Kreuzberger Chronik
November 2009 - Ausgabe 112

Essen, Trinken, Rauchen

Sas und die Hundeseele


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von Saskia Vogel

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>Sas und die Hundeseele Der Graefekiez ist in und rosarot. Sas findet eine Nische.


IM GRAEFEKIEZ riecht es nach Hack. Der Geruch von angeschwitztem Zwiebel-Fleisch zieht aus dem Küchenfenster einer Wohnung auf die Straße hinunter. Und inspiriert das sitzende Herren-Duo vor der Bar-le-Duc zum fachmännischen Hausfrauengespräch. Der Herr im grauen Anzug, ein Liebhaber von »Poesie und einem guten Glas Wein«, gebärdet sich kosmopolitisch: »Tja, die italienische Küche, die ist ja…. ja, tja, ja, ja.«

Die zwei Koch-Philosophen würden zur Hackfleisch-Pasta natürlich Sardellen empfehlen, »abgeschmeckt mit einer Dose Tomatenmark.« – »Ja, ja das ist eh klar«, ergänzt der Bärtige, der Sas´ Einschätzung nach schon ein Bier mehr gezischt hat. Bei ihm würde es heute Spaghetti Bolognese geben. Aber manchmal täte es auch eine anständige Boulette. Sein Hund, ein stämmiger Beagle, eher breit als hoch, gibt Herrchen Recht. Der Speichel tropft, das Tier fiept mit Inbrunst in die offene Bartür hinein, man möge ihm eine Portion Hackfleisch servieren.
Doch in der Bar-le-Duc gibt es nichts dergleichen. Kein Sardellen-Firlefanz und auch keine Fleischklöße. Die Karte präsentiert schlicht »Halbstarkes« und »Starkes« im flüssigen Aggregatzustand und das große 0,5er Spätsommer-Bier vom Fass für nur zwei Euro.
Rosis Bar ist eine Ausnahme zwischen all den Kuchenbutzen im Graefekiez. Während die zuckersüßen Stübchen im Kiez auf »Retro-« oder »Romantic-«Einrichtung setzen, setzt die blonde Rosi auf den Möbel-Oase-Charme?
Der Boden ist aus hellem PVC, auch der Tisch vor der »Polsterecke« sieht zwar historisch aus, ist aber unverkennbar aus dem Einrichtungshaus. Ein paar Stahlrohr-Barhocker hier, großflächige Obst-Plakate dort, irgendwie passt manches nicht so recht zum anderen. Aber das macht nichts. »Mensch, Rosi, das wird ja immer gemütlicher hier«, lobt der Kochkunst-Philosoph, der mal eben auf die Örtlichkeiten schwankt, und meint die Korbregale im »Poco-Domäne-Landhausstil«. An den Wänden hängen Glaskästen mit Tropenschmetterlingen, »die hab ick ooch in der Möbel-Oase gekooft, fand ick witzig«, meint Rosi, auch wenn es »etwas gemein wäre, die Tierchen so aufzupieken.«

Sas bestellt sich noch ein Helles, prostet erst Rosi und dann dem Herren-Duo und schließlich dem Rüden zu. Aufgeregt herumhopsend macht der Beagle Anstalten, ein nervöses Bächlein zu lassen. Sas jedenfalls fühlt sich wohl in der kleinen Bar, die nach einem Ort in den französischen Weinbergen benannt ist. Vor allem, weil Rosi das Bier ohne die Graefekiez-typische »Null-Bock-Schnute« serviert. Und weil das »le-Duc« garantiert nicht so schnell auf die »Der neuste heiße Scheiß«-Liste in der Zitty kommen wird. Eigentlich mögen alle die kleine Bar. Nur der Beagle nicht. Denn Hack zu riechen ohne Hack zu essen, ist für Hundeseelen eine schiere Qual. •

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