Kreuzberger Chronik
Februar 2011 - Ausgabe 124

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Grenzbereich


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von Saskia Vogel

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Sas steht an der ehemaligen Zonengrenze. Es ist kalt, und sie hat Hunger.


Es ist Februar, es ist kalt. Genau das Wetter, das Sas liebt! Sie steht fröstelnd am Checkpoint Charly, »gerade noch in Kreuzberg, fast schon Mitte«. Am Schauplatz deutsch-deutscher Geschichte, an der Nahtstelle des Kalten Krieges, ist es auch heute noch unbehaglich. Sas denkt an heißen Kaffee, sie weiß, um die Ecke ist das »taz-Café«, doch in Sichtweite des Attrappen-Wachhäuschens mit dem Schauspiel-Soldat qualmen lediglich ein paar Currywurst- und Döner-Buden vor sich hin. Doch da ist noch das Museumscafé.

Warum das einzige Gebäckstück in der Vitrine ein Ochsenauge ist, »kann ich, sorry, gar nicht so genau sagen«, entschuldigt sich die wasserstoffgelbe Blondine, die man abkommandiert hat, um den Gästen beim Selbstbedienen behilflich zu sein. Während Sas sich das trockene Gebäckteilchen auf ihrem kleinen Tellerchen genauer anschaut, zwirbelt das Mädchen gelangweilt seine Haarspitzen, wippt in ihren riesigen Pelz-Stiefeln auf und ab und träumt womöglich gerade von einer Modelkarriere à la Natalia Vodianova. »Nö, so richtig spannend ist der Job nicht«, verrät sie. Nicht einmal Englischlernen könne man dabei, die »meisten Touristen können ja gar kein Englisch. Also versteht man sich sowieso nicht.«

»Verstehe!«, sagt Sas, versteht aber nicht, was um Himmels Willen das Ehepaar im feinen Kaschmir-Mantel in dieser lieblosen Atmosphäre zu suchen hat? Das schale Kaffee-Angebot kann es nicht sein, und für die »Bio-Zisch-Guaraná«-Cola für drei Euro sind die Beiden auch schon zu alt. Lediglich Elvis, der zur lautmalerischen Unterstützung der Tristesse »In the Ghetto« singt, passt zu dieser Altersklasse. Müde watschelt eine etwas jüngere italienische Familie am Tresen vorbei und drückt dem Tresenmädchen ihre Audioguides in die Hand, erschlagen von der musealen Demonstration der Sowjetmacht.

Gelassener wühlen zwei Schuljungs in den überfrachteten Souvenirständen mit Regencapes, T-Shirts und Eisbär Knut als Anstecknadel. Ein Vater kauft die obligate Breschnew/Honecker-»Bruderkuss«Postkarte, das Kaschmir-Ehepaar hat die Ausreise angetreten, eisig weht es von der offenen Tür herein. Von Sas‘ Ochsenauge sind nur noch ein paar trockene Krümel übrig, der Kaffee ist längst kalt geworden, Sas hat beschlossen, den schalen Rest dem Tresenmädchen in seinen riesig-warmen Fellstiefeln zu überlassen. Gelangweilt blättert Sas im »Stacheldraht«, einem grauen Blättchen der Opferverbände Kommunistischer Gewalt, während Ernst Lemmer ihr von einer Fotowandverkleidung streng über die Schulter schaut. Aus der Wand der gesamtdeutschen Café-Tristesse ragt eine rostige Schraube. Daran hängt ein fremdsprachiges Schild Aber Sas hat das irgendwo schon einmal gelesen. Es war russisch und hieß: »Es ist zum Weinen«. •


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