Kreuzberger Chronik
Juli 2011 - Ausgabe 129

Geschäfte

Tattoolos


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von Michael Unfried

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Seemänner schworen den nackten Bräuten auf ihren Armen ewige Treue. Heute sind Tattoos vergänglich

Zuerst, nach dem Krieg, waren es Trödelläden. Dann Läden mit Räucherstäbchen, Patchouli und indischen Klamotten. Dann Stadtteilläden, Buchläden, Plattenläden. Und zuletzt kamen die punkigen Tattooläden. Wie Pilze schossen die Studios zur Verzierung der Hautoberfläche aus dem Kreuzberger Boden, ein Ende ist nicht in Sicht, jeden Monat eröffnet irgendwo ein neuer Laden. Kreuzberg ist eben noch immer ein bisschen anders.

Auch wenn es manchmal so aussieht, als würde der Zonenrandbezirk allmählich normal: Unweit des Viktoriaquartiers mit seiner neuen Privat-Appartmentsiedlung in der historischen Brauerei, wo die Neu-Kreuzberger eingezogen sind, gibt es nun neben Kosmetikstudios zur Haarentfernung mittels Lasertechnik auch ein Studio zur Tattooentfernung. Das Geschäft in der Marktlücke lässt vermuten, dass die Zeit der Tattoos abgelaufen ist. Sanft und siegesgewiss lächelt aus dem Schaufenster eine vermeintlich am ganzen Körper tattoolose Schöne den aufmerksamen Passanten an. »Zeiten ändern sich«, sagt auch der kleine Prospekt des Studios und wirbt für eine »Narbenlose Tattooentfernung auf sanfte Art.«

Doch nicht alle, die den Weg in die Dudenstraße finden, kommen aus einsetzender Altersweisheit und zum Entfernen vermeintlicher Jugendsünden. Oft kommen sie, weil der neue Arbeitgeber etwas gegen Tattoos hat. Air Berlin und die Lufthansa zum Beispiel zeigen wenig Verständnis für die grafischen Arbeiten an Armen oder Beinen, Stewardessen gehören zur Stammkundschaft in der Dudenstraße. »Selbst unter blickdichten Strumpfhosen«, so berichteten die Flugbegleiterinnen, seien die kleinen Bildchen nicht gestattet. Auch die kräftigen und jungen Männer aus Brandenburg und Marzahn, die nach dem Fall der Mauer nur noch in der alten Kaserne an der Friesenstraße einen Job fanden, mussten stirnrunzelnd die Tortur der schmerzfreien Tattooentfernung über sich ergehen lassen. Der ganze Polizeimann kann tätowiert sein von oben bis unten, doch vom aufgekrempelten Ärmel abwärts muss der Arm unverziert sein – egal, wie diensttauglich, muskulös, tat- oder schlagkräftig der Unterarm des Wachtmeisters auch sein mag. So will es der Herr Polizeidirektor.

Es sind also - ganz entgegen der landläufigen Meinung – auch hartgesottene Tattooträger durchaus zu Konzessionen und Kompromissen bereit, wenn es um den Broterwerb und das nackte Überleben geht. Doch manchmal sind es gar nicht die Arbeitgeber, sondern die engsten Verwandten, die sich wegen der Zierden zieren. Frauen, erzählt Markus Lühr, die auf Wunsch der Familie den Bund der Ehe mit einem konservativen Adligen oder einem gläubigen Muslim eingehen, »fürchten sich vor Repressalien« und ahnen, dass der neue Gemahl sie noch in der Hochzeitsnacht postwendend wieder zurückschicken könnte. Es gibt eben Männer, die möchten ihre Frauen so nackt und unberührt, wie Gott sie schuf.

Der »Klassiker« aber seien junge Frauen, die sich ihre Männer gerne selber suchen, wobei sie nicht selten Qualen der Wahl leiden, erst diesen, dann jenen, dann doch lieber einen ganz anderen probieren, wie im Schuhgeschäft, also auch im Leben. Und dann kann es eben passieren, dass sie plötzlich in der Dudenstraße stehen, das T-Shirt ein wenig beiseite ziehen, auf den Schriftzug über der rechten Brustwarze deuten und sagen: »Da muss ein neuer Name hin.« Auch Männer tun sich mitunter schwer mit der Damenwahl, krempeln die Ärmel des Holzfällerhemdes hoch, das schon seit einigen Monaten einen Namen verdeckt, der in der Vergangenheit einmal eine bedeutende Rolle gespielt haben muss: Sarah. Etwas zerknirscht, so wie die muskulösen Polizeimänner, geben sie zu. »Meine neue Freundin findet das ja nicht so toll.«

Zeiten ändern sich, manchmal auch ziemlich schnell. Andere aber haben ihr Tattoo schon ein Leben lang mit sich herumgetragen. »Kürzlich kam eine Frau herein, die war gerade zehn, da hat der Bruder, als die Eltern mal weg waren, ihr ein Bildchen auf den Bauch tätowiert.« Als die Eltern nach Hause kamen, schickten sie die Tochter zum Waschen ins Badezimmer. Doch das Bild ließ sich nicht abwaschen. Es blieb. Und weil es das Jahr 1969 gewesen war, blieb es vierzig Jahre lang. Erst jetzt will sich die Schwester von dem Andenken an den Bruder trennen, »jedesmal im Schwimmbad« hatte sie daran gedacht, das Bildchen entfernen zu lassen. Jetzt ist es so weit. Auch wenn es ein langer, schwerer Abschied werden wird.

Denn so ein Tattoo, »das hast du in einer Stunde drauf. Aber um es wieder herunter zu bekommen, brauchst du zehn, zwölf Sitzungen. Es dauert schnell mal ein, zwei Jahre, bis der Laserstrahl die letzten Spuren der Vergangenheit beseitigt hat. Außerdem kostet die Entfernung nicht nur mehr Zeit, sondern auch ein bisschen mehr Geld – „etwa das Zehnfache der Anschaffung.« Doch es gibt Gegenden, da ist es noch ein bisschen teurer: »Wir haben eine Kundin, die kommt aus Kopenhagen angeflogen, weil das hier noch billiger ist als dort – inklusive Flug.«

Doch nicht alle kommen der makellosen Nacktheit wegen. Es gibt auch welche, die haben einfach keinen Platz mehr, »die sind von oben bis unten tätowiert« und brauchen Raum für etwas Neues. »Tattoos sind nichts mehr für die Ewigkeit, sie sind längst ein Modeaccessoire.« Hirschgeweihe sind out, chinesische Buchstaben und kleine Sternchen auf der Haut sind in.

Markus Lühr kann das nur recht sein. Den Tattoostudios auch. Denn während die Motive vorübergehende Modeerscheinungen sind, so bleibt doch die Lust am Bild auf der Haut. »Fast jeder zehnte Deutsche« ist tätowiert, sagt der Tattooentferner. Die Zeiten, als sie in der Böckhstraße zuerst stundenweise, dann tageweise einen Raum mieteten, sind vorbei. In Kürze eröffnet der Tattooentferner in Prenzlauer Berg bereits die vierte Filiale. •


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