Kreuzberger Chronik
November 2009 - Ausgabe 112

Kreuzberger
Rashisii Graffiti

music goes on, you know


linie

von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

1pixgif
Music goes on, you know


ES GIBT Musiker, die ziehen mit dem Akkordeon in die Markthalle, spielen schräge Töne und halten den Hut auf. Es gibt zarte Geigerinnen, die stehen lächelnd vor der Markthalle und streichen die Saiten, dass es den samstäglichen Einkäufern die Tränen in die Augen treibt. Es gibt sogar Pianisten, die schieben schwere Klaviere vor sich her und verwandeln mit Chopin den Lärm der Markthalle für einen Moment in die Stille eines Konzertsaales.

Und es gibt Rashidii. Rashidii´s got the blues. Wenn er die Gitarre aus dem Koffer packt, den Lautsprecher neben den Hocker stellt und irgendwann irgendwie zu spielen beginnt, dann hört sich das manchmal an, als probe er noch. Als stimme er die Saiten und sei noch nicht ganz bei der Sache. Als denke er noch immer an die Stromrechnung und die Miete.

Es sind diese schiefen Töne, an denen man ihn erkennen kann: den Bluesgitarristen. Echte Bluesgitarristen spielen nicht auf Kommando und nicht nach Noten. Sie spielen auch keine Liedchen zum Mitsummen. Hendrix, »auch so ein linkshändischer Bluesgitarrist«, Hendrix´ Gitarre heulte, schrie, jubilierte, triumphierte, gab Gewehrsalven ab – je nachdem, was das Leben gerade hergab. So ist er, der gute, ehrliche, echte Blues. Man muss ganz nah dran sein an sich selbst und seinem Leben. Willie Dixon, ein Bassist und Komponist, mit dem Rashidii Graffiti eine Zeit lang spielte, sagte: Blues, thats the beautiful life under existing situation.

Blues kommt aus staubigen Hinterhöfen, verrauchten Kneipen, dreckigen Straßen. So wie Rashidii. Sohn einer jüdischen Berlinerin, die vor dem Ausbruch des Krieges über Marokko nach Amerika flüchtete und dort einen Mann aus Barbados kennen lernte. Rashidii hat diesen Mann nie kennen gelernt. Das Pärchen trennte sich, als er gerade Laufen lernte. Zehn Jahre verbrachte er im Heim und träumte vom anderen Leben. Dann kam er zu Dolly und Arnold. Die beiden hatte man ausgesucht, weil Dolly eine Schwarze und Arnold ein Weißer war. Das passte zu Rashidiis Teint.

Die Adoptiveltern gaben sich Mühe, doch Rashidii war enttäuscht von der Welt da draußen. »Da kommst du endlich raus, und draußen ist auch alles voller Arschlöcher.« Die Freiheit war schön, die neuen Eltern waren nett, sie steckten den talentierten Jungen sogar auf die Quaker Musicschool, obwohl der kleine Frisörsalon nicht viel abwarf. Später, als die beiden irgendwann krank wurden, pflegte Rashidii dann die Pflegeeltern, flog mehrmals im Jahr von Berlin nach Philadelphia. Das war er ihnen schuldig. Doch der kleine Frisörsalon seiner Kindheit lag mitten im Armenviertel von Philadelphia, die Familie hatte in ständiger Angst vor Überfällen leben müssen. Sogar, wenn Rashidii seinen Freund im Rollstuhl durch die Straßen schob, waren sie nicht vor Überfällen sicher. »Das musst du dir mal vorstellen: Da sitzt du im Rollstuhl, und dann überfallen die dich wegen ein paar dreckiger Dollar«. Aber Rashidii war nicht umsonst zehn Jahre im Heim gewesen. »Jeder Tag war ein Kampf. Ich wusste mich zu wehren. Und ich hab nie ein Messer benut
In Griechenland
Foto: Privat
zen müssen. Ich habe es immer so geschafft. Nur mein Freund fiel mehrmals aus dem Rollstuhl.« Das Leben war brutal in Philadelphia. »But thats where the blues comes from.«

Ein Stipendium rettete den Jungen. Es war das Jahr 1969, Rashidii war gerade fünfzehn, als er auf die Universität von Pennsylvania kam, ausgestattet mit dem komfortablen »Benjamin Franklin Scholarship«. Fünf Jahre lang beschäftigte er sich mit Architektur, Theater, Musik, und er demonstrierte gegen Vietnam. Als einer seiner Professoren aus politischen Gründen von der Uni verwiesen wurde, verließ auch Rashidii die Bildungsanstalt und zog los. Er hatte Klassik studiert, konnte Klavier spielen und Noten lesen, und er konnte den Jazz. Doch er spielte lieber den Blues. »Jazz, das war meistens doch nur Musik von Weißen, die den Schwarzen sagten, was sie zu spielen hatten.« Die Weißen machten das Geld, die Schwarzen waren immer noch ihre Nigger. Selbst, wenn sie auf den berühmtesten Bühnen der Welt spielten.

