Kreuzberger Chronik
April 2011 - Ausgabe 126

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Kinder von der Schatzinsel


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von Horst Unsold

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Das Zirkuszelt an der Wiener Straße gehörte zum Kreuzberger Stadtbild. Seit einiger Zeit steht auch eines am Schlesischen Tor.

Gleich beim Schlesischen Tor, in einer von den Bomben des II. Weltkrieges geschaffenen Lücke in der Häuserzeile am Ufer der Spree, spielten, kaum war der Kriegsschutt beseitigt, die Kinder. Einige Jahrzehnte später wurde die kleine Insel zwischen den wieder aufgebauten Häusern offiziell zum Abenteuerspielplatz, auf dem vor allem die türkischen Kinder aus der Nachbarschaft spielten. Inzwischen trägt der Spielplatz zwischen den Ruinen einen klingenden Namen: Schatzinsel.
Wimpel wehen in den Bäumen, morsche Holzbänke, Sträucher und Kletterbäume, ein buntbemalter Zirkuswagen und ein echtes Zirkuszelt stehen vor einer bis in den Himmel hinauf bemalten Brandwand, auf der eine Landschaft mit einem bläulichen Horizont ferner Bergspitzen von einem ganz anderen Leben als dem in der Stadt erzählt. Im praktisch-unromantischen Kindergartenflachbau aus den Siebzigerjahren stehen Kinder vor der Kuchentheke, kramen in ihren Taschen nach Geld. »Hallo Gina! Wo warst du denn das letzte Mal? Warst du krank?« – »Ich – nö, ich war bei so nem Psychologen, da soll ich jetzt öfter mal hin«, sagt Lina und klingt so unbekümmert, wie alle gesunden Kinder klingen. Zwei Sekunden später stürmt sie mit ihrer Freundin in den Trainingsraum. Was interessiert sie ein Psychologe, wenn zwei Zimmer weiter das Trampolin aufgebaut wird! Oder Kinder auf großen Bällen durch die Räume rollen!
Denn die Schatzinsel ist nicht nur von Kindern, sondern auch von Zirkusartisten bevölkert. Fast 20 Mitarbeiter, fast alle aus dem alten Zirkus Cabuwazi, versuchen, den Kreuzberger Kindern »spielend Selbstbewußtsein, Toleranz und Teamgeist« zu vermitteln. Offensichtlich mit Erfolg. Die Kinder lassen im Hof ihre Diabolos in den Himmel steigen, balancieren über Hochseile, stehen inmitten kreisender Reifen, balancieren auf großen Bällen, hängen an Trapezen. Über zwanzig artistische Disziplinen stehen auf dem Trainingsprogramm, vom Stepptanz über das Einradfahren bis hin zum Zaubern. Die Kinder kommen gern, und sie nehmen die Sache ernst. Hier lernen sie nicht für Noten, son

Foto: Dieter Peters
Foto: Dieter Peters
dern für ihren Auftritt. Nicht selten legen sie lange Wege zurück, reisen mit ihren Schulmappen im Bus und auf dem Rad durch die halbe Stadt, nur um auf ihre Schatzinsel zu kommen. Etwa 150 Kinder sind es derzeit, die an sechs Tagen in der Woche ein bisschen Zirkusluft schnuppern. Kostenlos.



Nach dem Konkurs des 1992 in einem Hinterhof an der Lausitzer Straße entstandenen »Chaotisch-Bunten-Wander-Zirkus«, kurz »Cabuwazi«, der sein Zirkuszelt an der Wiener Straße aufbaute und mit den Kindern in der Freizeit Programme erarbeitete und Ferienworkshops anbot, sah es einen Moment lang so aus, als wäre es aus mit dem kostenlosen Bildungsangebot. Doch dann wurden die Zirkuskarten neu gemischt, und der Bezirk erklärte sich bereit, einen neuen Verein für das Projekt des Kinderzirkus und seine Mitarbeiter zu suchen. Er fand sich jenseits der Spree, im alternativen RAW-Tempel in Friedrichshain, und betrieb dort schon seit geraumer Zeit den Kinderzirkus Zack.

Zack ist die Kinder- und Jugendabteilung eines Vereins, der sich die Überwindung der Schwerkraft auf die Fahnen geschrieben hat. »Wenn wir es geschafft haben, hat der Verein keine Existenzberechtigung mehr«, sagte ein Sprecher des Vereins anlässlich einer großen Pressekonferenz im Zirkuszelt auf der Schatzinsel. Er war jedoch sicher, dass die Loslösung von der Schwerkraft noch einiges Training erfordere, und dass der »Verein zur Überwindung der Schwerkraft« noch eine Weile existieren dürfte.

