Kreuzberger Chronik
Oktober 2009 - Ausgabe 111

Geschichten & Geschichte

Der Dustere Keller


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von Edith Siepmann

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Nicht weit vom Denkmal auf dem Kreuzberg lag einst eine kleine Schlucht. Der Volksmund sprach vom »Dusteren Keller

Kreuzberg kam durch eine Schlucht auf die Welt. Wo dieser Erdriss ungefähr gelegen hat, das ist klar, nämlich just in unserem Chamisso-Kiez. Wo er aber genau gelegen hat und wie groß er war, das wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Der Erdspalt klaffte irgendwo in dem Terrain zwischen dem Chamissoplatz und der Straße am Tempelhofer Berg.
Die Schlucht bildete sich allmählich am Ende der letzten Eiszeit, vor rund 18.000 Jahren. Den Gletschermassen gefiel es, zwei Hochflächen zu schaffen, zwischen denen jetzt Berlin liegt: den Barnim im Norden, den Teltow im Süden. Einer Laune der Eismassen ist es auch zu verdanken, dass sie sich gegeneinander auftürmten und dabei jene Bergkette bildeten, die sich von der Kreuzbergstraße hinzog bis zur Lilienthalstrasse. Bei diesem Geschiebe blieb eben jene Schlucht offen, die später von dem rauschenden Schmelzwasser ausgewaschen wurde.

Einem Pärchen, das in jenen eiszeitlichen Jahren auf dem heutigen Kreuzberg gesessen hätte, wäre ein atemberaubender Anblick zuteil geworden: Ein Strom von wolgahaften Ausmaßen, der ungefähr bis zur Südgrenze des Barnim am Friedrichshain reichte, schob eiskalte Wassermassen gurgelnd westwärts durch unseren Stadtteil. Er schuf dabei durch Erosion nicht nur die Rodelbahn am Nordhang des Kreuzbergs und die weiteren Hänge bis hin zum Südstern, Heimat unseres berühmten Weins, sondern das Gletscherwasser wusch auch jene Schlucht aus, deren wechselnde Schicksale uns hier beschäftigen sollen.
Als die Wasserfluten sich zerlaufen hatten, öffnete sich eine verspätete Arche Noah und entließ Rehe, Elche, Wildschweine, Hirsche und anderes Getier in unser Kreuzberg, wovon heute noch die Gehege in der Hasenheide zeugen. Den Tieren folgten die Jäger und ihre Köchinnen, Ackerbauern und Pflanzensammlerinnen. Der älteste Gebrauch, der von der Schlucht gemacht wurde – so will es zumindest die Sage wissen – war der des Ahnengedächtnisses. Die Semnonen, wie dieser Germanenzweig später genannt wurde, begruben ihre Toten nicht, sondern lagerten ihre Asche in Krügen an schattigen Plätzen. Der römische Historiker Tacitus behauptet, dass diese »Barbaren« an solchen Orten auch Menschenopfer brachten – caesoque publice homine celebrant barbari ritus horrenda – aber das wollen wir mal zugunsten unserer Seelenruhe für diesen Ort unserer Heimat und Identität als unbewiesen ansehen.

Den Semnonen folgten im 7. Jahrhundert die Wenden. Offiziell zum Christentum mutiert, opferten sie doch heimlich ihren alten Göttern, und dazu kam ihnen die klandestine Schlucht überaus gelegen. Diese Slawen begründeten also die Kulturtechnik der Konspiration, die in
Ausschnitt aus einem Gemälde von Eduard Hintze
Kreuzberger, der sich übergibt – Auschnitt aus einer Lithografie von Heinrich Hintze, um 1835, Berlin, vom Dusteren Keller aus gesehen Kreuzberg mithin eine ehrwürdige Tradition hat. Sie begleitete die Schlucht als Ort lichtscheuer Verabredungen im Dienste von Liebespaaren noch bis in ihre letzten Tage hinein. Nach den Wenden kamen die, die der Tempelherrenstraße zu ihren Namen verhalfen: die Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem (Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosalemitanis).

