Kreuzberger Chronik
Juni 2009 - Ausgabe 108

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Morgenland


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von Saskia Vogel

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Ruhe liegt über dem Schlachtfeld. Hunger meldet sich. Da sieht Sas das Morgenland.


2. Mai. DER MORGEN danach. Ein Samstag. Kreuzberg ist still, getroffen vom Steinhagel. Es ist 12 Uhr mittags, nach Kreuzberger Zeitrechnung noch früh am Morgen. Doch Sas hat Hunger. Die Scheiben der Bushaltestelle vom Görlitzer Bahnhof sind zu Bruch gegangen, mit einem Industriesauger befreit ein Mann von der Stadtreinigung das Straßenpflaster von den Scherben. Hektisch sind die kleinen Pflastersteine ausgegraben worden, große Löcher klaffen auf den Wegen, noch immer reizt die vergiftete Atmosphäre die Schleimhäute.
Sas will keine Gewalt. Sie ist auf der Suche nach einem friedlichen Land. Da sieht sie, noch ein wenig verschwommen durch den Schleier vor ihren Augen, wie eine Fata Morgana das Morgenland vor sich liegen. Ein Café, in dem Milch, Kaffee und Honig fließen, in dem es Essen gibt für alle, in nie endenden Mengen. Weil am Tag nach den Krawallen nichts so richtig wichtig ist. Sas muss nur den Mund öffnen, und schon plumpst eine Erdbeere hinein.
Der Eintritt ins Frühstücksparadies kostet 9,50 Euro. Das ist ein Zwanzigstel ihres derzeitigen Monatsbudgets. Doch in eingelegte Auberginen und Würstchen, in Obstsalat mit Joghurt, Eier, Camembert und Pfannkuchen investiert Sas lieber als in Investmentfonds. Auch, wenn sie dabei das Doppelte dessen ausgibt, was sie täglich ausgeben darf. Andererseits wird sie im Morgenland satt für die ganze Woche.
»Ich bin seit zehn Jahren hier zum Brunch«, sagt Erik. Erik, der heute im weißen T-Shirt scheinbar gelangweilt in seinem Kakao herumrührt. Und gestern im schwarzen Kapuzenpulli noch Katz und Maus mit den Bullen spielte. Erik ist längst satt, aber alle fünfzehn Minuten steht er auf und holt sich einen neuen Teller Kartoffelecken. »Ist ja schon bezahlt!« Sas grinst.
»Das Frühstücksbüffet ist gigantisch«, sagt Erik. Es soll Tage gegeben haben, an denen die Bruncher ihre Teller auf den Kühlerhauben der parkenden Autos abstellten, weil kein Platz mehr gewesen sei im Lokal. Und das Preis-Leistungsverhältnis im Morgenland wäre halt nicht zu toppen. Sas hatte schon immer eine Schwäche für das Morgenland. Die verschnörkelten Ornamente an den Wänden und die Messinglampen mit den bunten Steinen: Das Café Morgenland hätte auch in einem versteckten Winkel eines marokkanischen Basars liegen können, es war eine Orient-Lounge mitten in Berlin.
Nur Erik passte nicht hinein. Erik war echter Berliner. Und Sas? »Was heißt eigentlich Sas? Hat der Name was mit der Saz zu tun, dieser dickbäuchigen türkischen Laute?«, will Erik wissen. Nein. Sas heißt grundlos Sas. Und dickbäuchig? Sas schaut an sich herunter. Sie ist eher eine schmale Flöte. Obwohl sich das nach dem Kalorien-Brunch im Morgenland schnell ändern könnte. •


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