Kreuzberger Chronik
März 2009 - Ausgabe 105

Herr D.

Der Herr D. und der Herr Schmitt


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von Hans W. Korfmann

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>DER HERR D. war freundlich zu den Werbezettel-Verteilern. Er empfand Solidarität mit den Laufburschen. Er kannte einen Philosophen, der an der Uni doziert hatte und nun auch nichts anderes mehr tat, als Zettel zu verteilen. Deshalb ärgerte es ihn, wenn er über die Sprechanlage mit anhören musste, wie die jungen Männer und Frauen, die für ein paar Euro die Stunde Werbung an die deutschen Haushalte verteilten, von seinen politisch korrekten Mitbewohnern angemeckert wurden, nur weil sie an der Haustür geklingelt hatten.

Um die Scheinlinken zu ärgern, öffnete der Herr D. jedem Klingelnden ausnahmslos die Tür. Zu seiner Befriedigung hörte er die Nachbarn schnaufen vor Wut, wenn sie ihn dabei ertappten, wie er den Eindringlingen freundlich öffnete. Sein Ärger über die Nachbarn war manchmal so groß, dass er nächtens alle Werbesendungen, die sich im Laufe einer Woche im bereitstehenden Papierkorb angesammelt hatten, vor dem sicheren Schicksal der Müllverbrennung rettete und erneut in die Briefkästen der Hauptverdächtigen steckte.

Das ging so lange gut, bis Schmitt kam. Der Herr D. war gerade dabei, einen Stapel von Pizza-Service-Flyern möglichst gerecht zu verteilen, da hörte er hinter sich die Stimme: »Nehmen Sie Ihre verdammten Scheißzettel und sehen Sie zu, dass Sie hier verschwinden!« Der Herr D. drehte sich um und sah einem breiten Mann direkt in die Augen. »Ich mache hier nur meine Arbeit!«, sagte der Herr D. und wandte sich wieder den Briefkästen zu.

»Sie nehmen sofort Ihre Scheiße und verschwinden! Ich bin der Hausmeister, und wenn ich will, bekommen Sie Hausverbot, ist das klar?« Schon wieder so ein Hausmeister, dachte der Herr D. und überlegte, ob er sich als Mieter zu erkennen geben sollte, oder ob er das in Anbetracht seiner argusäugigen Nachbarn besser lassen sollte. »Na wird's bald?«, drängte Schmitt. Aber mit dem Spruch hatte schon Herrn

D.s Mutter nur Trotz im Sohn hervorgerufen. »Ich gehe, wenn ich hier fertig bin.« – »Ich hau dir den Kopf von den Schultern!«, rief Schmitt, ging aber nicht zum Angriff über. Wahrscheinlich hatte er schlechte Erfahrungen mit dem Verprügeln von Leuten gemacht. Er sagte: »Ich bin hier der Chef, ich bin der Hausmeister, und wenn ich sage…« Ihm fiel nichts mehr ein.

Da holte der Herr D. aus: »Sie sind kein Hausmeister, Sie sind ein Vollidiot! Sehe ich etwa aus wie diese Kanacken, die uns hier die Briefkästen verstopfen? Ich WOHNE hier!« Das Wort Kanacke tilgte jeden hausmeisterlichen Zweifel an der Aufrichtigkeit des Gesprächspartners. Er sackte einen halben Meter zusammen und murmelte etwas von Entschuldigung. »Nichts für ungut!«, sagte der Herr D. und klopfte ihm auf die Schulter.

Mit Schmitt gab es nie wieder Probleme. Nur mit den andern. Den Korrekten•


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