Kreuzberger Chronik
Oktober 2009 - Ausgabe 111

Geschäfte

Gesundheitsgeschäfte (1):
Dr. Engelbert



linie

von Horst Unsold

1pixgif
Nirgends gibt es so viele Angebote an alternativer Medizin wie in Kreuzberg. Das Geschäft mit der Gesundheit: Teil 1

Der eingeborene Kreuzberger wehrte sich noch gegen McDonalds auf heimischem Boden, doch Amerika ist einmarschiert. Längst haben sich im akustischen Straßenbild des multikulturellen Vorzeigedistrikts »Locations«, »Coffee to go« und »Burnout« eingeschlichen. Das Schlimme daran ist, dass sich nicht nur die Worthülsen geändert haben. Der Kaffee zum Mitnehmen ist Symptom und Symbol für den ständig wachsenden Zeitdruck auch unter Selbstständigen und Freiberuflern geworden. Sogar im Viertel der einstigen Lebenskünstler, dessen freundliche Kaffeehausatmosphäre in den Siebzigern noch manchem Manager zur Entspannung diente, macht sich Stress breit.
Heute berichten schon die Schulen von Kindern mit Stresssymptomen, und Künstler gehören schon lange zur Stammkundschaft der Heilpraktiker. Die Traumberufe sind zum Trauma geworden. Kein Wunder, wenn das Angebot an alternativer Medizin in Kreuzberg groß ist und Kundschaft aus der ganzen Stadt anzieht. Dr. Engelberts Klientel kommt ebenso aus dem Innenministerium und den oberen Etagen der Privatwirtschaft wie aus dem »Künstlerviertel«. Auch Musiker der Philharmonie finden den Weg in die
Hagelberger Straße – »denn so schön Musik auch ist: ein Bratschenspieler muss ständig den Kopf schief halten! Der steht unter Oberstress«. Journalisten, Übersetzer, Webdesigner, alle starren auf den Bildschirm und leiden unter Zeitdruck. Und alle brauchen dringend eine Portion Ruhe, »die sind alle auf der Suche nach der Insel«.
Also legen sie sich auf die »Klangwelle«, eine Mischung aus einer Harfe und einer Liege, an deren hölzernem Korpus die klingenden Saiten eines Zupfinstrumentes angebracht sind. Während sich die Patienten hinlegen, »bespielt« der klassische Gitarrist und Oratoriumsmusiker Engelbert seine Patienten, die nun die Töne nicht nur hören, sondern auch deren Schwingungen spüren. Bevor der Beamte des Innenministeriums ganz davon schwebt, greift der Therapeut zu seinen gedämpften Klöppeln und »erdet den Patienten« mit der dunklen Schlitztrommel auf der anderen Seite des »Klangmöbels«.
»Die Anthroposophen verwenden solche Instrumente seit 40 Jahren, um Tiefenentspannung zu erreichen«. Entspannung ist Heilung. Sie ist das Gegenteil von Stress. Deshalb gibt es in der Praxis von Dr. Engelbert auch kein überfülltes Wartezimmer, und sogar noch hinter den Fenstern vermittelt der Hof von Riemers Hofgarten mit seinen Bäumen und seinem menschenleeren Kopfsteinpflaster die Ruhe vergangener Zeiten. Die Gardinen und die Lampen sind aus chinesischem Papier, ein kupferner Gong steht im Raum und zwei »Monochorde« zum Erzeugen von Obertonschwingungen. Alle Möbel sind aus Holz und Rattan, alles wirkt ein bisschen fernöstlich, nur im hintersten Zimmer stehen elektronische Geräte.

Doch Dr. Engelbert ist keiner jener Heilkundler, die in China oder Indien der Weisheit letzten Schluss gefunden hätten. Engelbert kommt von der Nordsee. 20 Jahre lang arbeitete er als Landarzt mit Kassenpraxis und »140 Patienten am Tag«. Damals fand er »das noch toll«. Er begann als Kardiologe in Steglitz, arbeitete als Notarzt im Unfallwagen und in der Klink. Irgendwann hatte er die »Ersatzteilmedizin« satt und wandte sich der »biologischen Medizin« zu. Jetzt doziert er an der Universität von Mailand und leitet in der Europa-Universität Viadrina den Masterstudiengang für »Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde«. In aller Welt hält er Vorträge über »Integrative Medizin«, was nicht weniger ist als die Verbindung von klassisch-wissenschaftlicher Medizin mit modernen Naturheilkundeverfahren.
Der vielleicht wichtigste Faktor für das Gelingen einer Stress-Therapie ist Zeit. Auch für das Gespräch. »Die Statistik aber belegt, dass Kassenärzte ihre Kunden im gespräch durchschnittlich bereits nach 20 Sekunden erstmals unterbrechen«, um schneller auf den vermeintlichen Punkt zu kommen. Doch auch die medizinischen Untersuchungen brauchen ihre Zeit, mit einer einzigen Blutabnahme ist es meist nicht getan. »Wir wissen heute, dass bei chronischen Krankheiten wie auch dem Burnout Syndrom Stresssubstanzen die Energiekraftwerke der Zellen, die so genannten Mitochondrien, schädigen. Das können wir in Blut und Urin messen; allerdings werden die Laborkosten nicht von allen Kassen übernommen.« Dabei sind gerade beim Burnout Syndrom eine frühe Diagnose und schnelles Reagieren wichtig. Wer einen Tinitus fröhlich weiterpfeifen lässt, bekommt ihn eventuell nie wieder los.

Weil sich die Fälle überbelasteter Kreuzberger häufen, hat sich Engelbert mit dem Physiotherapeuten Dominic Pourat aus der Solmsstraße zusammengeschlossen, um an einer »Burnout Prophylaxe« zu arbeiten. In wenigen Wochen wollen die beiden Spezialisten ihre vorbeugenden Maßnamen für überarbeitete Kreuzberger gemeinsam anbieten.
Ein anderes, zumindest etymologisch, Kreuzberg-spezifisches Problem sind die so genannten »Freien Radikalen«. Die muss man sich, sagt Engelbert, »wie kleine Schlägertrupps unter den körpereigenen Abwehrstoffen vorstellen, die sich unter bestimmten Voraussetzungen zusammenrotten und unkontrollierbare Angriffe auf die körpereigenen Strukturen starten.« Erklärt der Doktor von der Nordsee und grinst dabei so verschmitzt wie ein gestandener Kreuzberger. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg