Kreuzberger Chronik
September 2009 - Ausgabe 110

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Schiefe Turm von Kreuzberg


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von Michael Unfried

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Seit 1982 ist im historischen Wasserturm an der Fidicinstraße ein Kinder- und Jugendzentrum untergebracht. Seine erfolgreiche Arbeit ist unbestritten. Doch am 1. Januar sollen die Mitarbeiter gehen.


ES IST schon einige Jahre her, da stellte das Kinder- und Jugendzentrum vom Wasserturm ein Schild mit der Aufschrift »Denk Mal« und ein rotes Sofa vor die Marheinekehalle. Erwachsene drückten den Kindern ein Mikrophon in die Hand. Ein Film, der anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Wasserturms aus alten Videoaufnahmen zusammen geschnitten wurde, hält die Szene fest. Als die Moderatorin einen Jungen fragt, ob sie denn auch in der Schule über ihren Bezirk sprächen, nickt er. »Und was hört ihr da so?« – »Dass Kreuzberg kein Geld hat!«
Anschließend tritt Soma Genial, eine Mädchenband vom Double X, auf. Die jungen Musikerinnen waren beeindruckend, dennoch wurde das Double X aus der Villa Kreuzberg wenig später geschlossen. Aus Kostengründen. In den Kellern proben keine Bands mehr, im Garten sitzen die Gäste des Restaurants Tomasa. Das einzige Zugeständnis an den ehemaligen Standort einer pädagogisch wichtigen Jugendarbeit ist ein Spielzimmer für die Kinder frühstückender Mittelklasse-Eltern.
Nun wankt auch der Wasserturm selbst. Nach 26 Jahren eindrucksvoller Arbeit müssen die Mitarbeiter des Bezirks, ebenso wie die des deutsch-türkischen Kindertreffs, der seit 15 Jahren die Kinder- und Jugendarbeit im Chamissokiez mitgestaltet, den Turm verlassen. Es scheint, als zöge sich der Bezirk damit einmal mehr aus der Jugendarbeit und aus seiner Verantwortung zurück.

Doch der Bezirk wäscht seine Hände in Unschuld. Offiziell sucht er, ähnlich wie zuvor für die staatlichen Kindergärten und wie zukünftig vielleicht auch für die staatlichen Schulen, nach so genannten gemeinnützigen, aber privaten Trägern. Also nach Vereinen, die bereit sind, das pädagogische Konzept zu übernehmen und den Betrieb auf eigene Kosten, aber nach privatwirtschaftlichen Prinzipien weiterzuführen. Freilich, ohne dabei Profit zu erwirtschaften. So zumindest sind die Auflagen.
Jochem Griese, der langjährige Leiter des Wasserturmes, zweifelt an einer solchen Lösung für den Turm. Er ist sicher, dass bei der Vergabe nicht die Qualität des pädagogischen Ansatzes entscheiden wird, sondern das Geld. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude schlägt jährlich mit einem schwerwiegenden Minusbetrag in der Bezirkskasse zu Buche. »So viel Geld muss erst mal einer haben. Da kommen doch nur noch die ganz Großen in Frage.«
Auch Michael Richardt, bis zum Sommer noch eines der vielen ehrenamtlichen und engagierten Vorstandsmitglieder des Wasserturm-Vereins, gibt zu bedenken: »Wenn ein Privatunternehmer das hier übernimmt, dann bekommt das doch eine ganz andere Struktur als so ein selbst erkämpftes Haus!« Andere im Turm malen bereits das Horrorszenario eines Großinvestors an die Wand, der mit dem Wasserturm gleich auch die Feuerwache und das Statthaus Böcklerpark übernimmt. »Dann machen die überall das gleiche. Eine individuelle Ausrichtung
Foto: Dieter Peters
der Jugendarbeit und der unmittelbare Bezug zu den Bewohnern entfielen.«

