Kreuzberger Chronik
September 2009 - Ausgabe 110

Essen, Trinken, Rauchen

Sas hat schlechte Laune


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von Saskia Vogel

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Sas möchte ein Glas Rotwein trinken. Doch auf der Yorckstraße scheinen alle Kneipen geschlossen zu sein.

>»PAUSCHALISIERUNGEN sind grundsätzlich Schwachsinn« steht auf dem Schild neben der Eingangstür der Kollage. Die hat Sas eigentlich mit lässigem Schwung aufstoßen wollen, sich dann aber nur schmerzlich vor den Kopf gebrettert. Abgesperrt! Zu! Es ist Viertel nach Sechs, und die Kollage hat zu! Obwohl die Bar nach Selbstauskunft täglich ab sechs Uhr und »manchmal auch früher« geöffnet hat.
Also wird sich Sas nicht auf der Second-Hand Couch platzieren. Doch Gott sei Dank blüht auf der anderen Seite des struppigen Mittelgrünstreifens noch eine Bar: das Terry Explosion. »Hey ho!« winkt Sas und sprintet im Ausfallschritt von hüben nach drüben. »No food. No service. No bullshit.« ist mit Edding an den Spiegel geschrieben. Sie scheinen das ernst zu meinen. Das Tresenmädchen schreit in ihr Handy: »Ja, das habe ich doch gesagt, Mann!« Terry macht keine Anstalten, Sas nach ihren Wünschen zu fragen. Dann eben nicht.
Sas zieht es vor, sich drüben vor die Kollage zu lümmeln. Immerhin stehen auf dem Gehsteig ein paar einsame Bierbänke. Eine Sommer-Bar ganz für Sas allein. Ideal für Sas, die eh´ keine Gesellschaft braucht und grundsätzlich auch nicht leiden kann! Außerdem findet sie: Lieber dort sitzen, wo kein Diener zum Bedienen da ist, als dort sitzen, wo eine Dienerin einen nicht bedient.

Doch da bewegt sich etwas: Ein junger Mann schließt von innen die Tür auf – und »Hallo, kann ich 'ne Waldmeister Brause bestellen, habt ihr jetzt endlich auf?!« springt Sas in die Höhe. »Nee leider nicht«, murmelt der »rein zufällig« mal vorbeigekommene junge Mann. Die Kollage stecke tief im Sommerloch, und das Betreiberteam wäre fast komplett im Urlaub. Aber am Wochenende, da könne Sas gerne vorbei kommen. Und dann, ganz leise: »Und sowieso und überhaupt…«
Sas' Blick fällt auf eine Fotoreihe, die im Fenster der Kollage hängt. Die O2-World ist zu sehen, ein Spree-Dampfer mit »Mediaspree«Schriftzug, ein Aschenbecher mit zerdrückten Kippen. Titel der Mini-Ausstellung: »Alles was entsteht, ist wert, dass es vergeht.« – »Das gilt doch hoffentlich nicht für die Kollage? Oder war es das, was mit dem »sowieso und überhaupt« gemeint war?«
»Hmmm«, maunzt der junge Mann. Und wandert davon. Einsamkeit umgibt Sas, schon schwindet das Licht. Nur drüben, auf dem Sofa vor dem Terry Explosion, da ist es noch warm und hell. Ob sie es doch noch mal versuchen soll? Ein drittes und definitiv letztes Mal überquert Sas den Grünstreifen der Yorckachse. »Eine Cola bitte«, sagt sie zu Terry, und Sas gibt sich alle Mühe, höflich dabei zu sein. So höflich, wie sonst nur Bedienungen sind. Und es klappt, prompt stellt Terry das Gewünschte auf den Tisch! Lächeln inklusive. Na also, geht doch, murmelt Sas in ihre Cola. Man muss nur freundlich sein. •

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