Kreuzberger Chronik
Februar 2011 - Ausgabe 124

Reportagen, Gespräche, Interviews

Geschäfte mit Fremden


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von Michael Unfried

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Sie kommen in Scharen, aus Europa, Amerika. Und sie bringen immer mehr Geld mit: Die Touristen.

Touris in Kreuzberg -So lautete der Titel einer mit öffentlichen Geldern geförderten Initiative, die sich drei Monate lang mit kostenlosen Seminaren, Informationsveranstaltungen, Fachgesprächen zum Thema Tourismus an Kreuzberger Geschäftsgründer wandte. Damit der Einspruch notorischer Protestler nicht postwendend erfolgte, hatte man das Ganze unter den Slogan »Auch Sie können mitverdienen!« gestellt und damit den Anschein erweckt, jeder kleine Kreuzberger Unternehmer könne etwas abhaben von dem großen Kuchen des Tourismusgeschäftes.

Tatsächlich könnten lokale Kleinunternehmen sowie Läden und Restaurants in der Nähe vorüberziehender Touristenströme demnächst einen finanziellen Aufschwung erleben, auch die Geschäfte in den Seitenstraßen würden davon profitieren. Doch die angesprochenen Kleinunternehmer repräsentieren nur einen Bruchteil der Kreuzberger Bevölkerung, und die Probleme, die eine zunehmende Vermarktung des Viertels für den Großteil der Bewohner mit sich bringt, sind mit versprochenen Gewinnbeteiligungen nicht aus der Welt zu schaffen.

Natürlich sind die alternativen Unternehmer, die Kreuzberg als touristische Destination entdeckt haben, Gegner von Hotelburgen und Pauschaltourismus. Wer in Kreuzberg Fuß fassen möchte, ist aufgeklärt und weiß, dass in den Ländern der Dritten Welt die Existenz von Menschen und Tieren durch einen Massentourismus bedroht ist, der weltweit zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor wird. Dass es solche Ureinwohner auch in Berlin gibt, wird aber gerne übersehen.

Dabei ist es offensichtlich. Allein im Chamissokiez gibt es Hunderte von Ferienwohnungen, im Internet, an Laternenpfählen und in den Fenstern von Erdgeschosswohnungen steht es angeschrieben: »Ferienwohnung im Szenekiez!« Was gerade geschieht, ist eine Verdrängung der hier lebenden Bevölkerung - auch durch den Tourismus. Es sind nicht nur Immobilienhändler und auf Renditen spekulierende Investoren, es sind auch die kleinbürgerlichen Kleinstinvestoren von nebenan, die ihre Eigentumswohnungen gewinnträchtig vermieten und die mit ihren kleinen Boutiken, Schuh- und Souvenirgeschäften endlich Geld machen möchten. Auch all denen kommt der boomende Berlin-Tourismus gerade recht.

Auf der Abschlussveranstaltung des »Ideenwettbewerbs« für Geschäftsgründer und Unternehmer, in deren Visier »die Zielgruppe Touristen« aufgetaucht ist, wurde über diese Problematik leider kein Wort verloren. Leglich Maria Kiczka-Halit von LOK.a.Motion, einer »Gesellschaft zur Förderung lokaler Entwicklungspotentiale«, die seit 2004 mit EU-Geldern und im Auftrag von Senat und Bezirk kreative Kreuzberger bei der Verwirklichung von Geschäftsideen unterstützt, räumte beim abschließenden Buffet in einer kleinen Diskussionsrunde ein, dass Tourismus überall in der Welt nach dem gleichen Schema abläuft: Touristen entdecken ein Land oder eine Stadt, und jeder von ihnen hofft, dass es so bleibt, wie er es vorgefunden hat. Doch überall, wo der Tourist hinkommt, passiert das Gegenteil. »Zeigen Sie mir einen Ort, an dem es nicht so war, an dem alles wunderbar lief. Wir würden alles tun, um es genauso gut zu machen.«

Auch auf der Podiumsdiskussion zu Beginn der Veranstaltungsreihe im September vergangenen Jahres wurde Protest laut. Den Anwohnern von der Admiralbrücke wurde es zu laut, Türkinnen wollten nicht ständig fotografiert werden, viele befürchteten steigende Preise und allmähliche Verdrängung. Auch der Wirtschaftsstadtrat, Dr. Becker, sah die Entwicklungen am Kotti, an der Admiralbrücke oder am Urbanhafen, wo sie scharenweise und ohne Geld zu bezahlen einfach auf der Wiese liegen, eher kritisch. Abschätzig ist die Rede vom »Sauftourismus« und vom »Billigtourismus«.