Genau der machte die Arbeit des Wasserturmes so erfolgreich. Doch Sigrid Klebba, die Stadträtin für Finanzen, hat radikale Einsparungen angekündigt. Allein in Kreuzberg und Friedrichshain sollen 55 Mitarbeiter aus Jugendzentren in den städtischen Stellenpool entlassen werden. Jochem Griese sagt: »Theoretisch kann es sein, dass ich nächstes Jahr im Park Papier auflesen muss. Oder fürs Ordnungsamt die Straßen auf und ab laufen.«
Natürlich bestünde theoretisch die Möglichkeit, dass Griese und sein Team auch unter privater Führung weiter ihren Job machen. Doch wahrscheinlich wird eine Fortsetzung der Jugendarbeit nur mit einem Mischkonzept möglich sein, das durch eine teils kommerzielle Nutzung des Gebäudes die Unterhaltskosten deckt. Viele befürchten, dass die Pädagogik dabei ihren Stellenwert im Turm verlieren und am Ende vielleicht ganz auf der Strecke bleiben könnte. Da wäre Griese wahrscheinlich fehl am Platz.
Die Ängste vor der Privatisierungspolitik des Senats sind berechtigt. »Wahrscheinlicher als ein sozialverträglicher Nachmieter ist ein unverträglicher Käufer«, sagt ein Vater, dessen Tochter gerade durch die Leonardo da Vinci – Erlebnisausstellung im Turm wandelt. Schließlich hat Sigrid Klebba nicht nur Stellenstreichungen angekündigt, sondern auch Verkäufe von Immobilien, um die Bezirksschulden von 6,7 Millionen Euro zu tilgen. Fast ein Drittel davon sollen ausgerechnet im Jugendbereich eingespart werden. So will es der Senat. »Ein Restaurant im Turm über dem Chamissoplatz wäre klein, aber fein. Da käme wahrscheinlich auch die Klebba gern zum Eröffnungsdiner«, sagt der Vater.

Foto: Dieter Peters
Monika Hermann, die zuständige Jugend- und Schulstadträtin, widerspricht der These vom Verkauf: »Der Turm bleibt. Der Turm gehört dem Bezirk, nicht dem Senat. Wir werden dieses Jugendzentrum erhalten und die Jugendarbeit fortführen, wenn auch mit anderen Mitteln.« Hermann ist eine Kämpferin. Doch ein Nachmieter für den Turm mit finanzieller Schieflage ist nicht in Sicht. Zwar hatte sich die finanzkräftige »Landessportjugend« interessiert, doch für Sport scheint das Gelände gänzlich ungeeignet. Außerdem ist ein Sportverein noch kein Jugendzentrum.
Allerdings haben bereits kleinere Privatgruppen die Immobilie ins Visier genommen und spekulieren auf Zwischennutzungsverträge. Von einer Theatergruppe war zu hören, die Proberäume sucht, und von Musikern, die mit dem Tonstudio liebäugeln. Seit einiger Zeit ist auch die Community Impulse Initiative im Turm aktiv. Ein Teil der Initiative sitzt seit dem Sommer sogar im Vorstand des Wasserturm-Vereins. Der Zusammenschluss »kreativ tätiger Menschen«, so die Selbstdarstellung, hat den Anwohnern bislang ein Halloween-Fest, das Lichterfest und ein Stadtteilfest auf dem Hof der Rosegger Schule beschert. Sie erhielt sogar Geld vom Bürgermeister zum Aufhängen bunter Wimpel in der Bergmannstraße und rund um den Chamissoplatz. Ähnlich wie die Spagetti-Tafeln soll die Wimpelketten-Aktion »die Bewohner miteinander in Kontakt bringen«.

