denn vieles, vor allem die umfangreichen Tagebücher, in denen er in akribischer Handschrift von seinem Leben in Kreuzberg erzählte, sind eines Tages in seinem »gefräßigen Ofen« gelandet, von dem die Freunde einhellig berichteten, dass er stets für eine »Bullenhitze« in seinem »kleinen Russland« gesorgt hatte – so bezeichnete er das Rückzugsgebiet seiner Wohnungen. Vielleicht war es gerade der Verlust dieser Bücher, der das Wachstum der Legenden und Gerüchte, die sich bald nach Ludwig Nikolai Menkhoffs Tod in rasantem Tempo um die Kneipenlegende rankten, förderte.

Ein im Tagesspiegel am 27. Juni 2008 erschienener Nachruf war der Beginn eines regen Schriftverkehrs zwischen Autoren und Freunden, die ganz offensichtlich alle den selben Mann zum Thema hatten, aber ziemlich Unterschiedliches in ihm sahen. Am Ende erschien im Kramer Verlag ein ganzes Buch mit »Erinnerungen an einen Unangepassten« und scheinbar auch Unbekannten. Der Anlass dazu war die Kontroverse über den Nachruf im Tagesspiegel, der Teilen des Freundeskreises des unbekannten Menkhoff als »Rufschädigung, ja als Totenschändung« erschien. Die leidenschaftlichen Diskussionen darüber, wie der junge Menkhoff in den Kriegswirren eigentlich in Russland gelandet war, ob er wirklich – wie durch ein Wunder – volltrunken durch das Granatfeuer lief, ohne getroffen zu werden, und ob ihm ein eifersüchtiger Liebhaber, ein deutscher Fliegenpilzkoch oder ein wütender Türke das Messer in den Bauch rammte, das ihn beinahe viele Jahre früher hätte sterben lassen, all das sind im Grunde Beweise dafür, wie wenig gleichgültig dieser Mann den anderen war. Wie sehr sie seine Gesellschaft und seine Geschichten schätzten – unabhängig davon, wie viel Seemannsgarn darin verwoben war. Treffend hat auch der Herausgeber dem Büchlein mit den Erinnerungen einen alle versöhnenden Satz von Max Frisch vorangestellt: »Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.« Sicher ist, dass Menkhoff 1923 in Deutschland geboren wurde, im Krieg in Russland war, danach im kommunistischen Teil Deutschlands lebte, später als Exot unter lauter Türken in der Adalbertstraße Nr. 14 und in der Naunynstraße Nr. 60 wohnte; dass er im Jodelkeller zuhause war, im Goldenen Hahn, in der Schwarzen Else, im Bierhimmel,
in der Roten Harfe…; dass er Arthur Märchen kannte, Mühlenhaupt, Rio Reiser und die Clique aus dem Goldenen Hahn; dass er gebildet und immer gut gekleidet war; dass in seinem »Wohn- und Arbeitszimmer, rechts neben der Türe, ein Allesbrenner« stand, und dass »die Ofenwände glühten«, wenn er irgendwann zu seinen Kumpanen sagte: »Jungs, aber einen Moosbeerenlikör trinken wir noch«. Er sprach von der »Gefräßigkeit des Ofens«, der eines Tages sogar seine Tagebücher verschlang. Menkhoff erzählte oft und gerne, dass die Mutter im KZ gewesen und er ein russischer Jude sei, dass er auf Bananendampfern um die Welt gefahren, Glasmaler, Elektriker, Drucker, Ikonenmaler und Fotograf sei. Und dass seine Frau eines Tages mit einem GI nach Amerika ausgewandert und er schwul sei. Doch gibt es neben all den Gerüchten und Geschichten noch die Bilder, die Menkhoff hinterlassen hat. Es gibt die Briefe und Karten, die er unermüdlich an Freunde schrieb, an Vater Jelassios auf dem Berg Athos, oder an Ulrich Bachmann, einen Freund, dem er dreißig Jahre lang schrieb, am Ende über 1.000 Briefe. Bachmann hat sie alle aufbewahrt: Briefe, in denen er über Politiker schimpfte, »dieser korrupte Klüngel«, oder über die »Theolügen«, die den Namen Christi benutzten, »um ihre Taschen zu füllen.« Briefe, in denen er von seiner Arbeit, den Ikonen, die er »nur unter ständigen Gebeten« malte, erzählte, und von den Studentenkneipen, in die es ihn trieb, »um beim Trinken und Diskutieren zu vergessen«. Er berichtete vom »Berliner Schlamassel«, dem »Kreuzberger Sumpf«, der der einzige Platz« auf der Welt zu sein schien, der »ihm ein Minimum an Raum zum Atmen« ließ, und den er als den »freiesten Teil Europas« bezeichnete. Seine »Kleine Galerie«, sein Arbeitszimmer, dessen Wände mit Fotografien tapeziert waren, war eine einzige Hommage an Kreuzberg. Und doch tauchte in seinen Briefen immer wieder die Heimat auf, das »kleine Russland« in seinem Herzen: »Ich habe meine (deutschen) Wurzeln nicht vergessen, fühle mich aber den Russen und Russland am meisten verbunden.«

Natürlich litt der alte Mann mit der russischen Seele an der Einsamkeit. Als am 7. Januar 2002 sein Kanarienvogel Pieter starb, schrieb er an seinen Freund Bachmann: »Nach über 14 Jahren hat er mich verlassen. Einen neuen will ich nicht. Mich hat es tiefer berührt, als ich vermutet hätte…« Und auf die Rückseite einer Kneipenrechnung schrieb er:

Ich bin ein Seiltänzer auf dem Seil des Lebens Meine Schritte werden unsicher Ich sehe nicht mehr das mich tragende Seil Mein Fuß tastet, strauchelt Ich weiß, daß ich stürze Kein Netz wird mich auffangen Ein echter Seiltänzer benötigt kein Netz Er weiß, daß unter ihm ein Fänger steht: Der Tod.« •

Lliteraturnachweis: erinnerungen an einen unangepassten, 2011, Karin Kramer Verlag, iSBN 978-3-87956-345-6, 10 euro




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