Kreuzberger Chronik
April 2011 - Ausgabe 126

Strassen, Häuser, Höfe

Am Johannistisch


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von Werner von Westhafen

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Eine kleine Geschichte von Gärtnern und Königen, Mohrrüben und Blumen, Armen und Reichen

Das winzige Sträßchen ist eine der wenigen Kreuzberger Sackgassen und liegt versteckt und weitgehend unbekannt hinter der großen Kuppel der Heilig-Kreuz-Kirche. Doch es ist einer der ältesten Wege Berlins überhaupt: Schon vor 500 Jahren ließen die Johanniter des Guts Tempelhof, deren Äcker sich bis vor das Hallesche Stadttor erstreckten, an dieser Stelle eine Unterkunft für ihre Feldarbeiter anlegen. Im Sommer, so glaubt man, nahmen die Arbeiter an einer langen Tafel unter hohen Bäumen ihre Mittagsmahlzeiten im Freien ein, weshalb man den schattigen Ort bald »Am Johannistisch« nannte.

300 Jahre später kaufte ein gewisser Christoph Späth nicht weit vom Halleschen Tor für 300 Taler ein Stück Land in der Nähe des Mittagstisches und begann, darauf Blumen und Gemüse zu züchten. Gärtnern war seine Passion, schon die Vorfahren hatten sich -in einer Zeit, als Berlin vornehmlich noch »aus Holzhäusern bestand« - intensiv mit dem Gartenbau beschäftigt. Jetzt aber, im Jahr 1720, begann sich das Wiesen- und Ackerland vor den Toren der Stadt allmählich in eine Gartenlandschaft zu verwandeln, aus der die Berliner ihr Obst und ihr Gemüse bezogen.

Christoph Späth muss ein freundlicher Gärtner gewesen sein. Der König, so steht es in den Annalen der Familie, soll bei seinen Ausflügen vor das Hallesche Tor oft beim Gärtner zu Gast gewesen sein und sogar eigenhändig eine Mohrrübe aus dem Ackerland gezogen und sie auf der Stelle verzehrt haben. Sie muss so knackig gewesen sein, dass Friedrich Wilhelm I dem fleißigen Rübenzüchter schon bald den Titel des »Kunstgärtners« verlieh und ihn zu einem »vollberechtigten Berliner Bürger« ernannte - ein Titel, der einem gewöhnlichen Bauern verwehrt war. Ein alter Stich zeigt den König und seinen Gärtner mit Frack und Perücke, vor dem Hintergrund einer blühenden Gartenlandschaft.

Bei dem florierenden Geschäft konnte der Sohn dem Gartenbau

nur schwerlich den Rücken kehren. 1746 also übernahm Carl das einträgliche Gewerbe, verließ jedoch 1760 den Johannistisch, um mit all seinen Blumen und seinem Gemüse an die Spree zu ziehen, wo das Land noch ein bisschen fruchtbarer zu sein

Foto: Privatarchiv
: Der König und sein Gärtner Foto: Privatarchiv
schien. Seine Gattin, längst keine einfache Bauerntochter mehr, sondern dem Stand eines vollberechtigten Berliner Bürgers und Königsfreundes angemessen, hatte in der Köpenicker Straße Nr. 154 ein beachtliches Stück Land geerbt: »Acht preußische Morgen« war der Späthsche Garten jetzt groß, und heute befindet sich dort, wo einst Blumen, Obst und Mohrrüben wuchsen, ein Wohnviertel, das sich von der Köpenicker Straße bis zur Wrangelstraße und von Manteuffelstraße bis zum Bethaniendamm hinstreckt.

Auch Carl war ein fleißiger und freundlicher Gärtner. Als er 1782 starb, hinterließ er riesige Beete und große Glashäuser. Seine Frau Anna und Sohn Friedrich, der gerade 14 Jahre alt geworden war, traten das Erbe an. Noch immer war die Gegend ländlich, in der so genannten Stralauer Vorstadt wurden noch 103 Ackerbürger gezählt, und noch immer grasten die Kühe der Meierei Bartholdi vor dem Schlesischen Tor. Doch allmählich kam die Zeit, da es unter wohlhabenderen Bürgern Mode wurde, in der Garten- und Wiesenlandschaft Sommerhäuser zu errichten, zu denen sich bald feudale Vorstadtvillen gesellten.

Die Bessere Gesellschaft in der Gegend muss auf Friedrich Einfluss genommen haben, denn während seine Vorfahren ihr Glück noch mit Gemüse, Obst und Blumen machten, baute der Sohn den Garten zu einer »Musteranstalt« aus und betrieb ehrgeizige botanische »Studien«. Der Urenkel Ludwig schließlich hatte gar keine Lust mehr auf Kartoffeln und Kohl und verlegte sich fast zur Gänze auf die Zucht von Blumen. Ein blühendes Unternehmen aber war die Späthsche Gärtnerei auch in der 4. Generation noch, unter Ludwigs Regie verließen mehrere Tausend Drachenlilien aus dem Garten Späth ihre Heimat an der Spree, um an der Seine zu wurzeln.

Wieder war ein halbes Jahrhundert vergangen, als Ludwigs Sohn von beinahe sechzig Bauern im Südosten Berlins Land erwarb und 1863 mit seiner Gärtnerei auf die Britzer- und Rudower Wiesen hinauszog, wo in Kürze die größte Baumschule der Welt aus dem Boden spross und den Späths Weltruhm einbrachte. 1874 errichtete er inmitten des Arboretums einen englischen Park und inmitten des Parks ein stattliches Herrenhaus, in dem heute Professoren der Humboldtuniversität über den pflanzlichen Nachwuchs aus dem Hause Späth wachen. Heute kommen Menschen aus aller Welt, um den 1.200 verschiedenen Holzpflanzen ihre Aufwartung zu machen. Die kleine Straße hinter der Heilig-Kreuz-Kirche aber, in der alles einmal begann, kennt kaum jemand mehr. •


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