So haben die jungen Kreativen ihre jungen Ideen. Sie sprechen auch eine andere Sprache als Jochem Griese, der Streetworker. Sie sprechen von »Hotwiring the Community« und der »Mindstorm Tapete«, und sie versprechen »lebendige Aktionen«, »ungewöhnliche Begegnungen« oder »überraschende Verbindungen«. Doch die Begriffe sind schwammig, konkrete Ideen scheinen Mangelware. Konkreter ist die Kritik der Community: Auf ihrer Homepage kritisiert sie den langjährigen »Dornröschenschlaf« des Wasserturms und fordert ein Öffnen des Turms für alle, meinen womöglich aber vor allem die eigene Initiative. Das klingt verdächtig. Michael Richardt sagt: »Die suchen nur eine Plattform zur Selbstdarstellung«.
Die Kritik an der Jugendarbeit im Turm jedenfalls scheint unbegründet. Nicht nur Jugendliche, Eltern und Anwohner, sogar die Polizei wusste die Aktivitäten zu schätzen. »Wenn es irgendwo im Kiez Probleme mit Jugendlichen gab, dann kam die Polizei zu uns. Die wussten, dass wir einen Draht zu den Kids haben«, sagt Griese. Hakan Aslan, der als Leiter des deutsch-türkischen Kindertreffs seit fünf Jahren im Turm arbeitet, ergänzt: »Ohne uns sähe die Straße hier anders aus«. Der Wasserturm war insbesondere für türkische Jugendliche ein zweites Zuhause. Wenn er wegkippt, stehen sie auf der Straße. Das könnten unruhige Zeiten werden.
Der Bezirk müsste das wissen. Auch die taz berichtete anlässlich der drohenden Schließung im Jahr 2003 ausführlich über die Jugendarbeit in der Fidicinstraße. Yusuf Yilmaz, einst einer der Jugendlichen im Turm, brachte es auf den Punkt. Er sagte: »Wenn die den Wasser
Der langjährige Leiter des Wasserturms Foto: Dieter Peters
turm schließen, dann wollen sie es doch nicht anders. Dann werden die Jugendlichen eben noch mehr Scheiße bauen«. Es klang wie eine Drohung. Auch Michael Richardt beklagt, dass in der Öffentlichkeit nur die Stellenstreichungen thematisiert werden. »Von den Folgen für die Jugendlichen spricht niemand mehr«. Doch Monika Hermann, die zuständige Stadträtin, hat die Folgen im Blick. Sie sagte vor versammelter Bezirksmannschaft: »Wenn wir uns weiter in dieser Art und Weise an der Konsolidierung des Haushaltes beteiligen, dann wird für die Bevölkerung nichts mehr übrig bleiben«. Sie hat sogar öffentlich zum Ungehorsam aufgerufen und ihre Mitarbeiter aufgefordert, sich bei ihren Etatentwürfen für den Haushalt 2010 und 2011 nicht an die Kürzungsvorlagen des Senats zu halten. Kontrahentin Klebba vom Finanzsektor konterte, dass ein »Haushaltsungehorsam« nur eine Bestrafung vom Senat in Form einer »Haushaltssperre zur Folge hätte«. Und ruft zu Gehorsam auf.

Monika Hermann ist keine, die buckelt, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Aber auch sie ist Politikerin und Pragmatikerin genug, um dem Modell der Privatisierung Positives abgewinnen zu können. Nicht alles, was in den Händen verbeamteter Pädagogen lag, sei auch gut gewesen. »Außerdem ist es unsere einzige Chance!«
Die Arbeit des Wasserturmes aber gehörte zu den erfolgreichen Projekten mit Senatsbeteiligung. Der kleine Film, mit bescheidenen Mitteln und wackliger Kamera gedreht, hat nichts von den professionellen Werbestreifen der Privatunternehmer. Er ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein authentisches Dokument. Er beschreibt 27 Jahre pädagogischer Arbeit im Wasserturm. Er zeigt Kinder, die in einer Sitzecke vor der Kamera sitzen, und »Ach, wie langweilig!« rufen, sich dabei aber köstlich amüsieren. Jugendliche im Tonstudio bei der Probe, und die jungen Redakteure von Kids Blitz, die gerade ihre neueste Ausgabe zusammenkleben und am Ende damit auf die Straße gehen, »eine Mark ist für mich, eine für den Turm«. Sie weben Teppiche und basteln Figuren aus Pappmaschee, die dann das Reich der Inka bevölkern. Jeden Sommer verwandelte sich der Turm in eine Erlebniswelt: Mal waren die Kinder auf den Spuren der Inkas unterwegs, erschreckten vor Mumien, sammelten alte Scherben, stießen auf ausgeplünderte Gräber. Mal waren die Wikinger zu Gast im Wasserturm, mal war es das Mittelalter. In diesem Sommer wandelten die Kinder »auf den Spuren eines Genies: Leonardo Da Vinci«. Sie betraten sein Arbeitszimmer, sein Atelier, die Werkstatt mit dem Katapult und dem Flugapparat, und zum Schluss das Labyrinth der Weisheit. Es war womöglich das letzte Mal, dass die Kinder auf eine dieser Reisen in die Vergangenheit gehen konnten. Ohne Ticket. Und gleich um die Ecke.
Eine Passage des Filmes zeigt eine Theatergruppe auf einem Straßenfest. In einer Liedstrophe heißt es: Der Wasserturm trotzt jedem Sturm. Doch der Turm hat eine gefährliche Schieflage. Am 1. Januar 2010 könnte er ins Wanken geraten. Da könnte es sein, dass vom Turm nur noch die steinerne Hülle steht. •

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