Kreuzberger Chronik
Oktober 2009 - Ausgabe 111

Strassen, Häuser, Höfe

Die Oranienstraße 46


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von Werner von Westhafen

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Zunächst wurde es belächelt und übersehen. Doch allmählich wird es berühmt: Das kleine Haus in der Oranienstraße.

SIe gehören zum Stadtbild Berlins: Die »schmalen Handtücher«. Langgestreckte, schlauchartige Kneipen, in denen die Männer wie die Hühner in einer Reihe vor ihren Bieren am Tresen sitzen, der sich von der Tür neben dem kleinen und einzigen Fenster bis in den hintersten Winkel mit den Toiletten erstreckt. Die schmalen Gebäude, die sich immer wieder zwischen die breitschultrigen Nachbarhäuser quetschten, waren ideal für die einrichtung von Destillen und Kneipen und bei Besuchern, denen das Halbdunkel gerade recht kam, äußerst beliebt.
Die meisten dieser Kneipen entstanden, als die Stadtplaner sich an den Schreibtisch setzten und für die rasant wachsende Metropole Pläne mit komplett neuen Straßenzügen entwarfen. Im Süden der Stadt planten die Visionäre des Reißbretts sogar ein komplett neues Viertel: die Luisenstadt, das heutige Kreuzberg. Um ein harmonisches Straßenbild zu erreichen, achteten die Architekten bei der Parzellierung der Grundstücke an den neuen Straßen auf eine gleich bleibende Breite der Häuserfronten von etwa 20 Metern. Auch da, wo Straßenzüge oder Grundstücksgrenzen vorhanden waren, hielten sie sich streng ans vorgegebene Maß. So kam es, dass immer wieder Lücken von wenigen Metern zwischen den Häusern aufklafften. Lücken für die »schmalen Handtücher«.

So war es auch in der Oranienstraße Nummer 46, wo zwischen der Luckauer Straße und dem Oranienplatz ein Grundstück von etwa fünf Metern Breite übrig blieb, auf dem ein Kuchenbäcker seine kleine »Schmalzkuchenbude« aufstellte, da sich niemand für das kleine grundstück interessierte. eines Tages entschloss sich Eduard Felix Kühn, die Baulücke zu schließen. Während nebenan lukrative Mietshäuser mit Quergebäuden und Seitenflügeln errichtet wurden, begnügte sich der neue eigentümer des grundstücks mit der Nr. 46 mit einem winzigen Stadthaus.
Eduard Felix Kühn war nicht unkühn, als er 1864 das kleine Stück Land für den stolzen Preis von 2.000 Reichstalern erwarb. Wahrscheinlich hatte er darauf spekuliert, durch den Kauf angrenzender Nachbargrundstücke zumindest ein paar Meter in der Länge hinzuzugewinnen. Doch Kühn musste sich, im Gegensatz zu seinen Nachbarn, mit 9 Metern und 10 Zentimetern zufrieden geben, und errichtete sein Haus auf einem gerade mal 46 Quadratmeter großen Grundstück. Wie in einem Turm lag nun ein Zimmer über dem anderen, eine winzige Wendeltreppe führte zunächst vom Erdgeschoss in die Zimmer im ersten, zweiten und dritten Stock eines wie das andere exakt 32 Quadratmeter groß.
Selbst dieses winzige Haus hätte der Konditor beinahe nicht bauen dürfen, da der Hof die vorgeschriebene Größe von 17 Quadratfuß nicht erreichte. Nur mit einer Sondergenehmigung des Preußischen Staatsministers und mit geliehenem Geld konnte er mit dem Bau beginnen. Der untere Raum mit dem Schaufenster neben der Tür diente zunächst als Verkaufsraum für seine Kuchen, in den beiden darüber liegenden Zimmern wohnte der Meister. 1881 richtete auch er ein Lokal im schmalen Erdgeschoß ein, das er 1887 an den Gastwirt Homann vermietete.




Foto: Dieter Peters
Ein Jahr später jedoch verkaufte der Investor das kleine Haus für stolze 51.000 Mark. Die Rechnung des kleinen Konditors war aufgegangen. Die Küche des Restaurants wurde nun in den ersten Stock verlegt, Speisen und Teller fuhren im Aufzug hin und her. 1895 erhielt das Haus eine neue Fassade: Pilaster, korinthische Kapitelle und ein Giebelrelief im neohellenistischen Stil gaben ihm einen vornehmen Anstrich. Nun hingen Damenmäntel in dem kleinen Schaufenster, später zog ein Konfitürengeschäft ein, und am Ende kaufte Charlotte Rother das Haus und schmückte die kleine Auslage mit ihren Hüten.
Die Bomben des Krieges trafen das winzige Haus nicht, und ab 1954 verkaufte Hermann Schulz Lampenschirme in der Nummer 46. Anfang der 60er Jahre, als sich Künstler und Lebenskünstler in den Ruinen der Südstadt einrichteten und Kreuzberg zum Künstlerviertel mutierte, zog Karl Gratz in das Haus und eröffnete ein »Gemäldehaus« und eine »Bilderhandlung«. Auch nach dem Tod von Gratz blieb das Haus der Kunst treu und firmierte bis 1999 als Kunsthaus am Oranienplatz, bis die PDS ihre Wahlplakate in die Schaufenster hängte und in den kleinen Räumen über der Wendeltreppe einige Monate den großen Traum von der Revolution träumte.
2002 ersteigerte ein ehemaliger Berlinstudent das kleine Haus für »kleines Geld«. Er war der einzige, der ein Gebot abgegeben hatte.

Den Touristen, die an der langen Schaufensterreihe der Oranienstraße entlanglaufen, wird das Gebäude zwischen dem Telecenter und dem Antiquariat kaum auffallen. Nur, wer von der anderen Straßenseite einen Blick auf die Nummer 46 wirft, sieht, wie schmal und kümmerlich es da steht zwischen all den großen Häusern. Aber dass es das vermeintlich »kleinste Haus Berlins« ist, wie die Morgenpost kürzlich schrieb, das ahnt auch dann noch niemand. •


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