Es sei ein erklärtes Ziel, so heißt es im Rathaus, die Touristenströme zu kontrollieren und zu lenken. Doch gerade jene, die gekommen sind, um ihre kostbare Freizeit in der Stadt zu verbringen, sind freie Menschen. Sie lassen sich nicht so einfach um die Admiralbrücke oder den Viktoriapark herumleiten. Sie genießen es, auf der Wiese oder auf der Brückenmauer in der Abendsonne zu sitzen und an einer Dose Bier zu nuckeln, ohne gleich wieder 3 Euro dafür bezahlen zu müssen. Treffpunkte wie diese gibt es überall auf der Welt, und sie gehören genauso zu den touristischen Highlights wie die Museen, Theater oder die teuren Restaurants einer Stadt.

Ein Rezept gegen diesen wilden und unkontrollierbaren Tourismus gibt es nicht. Auch beim Kreuzberger Ideenwettbewerb wurde es nicht gefunden. Rezepte für einen sanften, nachhaltigen Tourismus berücksichtigen Umwelt und Natur, nicht die Einwohner einer Großstadt. Dabei hatte zumindest eine der zehn Auserwählten, die anlässlich der Abschlussfeier ihre Ideen der Öffentlichkeit vorstellen durften, erkannt: »Menschen sind der Schlüssel zu einer Stadt.« Dorit Behrens‘ Idee war es deshalb, ausgewählte Kreuzberger auf einer Website als persönliche Fremdenführer vorzustellen, die den Besuchern dann »ihr Kreuzberg« zeigen können. Eine perfekte Power-Point-Präsentation warf den fiktiven Steckbrief eines solchen Durchschnittskreuzbergers an die Wand, wie er dann auf der Internetplattform stehen könnte. Er entsprach dem Klischee: Der vorgestellte Kreuzberger war 43 Jahre alt, sprach Englisch, Deutsch und Spanisch, war Künstler und Tangotänzer. Er sollte den Touristen sozusagen Zugang zum wahren Kreuzberg, zur Welt der Künstler und Bohemiens verschaffen. Coachservern sollte er sein Sofa zur Verfügung stellen und wahrscheinlich vornehmlich weiblichen Gästen in der Tanzfabrik in der Möckernstraße den Tango beibringen. Ob neben diesem Vorzeigekreuzberger auch Kontakte zu Hartz-IV-Empfängern, putzenden Singlemüttern oder türkischen Arbeitslosen vermittelt werden sollen, ließ Dorit Behrens bei ihrem Projekt mit dem wenig überraschenden Namen »Xberg encounters« offen.

Auch die Stichworte, die hinter der Vortragenden auf der Leinwand erschienen, und die als Kreuzberger Prädikate und Attribute verstanden werden sollten, entsprachen eher den billigen Vorstellungen, die sich Leser von Reiseführern oder ähnlich Ortsfremde wie Klaus Wowereit von Berlin-Kreuzberg machen: »kreativ, sexy, anders...«

Ebenso wie Dorit Behrens wollte Katja Herrmann weg von den traditionellen Stadtführern mit ihren historischen Anekdötchen und ihrem trockenen Schulwissen. Bei ihr sollten Jugendliche den Fremden ihre Stadt zeigen: Die Plätze, an denen sie spielen, die Schulen, die sie besuchen, die besonderen Orte, an denen sie sich trafen oder treffen, Lokale, Kneipen, Parkanlagen, Schwimmbäder... Herrmann war eine der wenigen, die ihrer Idee keinen anglophilen Namen wie »Xberg encounters« oder »schoolclash«, auch keine hochtrabenden Titel wie »form kultur« oder »Espree« gaben, sondern die schlicht von »Stadttouren mit Kreuzberger Jugendlichen« sprach. Dennoch ortete auch sie in Kreuzberg vor allem einen Markenartikel, der verkauft werden muss. »Berlin gehört zu den attraktivsten Metropolen der Welt, auch einzelne Stadtteile wecken immer mehr Interesse« unter Touristen. Da lockt ein Geschäft.
#ia#Geheimtipp im Reiseführer: die Admiralbrücke#ie#