Ohne ein finanzielles Fundament allerdings kommt auch der schwerelose Zirkus auf der Schatzinsel nicht aus. Das Zelt im Hof ist nur geliehen, die Miete dafür teuer, aber was ist schon ein Zirkus ohne Zelt? Um die Öffentlichkeit auf die finanzielle Lücke im Haushalt der Zirkusmacher aufmerksam zu machen, hatte man im Februar die Berliner Presse eingeladen und ein buntes Bild aus Kindern und Artisten in schillernden Kostümen inszeniert. Die kleinen Artisten strahlten im Blitzlichtgewitter wie die Gewinner auf der Berlinale. Der Moderator kam vom Radiosender Radio Eins und gab unumwunden zu, an diesem Abend kein neutraler Journalist, sondern ein überzeugter Freund des Zirkus zu sein. Judith Hermann, die verantwortliche Bezirksstadträtin, betrat ebenso die Arena und sicherte ihre Unterstützung zu wie der Stargast des Abends: Meret Becker.

Weshalb der Kinder- und Jugendzirkus so viele Freunde und Bewunderer hat, demonstrierte eine Gruppe von weißen Engeln mit Schulranzen. Die jungen Mädchen waren schon erstaunlich weit auf ihrem Weg zur Überwindung der Schwerkraft; weiße Tücher, von der Kuppel des Zeltes herabgelassen, reichten aus, um sie ein gutes Stück von der Erdoberfläche zu entfernen. »Unter Engeln« ist eine jener Zirkustheaterproduktionen, die alljährlich mit den Artisten und Pädagogen erarbeitet werden, und mit denen die kleine Zirkustruppe auch in der Öffentlichkeit auftreten und auf Tournee gehen soll.
Foto: Dieter Peters

Denn so wie schon Cabuwazi soll auch der neue Zirkus auf Straßenfesten und Veranstaltungen auftreten, am polnisch-französisch-deutschen Circuscamp teilnehmen und als Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung des Bezirkes sozusagen seinen kleinen Kulturbeitrag leisten. Mit dem Lastenfahrrad und einigen wenigen Utensilien wollen die Trainer mit ihren Kindern auf den Lausitzer Platz fahren und auf der Straße auftreten, um auf sich und die Idee des Kinderzirkus aufmerksam zu machen. Ab Mai sollen Zelt und Café auch am Sonntag wieder geöffnet werden, damit Väter und Söhne, Mütter und Töchter im Zelt gemeinsam die Schwerkraft überwinden und auf Bällen tanzen. Und um anschließend in der »Blaubärbar« Kuchen zu essen oder im Schatten unter den Bäumen zu sitzen.

Um Geld einzuspielen, soll der Zirkus auf der Schatzinsel nicht nur ein Trainingscamp für kleine Zirkusfreunde, sondern auch ein Veranstaltungsort werden für Varieté und für Theater. Deshalb muss das neue Zelt auch allen modernen Anforderungen entsprechen, emissionsarm und relativ schalldicht sein.

Auch die so genannten Schulprojektwochen, die bereits der Zirkus Cabuwazi mit viel Erfolg durchführte, und in denen ganze Schulklassen eine Woche lang nicht mehr Buchstaben und Zahlen, sondern Salti und Pirouetten lernen, sollen weiter stattfinden. Damit auch Schulen, die keine finanziellen Ressourcen mehr haben, an diesen Projektwochen teilnehmen können, vermitteln die neuen Zirkusmacher den Schulleitern sogar Sponsoren.

Denn was ist ein Zirkus ohne Zirkuszelt? Ohne Poesie und ohne Begeisterung? An Begeisterung fehlt es weder den Kindern noch den Machern. Christine Kölbel von der Schatzinsel sprach bei der Pressekonferenz nicht allein von der Zukunft des Zirkus, sondern von der Zukunft der Kinder. Auch der »Verein zur Überwindung der Schwerkraft« ist begeistert von der Völker verbindenden »Circusbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg« und glaubt: »Was wir heute Brücken übergreifend erreichen, erreichen wir morgen überregional und international.« Sogar die Vertreterin der eher prosaischen Politik zeigte sich vom Zirkusprojekt regelrecht begeistert.

Den Kindern freilich ist es egal, was die Erwachsenen reden. Sie schwingen sich auf ihre Einräder, hängen kopfüber an den Trapezen, laufen auf Stelzen, bauen Menschenpyramiden, malen sich Farbe ins Gesicht und verwandeln sich für ein paar Stunden in einen Dummen August anstatt in Deutschlands schlecht geschminkte Superstars. Sie kommen gern, und sie kommen von weit her. Sie sitzen nach dem Training im kleinen Café, kauen auf dem noch warmen Apfelkuchen von Markus herum, der so fantastisch schmeckt wie aus dem Café Buchwald, und nuckeln an den Bionaden. Auch an diesem Tag sind sie wieder ein Stück über sich hinausgewachsen, größer geworden. Sie fachsimpeln über den Zirkus, sie lästern über den Psychologen, diesen »langweiligen Typen«, oder über die Lehrerin, »mein Gott, ist die beschränkt!«, und wenn eine Mutter kommt, um ihre Tochter abzuholen, dann kann es passieren, dass die kleine Artistin ihr kaum noch Aufmerksamkeit schenkt – so groß ist sie in den letzten zwei Stunden geworden. •


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