Kaum jemand weiß so recht, was es mit den Tempelherren auf sich hatte, und hier muss der Hinweis genügen, dass es sich um Adelige handelte, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie lieber Ritter oder Mönche sein wollten – eine Art geistliches Rittertum also. Die Leute verschlug es im 13. Jahrhundert auch nach Kreuzberg und angesichts der vom Eise geformten und befreiten Hänge kamen sowohl der Ritter als auch der Mönch in den Templern auf die Idee, hier könnte doch Wein wachsen. Sie pflanzten also Weinstöcke, und auf der Suche nach einem kühlen Plätzchen für das Lagern des Rebensaftes kam ihnen die Schlucht überaus gelegen. Das war dann auch der ideale Ort, um hin und wieder abseits aller Beobachtung ein Gläschen zu heben – wobei der Saft nicht unbedingt unvergoren sein musste. Dass sie in der Nähe den Tempelhof gründeten, mag ihrer Zustimmung zu dem Tropfen geschuldet sein.
Anderen Quellen zufolge waren es erst die Johanniter Anfang des 14. Jahrhunderts, die die glorreiche Reben-Idee hatten; sicher belegt ist jedoch, dass 1533 der Kurfürst Joachim I. seinen Untertanen befahl, an den Hängen Wein anzubauen, »gemeiner Stadt zum Besten«. Der Wein wurde entlang der heutigen Bergmannstraße transportiert, die denn auch bald den Nwmen Weinbergsweg erhielt.
Als der eisige Winter 1739/1740 halb Europa verheerte und auch den Weinstöcken am Kreuzberg den Garaus machte, verlor die Schlucht die Kühlungsfunktion, und das nutzte ein namenloser ehemaliger königlicher Hofbeamter, der – ähnlich dem biblischen Saulus – von der Erkenntnis der Sinnlosigkeit seines gewohnten Lebenswandels aus der zivilen Bahn geworfen wurde. Er nutzte die Weltabgewandtheit der Schlucht, um sich eine einsiedelei zu schaffen jenseits des Menschengeschiebes, mit einem gemüsegärtchen und einigen Haustieren zur gesellschaft.
Die Existenz dieses Urvaters aller Kreuzberger Aussteiger sprach sich bis zu König Friedrich Wilhelm I. herum, und eines Tages, es muss im Sommer 1740 gewesen sein, als er vom Tempelhofer Feld kam, wo das Militär zuhause war, da machte er an der Schlucht halt und ließ den Einsiedler herausholen. Da einer seiner Schranzen ein Handy mit Sprachaufzeichnung mitführte, haben wir Kenntnis von diesem sonderbaren Gespräch. »Wie heißt er?« begann der König und fragte dann nach der Lebensweise in der Abgeschiedenheit. Als die Rede auf die Religion kam, hielt der Aussteiger die Zeit für gekommen, dem König zu verdeutlichen, mit wem er hier die Ehre hatte. »Noch immer glaube ich«, sprach er, »an das Selbe, an das ich glaubte, als ich eurem Großvater die Psalmen vorlas.« Das fuhr dem König in die Glieder, und er reagierte wenig souverän: er bot seinem Gegenüber einen Gulden an. Und nun großartig, unser Aussteiger: »Die Münze ist mir zu groß, ich nehme nur Kupfer.« Sprachs und ließ den Herrscher stehen. Dümmer als der König kann der Feldherr Alexander nicht geguckt haben, als der in der Tonne lebende Diogenes ihn bat, ihm aus der Sonne zu gehen. Der König zog sich wenige Wochen nach diesem Ereignis aus der Welt im Ganzen zurück. Die Schlucht diente noch manchen entlaufenen Soldaten als Versteck.

Das Antiautoritäre der kleinen Klamm, die inzwischen »dusterer Keller« genannt wurde, machte sich wieder geltend, als sich 1810 zwei patriotische Turnfreunde, Jahn und Friesen, mit Gleichgesinnten trafen, um den Widerstand gegen den zum Imperator mutierten Napoleon zu organisieren. Einer der Verschwörer berichtete später der Nachwelt: »An einem Herbstabend stand ein Kreis von Männern unter dunklen hohen Bäumen in abgelegener Gegend bei Berlin, weihte sich im Andenken an frühere Vaterlandsfreunde, die Gut und Blut ihrem Volk gewidmet hatten, der Befreiung des Vaterlandes vom französischen Joch und schloss einen deutschen Bund.«
Konspiration, Wein und Widerstand: Ist Kreuzberg nicht bis heute gezeichnet vom Geist des Dusteren Kellers? Sollte diese Erdspalte nicht als Kreuzbergs wahre Geburtstätte gewürdigt werden? Vor 150 Jahren, in den Delirien des Gründerzeitbaufiebers, wurde die alte Spalte mitsamt ihrer bewegten Geschichte zugeschüttet. Die Sandberge wurden – bis auf den höchsten – abgetragen, die Fläche planiert und parzelliert. Die Kühlung der erlegten Tiere übernehmen heute die Tiefkühltruhen von Kaisers und Netto, und für die Konspiration und die Weinbevorratung sind die zahllosen Spelunken rund um die verschüttete Schlucht zuständig. Für das Ahnengedächtnis sorgen die poesiereichen Grabsteine der Dreifaltigkeitsfriedhöfe. •




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