Kreuzberger Chronik
November 2009 - Ausgabe 112

Geschichten & Geschichte

Die französischen Gärtner


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von Martin Düspohl

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Vor 300 Jahren kamen die Hugenotten nach Berlin. Sie brachten nicht nur exotische Früchte, sondern auch fremdartige Redewendungen in die Stadt.

DIE ERSTEN Siedler im heutigen Stadtgebiet von Kreuzberg, das im 17. Jahrhundert noch Weideland vor den Stadtmauern war, waren Religionsflüchtlinge aus Frankreich. Die Hugenotten, evangelische Christen aus Frankreich, suchten Schutz vor den erbarmungslosen Verfolgungen durch den katholischen Monarchen Ludwig XIV. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. war an der Ansiedlung gut ausgebildeter Einwanderer interessiert, denn in Brandenburg fehlten versierte Handwerker und Bauern. Er lockte mit Starthilfen für die Gründung selbständiger Existenzen und mit Privilegien wie Steuer- und Zunftfreiheit.

Die Privilegien freilich erzeugten Neid und Missgunst unter den Einheimischen. Sie beschimpften die Franzosen als »Störer«, »Pfuscher« und »Paddenschlucker« (Froschfresser), doch die »Adoptivkinder Preußens« – wie sie sich selbst bezeichneten – stellten schon bald ein Fünftel der Berliner Einwohnerschaft. Französisch wurde nicht mehr nur am Hofe gesprochen, sondern auch auf den Berliner Straßen und Plätzen. Und das Berlinische wurde durch zahlreiche französische Ausdrücke bereichert: z.B. mutterseelenallein von moi tout seul – ratzekahl von radical – Querelen von querelles, Muckefuck von mocca faux, etepetete von être peutêtre und todschick von tout chic.
Besonders traten die Hugenotten im Süden, in der späteren Luisenstadt, mit ihren prächtigen Gärten hervor. Die Gärten bestimmten seit etwa 1700 das Bild der unmittelbaren Umgebung Berlins und wurden nicht nur von zugewanderten Franzosen angelegt, sondern auch von den einheimischen Berlinern. Doch die französischen Gärtner führten Gewächshäuser und Mistbeete ein und brachten darüber hinaus zahlreiche Obst- und Gemüsesorten nach Berlin, die für die Einheimischen reichlich exotisch waren: grüne Erbsen und Bohnen (»Bohnenfresser« wurden die französischen Glaubensflüchtlinge auch genannt), aber auch Spargel, Blumenkohl, Artischocken, Salate, Maulbeerbäume, Tabak, Wein, Zitronen und Orangen.
Die Gärtnerfamilie Matthieu betrieb über mehrere Generationen hinweg bis 1853 verschiedene Gärten. Der größte lag in der Neuen Grünstraße. Dort kaufte Jean Matthieu 1738 ein 5 Morgen großes Stück Gartenland und pflanzte »die schönsten und seltensten Obst-und anderen Bäume.« Jean-Louis, der älteste Sohn des Gartengründers, wurde als »Birnenkönig« berühmt. Zudem züchtete er Spargel, verschiedene Apfelsorten, Quitten, Feigen, Maulbeeren und Mispeln. Er war es auch, der das erste Samengeschäft in Deutschland eröffnete. Neben dem Wohnhaus der Familie, das mitten im Garten lag, errichtete Jean-Louis ein Glashaus, das im Winter die Orangerie beherbergte, sowie Oleander-, Lorbeer- und drei große Myrtenbäume.
Der Sohn von Louis wiederum war der erste Sprössling der Familie, der mit Elisabeth »Jettchen« Fiedler keine Hugenottin heiratete. Er er
Die französische Luisenstadtkirche mit Predigerhaus um 1890 (heute Parkplatz der Bundesdruckerei) Foto: Kreuzberg Museum
weiterte den Garten um 14 Morgen und wurde Mitbegründer und erster Schatzmeister des »Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den königlich preußischen Staaten«. Mitte des 19. Jahrhunderts schwärmt eine Matthieu-Nachfahrin über den Garten, der inzwischen gar nicht mehr außerhalb der Stadt lag: »Wie eine Oase in der Wüste, wie ein Teil aus einer anderen Welt, lag er inmitten des Häusermeers. Das freundliche Haus mit der breiten Steintreppe und den beiden Nußbäumen, die wie schützend und segnend ihre Zweige darüber breiteten; der Brunnen davor, dem das Mädchen im rosa Gewande das köstliche Wasser entströmen ließ, um es in dem weiß gescheuerten Eimer aufzufangen; das Rondell mit den vielen Aloé-, Dracaenen-, und Palmengewächsen; die reiche Abwechslung von Bäumen und Sträuchern; das Gartenhaus mit dem säulengetragenen Vorbau: dies alles bot einen überraschenden Anblick dar, inmitten dieses Chaos von Häusern und Straßen.«
Die Oranienstraße hieß in ihrem westlichen Abschnitt bereits um 1709 »Orangenstraße« und wurde 1849 anlässlich der Erweiterung der Straße bis zum Heinrichplatz offiziell »Oranienstraße« getauft. Dass sie ihren Namen von dem Herkunftsort der hugenottischen Flüchtlinge, dem südfranzösischen Fürstentum Orange, erhielt, die sich dort niedergelassen hätten, kann nicht belegt werden. Denn die Orangeois wohnten überwiegend in der Dorotheenstadt, wo auch ihre Armenstiftung Maison d'Orange eingerichtet wurde. Ob die Straße so hieß, weil französische Gärtner hier Orangen in Gewächshäusern zogen, wird wohl ebenso ungeklärt bleiben.

Mitten in dem Gartenreich im Süden Berlins stand seit 1700 Berlins älteste französische Kirche, von den Berlinern »Melonenkirche« genannt. 1728 wurde sie durch einen dauerhaften Kirchbau ersetzt, der später »französische Luisenstadtkirche« hieß. Das ganze 18. Jahrhundert über wurde dort nur in französischer Sprache gepredigt.
Doch wo einst Gärten blühten, wuchsen bald Häuser. Auch die französischen Redewendungen gerieten wieder aus der Mode. Die Besetzung Berlins durch Napoleon war für die Berliner Hugenotten sogar ein Anlass, ihre französische Identität abzustreifen und sich als Preußen zu definieren. Ein Henri Lejeune nannte sich plötzlich Heinrich Junge, Francois Chanalle Franz Schnalle und Charles Leclerc Karl Klericke. •

Entnommen aus dem gerade erschienenen Buch »Kleine Kreuzberggeschichte«, Berlin-Story Verlag, Kreuzberg-Museum, Martin Düspohl, 14,80 Euro

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