Rashidii spielte nicht auf den großen Bühnen. Er zog durch die Kneipen New Yorks, spielte in Hotels und Pianobars. 1981 verließ er den Kontinent und flog nach Amsterdam, einer Stadt voller Musik und voller Hippies. Er saß im Pulitzer Hotel am Klavier, als ihn ein Mann ansprach, ob er nicht durch Europa touren wolle. So kam Rashidii nach Berlin, in die Heimatstadt seiner Mutter. Eines der Lokale, das der Bluesmusiker mit den Rastalocken kennenlernte, war das Bluescafé in der Körner Straße.

Jahre später, bei einem Auftritt in einem Club in New York, kam eine Frau auf den Mann am Klavier zu. Sie war eine gut gekleidete Bankerin und passte nicht in die Szene, aber sie kannte das Bluescafé, und sie fragte, ob er nicht Lust hätte, nach Berlin zu gehen. Sie war, wie sich herausstellte, im Auftrag seiner Mutter da. Sie zahlte den Flug und das Quartier im Interconti für die vierköpfige Cobalt Blues Band, zwei Wochen spielten sie in der Kerner Straße und im Linientreu am Kudamm. Es sah so aus, als habe die Mutter Sehnsucht nach ihrem Sohn. Gesehen haben sie sich trotzdem nur selten. Rashidii erzählt auch nicht viel von seiner Mutter, er greift lieber zur Gitarre. Und spielt den Blues. Und dann legt er sie wieder weg, die Gitarre, streckt sich auf dem Sofa aus, das in seiner kleinen Bar in der Solmsstraße steht, und sagt: »Man weiß doch nie, was in einem Menschenkopf so
alles vor sich geht«.

Rashidii fühlt sich wohl in Kreuzberg, das ist ein bisschen wie Greenwich Village oder Southstreet in Philly. Ein Dorf in der Stadt. Obwohl es nervt, wenn jeder einen kennt und jeder einem sagt, was man falsch macht. Sein kleiner Kleinkunstkeller, The Living Room, im Souterrain der Solmsstraße, ist sein Zuhause. Auch wenn es ein öffentliches Zuhause ist, wenn er dort montags Stummfilme zeigt und Chaplin am Klavier begleitet. Oder Tänzerinnen zu Gast hat, Musiker auftreten, Daniel Malheur sein Programm aus den »Roaring Twenties« spielt. Sogar ein Tonstudio hat der Musiker im Souterrain untergebracht.

The Living Room war ein Neuanfang. Ein Aufstieg nach dem Absturz. Da schlief er in der Ringbahn, die die Nacht durchfuhr, und hatte sein komplettes Hab und Gut in ein paar Koffern im Keller. Da hatte er »gar nichts mehr«, mit der Frau, die zugleich seine Managerin war, auch seine Jobs verloren. Doch Rashidii spielte weiter seinen Blues, »music goes on, you know«. Er spielte in Psiri, einem Szeneviertel in Athen, oder in Milano auf der Straße. In Berlin, vor der Marheinekehalle. Blues gehört auf die Straße. Willie Dixon hatte immer gesagt: »Die Straße ist gut. Die Straße ist ehrlich. Wenn du schlecht spielst, nehmen sie dir die Gitarre weg und verjagen dich. Aber wenn du gut spielst, fangen sie an zu tanzen.«

Aber vielleicht würde auch Rashidii nicht mehr auf der Straße spielen, wenn er damals, als die fein gekleidete Bankerin ihn ansprach, Nein gesagt hätte. Vielleicht hätte er Karriere gemacht. Schließlich hatte er schon auf der Bühne des Tropicana in Las Vegas gestanden, mit Albert King und Albert Collins gespielt, und mit Muddy Waters. Und Muddy Waters spielte sogar einen von seinen Songs: »Blue Blood«. Aber Rashidii hatte immer »so viel mit Familie zu tun«. Mit Dolly und Arnold, den Kindern, den Freunden. »Und wenn du Karriere machen willst, musst du an dich denken. Das war nichts für mich.«

Rashidii sitzt auf einem kleinen Hocker, vor sich der geöffnete Gitarrenkoffer mit ein paar Münzen. Er spielt das Lied von den Tieren, von Elefanten, Affen, Schweinen, ein Lied, das für die Kinder sein sollte, in dem aber auch die Menschen manchmal wie Tiere sind. Man hört sie noch heraus, die beiden Schweine, die ihn und den Freund im Rollstuhl ausrauben wollten. Die Straßen von Philadelphia. »But thats where the blues comes from.«

Er sitzt auf der Straße und spielt seine ehrliche Gitarre. Eine Gitarre, die nicht lügen kann. Die krächzt, quietscht, schreit, die all die falschen Töne des Lebens kennt. »Ich habe viele traurige Geschichten erlebt«, sagt Rashidii. Und lacht. Und beginnt, mitten im Satz, plötzlich zu singen. Und dann fügt sich alles ganz harmonisch ineinander, dann streichelt er die Saiten, schlägt zarte Akkorde an, aus der Brust kommt eine Stimme. Und jeder, der jetzt zur Markthalle geht, um sich seine Wurst und seinen Käse oder seine Runkelrüben zu kaufen, kann es spüren: This man has got the blues. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2018, Berlin-Kreuzberg