Besonders deutlich wurde der wirtschaftliche Erfolg als Endziel bei jenen fünf Bewerbern, die bereits Unternehmer waren. Elke Freimuth, die ebenso am Schalter einer Bank hätte stehen können, stellte knapp und bündig die uralte und weltweit verbreitete Idee einer »kulinarisch-kulturellen Tour« vor, die Touristen durch Cafés, Restaurants und kleinere Kultur-Betriebe führt – natürlich nicht, ohne ihnen den Koch, den Chef oder die sachkundige und echte Kreuzberger Servicekraft kurz persönlich

vorzustellen. Sie spricht von »Guides«, »Partnern« und »Kundengewinnung«, um am Ende hinzuzufügen: »Wir legen Wert auf den Bezug zum Kiez«. Peter Kaspar vom Anzeigenblättchen Kiez & Kneipe, von Ihnen sicherlich schon kennen«, wollte ein Kreuzberger Reisemagazin an den Start bringen und warf perfekte Titelseiten an die Wand; Helmut Millan wollte seine Rikschas mit ortskundigen Fahrern künftig nicht mehr nur in Mitte, sondern auch in Kreuzberg ihre Runden drehen lassen, und Constantin Ungureanu musste sogar ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei seinem Internet-Showroom von Kreuzberger Künstlern und Kunsthandwerkern nicht um einen virtuellen Katalog handelte, sondern um eine neue Idee – so ähnlich sah das Konzept den üblichen Werbewebseiten.

Wirklich überraschend war nur der Audioführer für Kreuzberg in Form eines Hörbuchs. Eines Krimis, denn keine Sparte der Literatur hat eine größere Fangemeinde als der Krimi. Anna Lässer hatte die Idee, Touristen in der Rolle von Detektiven durch Kreuzberg laufen zu lassen. Der Start dieses »Krimi-Walks« ist am Kottbusser Tor, das gleich mit einer Leiche aufwartet. Auf der Spurensuche nach dem Mörder führt der Audioguide dann durch Hinterhöfe, Kneipen, Cafés und Seitensträßchen bis ins Herz des ehemaligen Zustellbezirks 61. Die sachkundige Jury, die zwar Gefallen an dieser wirklich innovativen Idee fand, sie aber wegen technischer Schwierigkeiten nicht unbedingt zu den Favoriten zählte, wurde vom stimmberechtigten Publikum überstimmt, dem die Wirtschaftlichkeit einer Idee eher zweitrangig zu sein schien: Anna Lässer erhielt den Hauptpreis der Jury.

Damit allerdings konnte auch die Jury leben. Denn das anvisierte Ziel ist »Qualitätstourismus«, ein Begriff, der den sowohl Gründer und Unternehmer als auch die Jury an diesem Abend gern aufgriffen. Dass mit der angesprochenen Qualität vor allem Geld gemeint ist, brachte der Wirtschaftsstadtrat von Kreuzberg zum Abschluss der Veranstaltung relativ ungeniert auf den Punkt: »Wir hoffen, dass wir mit Initiativen wie dem Ideenwettbewerb vom Billigtourismus wegkommen«. Den politischen Vertreter, der einen Segeltörn dem Stadtteil Kreuzberg vorzieht, schienen weder besorgte Bürger noch jene Touristen zu interessieren, die Kreuzberg als attraktiven Stadtteil und als Reiseziel erst entdeckten. Ein Kreuzberg der Fabriketagen, der Trödler, der Künstler, einer Hinterhofkultur und einer Straßenkultur mit einer ausgeprägt mediterranen Stimmung, die es bis vor wenigen Jahren nirgends sonst in Mitteleuropa gab. Ein weltoffenes Kreuzberg, das sich jeder Student aus London, Paris, Madrid leisten konnte.

Den Wirtschaftssenator interessieren die jungen Touristen wenig. Für ihn zählen die Zahlen. Der Tourismus könnte vielleicht etwas dazu beitragen, die Einkommensstatistik des Bezirks ein bisschen aufzubessern. Das ist ihm wichtig. Vielleicht war es ihm auch ein Dorn im Auge, dass ausgerechnet der Nachbarbezirk Neukölln, der seit Jahren nur durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht, als einziger Bezirk Berlins ein Touristenbüro im Rathaus eingerichtet hat mit Landkarten, Stadtteilführern, Regalen voller Informationsmaterial zu Kultur, Geschichte und Gegenwart des Bezirks. Und dass ausgerechnet Kreuzberg, ein Stadtteil, der schon in den Siebzigerjahren mit seinen Trödelläden, Kneipen und Flohmärkten junge Touristen aus aller Welt anzog, diesen Wirtschaftszweig so lange vernachlässigte.

Nun endlich soll also auch dieser Zweig zum Blühen gebracht werden. Damit es den Kreuzbergern besser geht. Natürlich nicht allen Kreuzbergern, sondern jenen, die nicht nur gute Ideen, sondern auch ein bisschen Geld zum Investieren mitbringen. Die übrigen Kreuzberger werden nicht »mitverdienen«. Im Gegenteil, für sie wird das Leben in Kreuzberg nun noch ein bisschen teurer werden. So teuer, dass sie es sich irgendwann nicht mehr leisten können. •


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