Kreuzberger Chronik
Februar 2011 - Ausgabe 124

Literatur

Die Besteigung des Monte Cruce


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von David Kalisch

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Es war im Winter des Jahres 18..., als ich auf meinen Reisen im Norden die Tempelhofer Ebene erreichte. Viele Wege führen aus diesem Tale nach dem Monte Cruce (Kreuzberg). Ich (...) entschloss mich, die Schluchten, die sich zwischen den Kuppen des Monte di Bocco (Bocksbierberg) und den nackten Gipfeln des Cave Dustro (Dusterer Keller) wild und ungeheuerlich hinziehen, mit einem guten, zuverlässigen Führer einzuschlagen.

Aber angelangt auf dem Castello die Bocco hörte ich, dass es keinen Führer am Ort gebe und dass mich niemand hinüberbringen könne als der alte Puer Cauponius der Herberge, der jedoch bereits von einer englischen Familie in Anspruch genommen war, welche sich in derselben Richtung, die ich einzuschlagen gedachte, ins Gebirge begeben wollte. (...)

Der Himmel hatte sich ganz mit Wolken bedeckt. Alle Höhen ringsum waren in Nebel gehüllt, und der heftige Wind wehte aus Schluchten Sand und Staub in die Höhe. »Wir werden heute noch Lawinen haben«, sagte der Führer zu den Engländern. »Lawinen? Sind Sie verrückt?«, fragte ich. »Stooblawinen!«, erwiderte er kalt und ruhig in seiner platten Mundart. »Wat in de Schweiz der Schnee is, det is bei uns hier in die ewigen Sandfelder der Stoob.« – »Do you think here is any danger?«, fragte ein Engländer. – »Do not fear!«, erwiderte ich und schloss mich dichter an seine Familie. Der Monte Cruce hatte bereits jenes matte Aussehen, welches die Zacken und Spitzen seines Monumentes ganz bleich auf trübem Weiß erscheinen läßt, und schon wehte von der Südseite der Sturm in kalten Stößen.

Schon sahen wir, wenn der Felsenpfad nicht zu gewunden und das Gebüsch an seiner Seite nicht zu dicht war, die dunklen Haare des wachthabenden Invaliden im Winde spielen. Und endlich begannen die letzten Zeichen des Naturlebens zu sterben. Jede Vegetation hörte auf, die Felsen wurden immer nackter, bis sie endlich ganz aufhörten. »Wenn der Mensch nur den rechten Weg kennt!«, bemerkte der Mylord im reinsten Englisch. »Yes yes...« erwiderten die Töchter. »Aber lassen Sie uns erst ans abjebrannte Tivoli vorbei – denn wird et eklich (...), denn oben auf dem Berge ist seit dem Brande weder Schutz noch Hilfe.« Der kaltblütige Ton des Mannes machte ihn uns in diesem Augenblick zum Manne. »Da unten«, fuhr er fort und wies nach den finstren Schluchten des Cave dustro, »da unten ruht, was seit Jahrtausenden hinjeworfen is! Wehe, wenn sich der Sturm dort verfängt, es mit furchtbarer Gewalt wirbelt und mit sich fortreißt.«

Bei diesen schrecklichen Worten erhob sich die Windsbraut. Staub, Sand, Erde, Zweige, schmutzige Blätter, alte Pantoffeln, Glasscherben, Stiefelsohlen, Topfhenkel, Pantinensplitter und unzählige, unnennbare Dinge wirbelten auf und drohten uns in wenigen Minuten zu verschütten – auf ewig zu begraben. •

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