Kreuzberger Chronik
Oktober 2010 - Ausgabe 121

Herr D.

Der Herr D und die Lena


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
Oder: Warum Berlin ein Dorf ist

Der Großstädter im Allgemeinen war stolz darauf, Großstädter zu sein. Der Berliner im Besonderen behauptete dessen ungeachtet gerne, dass Berlin ein Dorf sei. Womit er sagen wollte, dass Berlin zwar eine Weltstadt, aber anheimelnd wie ein Dorf sei, und dass man einander inmitten des Großstadtdschungels zu jeder Zeit und in jedem Winkel der Stadt über den Weg laufen könne.

Diese Erfahrung machte auch der Herr D. Als er im vergangenen Sommer im Public-Viewing-Fieber in einem Biergarten an der Gneisenaustraße Lenas Auftritt beim Song Contest in Oslo zu verfolgte. Da kam Kalle. „Das funktioniert doch nie“, sagte Kalle über die Gartenhecke und einige leere Bierbänke hinweg. Stefan Raab konnte Kalle nicht verstehen und pries seine Lena in höchsten Tönen. Kalle kraulte seinen dreißig Zentimeterbart und sagte: „Ich mein, wenn hier jetzt ein Konzert der Stones übertragen würde, okay, dann würden da schon ein paar Pappnasen herumsitzen. Aber doch nicht bei dem Scheiß da!“ Kalle zog ein zerknautschtes Tabakpäckchen aus der Hosentasche, drehte mit einer Hand eine filigrane und formschöne Zigarette und fügte hinzu: „Nicht bei uns in Kreuzberg.“

Der Herr D. gab dem Woodstockveteranen recht. Aber als er eine Stunde später wieder vorbeikam, war im Garten kein Platz mehr frei. Und als er zwei Monate später die East-Side-Gallery entlangspazierte, wo statt des Güterbahnhofs nun die „O2-Halle“ für 17000 Besucher Platz bot, da wurde dort tatsächlich Lena Meyer-Landrut angekündigt. Für den 13. April 2011.

„Wahnsinn!“, hörte der Herr D. neben sich eine Stimme. „Da beginnen die ein Jahr vorher mit der Werbung! So was gab es nur bei den Stones!“ Kalle zog seinen zerknautschten Tabak aus der Tasche und drehte einhändig. „Das muss man sich einmal vorstellen, dieses postpubertäre Mädchen mit seinen unausgereiften Stimmbändern und diesem textlosen Song. Diese nette Göre, die nur deshalb gewonnen hat, weil kein Land Europas so viel geballte Dummheit aufzubringen in der Lage war wie das deutsche Fernsehvolk, das tatsächlich zum Telefon rannte und ihre Nummer wählte. Aber O2 can do. Und diese Göre soll jetzt vor 17000 Zuschauern für 40 Euro pro Ticket auftreten! Weißt du, wer auf dieser 280-Quadratmeter-Bühne sonst so auftritt? Sting, Supertramp, Roger Waters, Joe Cocker, Carlos Santana. Und jetzt Lena! Das geht doch nicht! Das ist der Untergang der Kultur. Aber O2 can do!“

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg