Kreuzberger Chronik
Juli 2009 - Ausgabe 109

Essen, Trinken, Rauchen

Der alte Mann und die Pizza


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von Erwin Tichatschek

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Der Wirt der kleinen Pizzeria in der Nostitzstraße heißt Onkel Maju. Früher hieß er »Gino«, und es gabkeine Pizza, sondern Jazz.



»HIER, GENAU hier stand das Klavier!« In der Ecke saß ein älterer Herr, wahrscheinlich ein Musiker, umgeben von drei jungen Frauen. Sie waren so schön, dass der Kellner sie gar nicht mehr aus den Augen ließ. Sie erzählten, kicherten, stießen mit den Gläsern an, tauschten die verschiedenen Pizzasorten untereinander aus, Pizza mit Scampi, Pizza mit Gemüse, Pizza mit Sardellen. Die jungen Frauen waren alle zusammen so alt wie der Musiker, und sie hatten viel zu erzählen. Doch sobald der Musiker etwas sagte, waren sie still. So, als werfe man einen Stein in einen Busch voller zwitschernder Spatzen.
»Genau hier stand das Klavier«, sagte er. »Und die Kneipe gehörte Gino. Gino war kein Pizzabäcker, Gino war ein Musiker. Wenn die Jazzer im Quasimodo mit ihren Konzerten fertig waren, dann kamen sie zu Gino.«
Die großen Augen der jungen Mädchen hingen an den schmalen Lippen des älteren Herrn. Vielleicht, weil er so selten sprach, oder weil er meistens ein Lächeln auf den Lippen hatte, wenn er sprach. Vielleicht auch, weil sie merkten, dass es ein besonderer Moment war für den Musiker, nach dreißig Jahren wieder in diesem Raum zu sitzen, in dem er einst so viele Stunden verbracht hatte. Schon als er eintrat, war er stehen geblieben und hatte sich nachdenklich das Kinn gerieben. Er benahm sich, als stünde er in einem Museum, beobachtete den Kellner, der gar nicht aus Italien kam, und die Wände, die viel heller waren als die verteerten Tapeten des Jazzlokals.
»Aber eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert« sagte er. »Der Tresen war länger damals! Und voller war es. Es war jede Nacht voll hier. Das La Bohème war ein Geheimtipp.«
An diesem Abend waren die drei Frauen und der Musiker in der Ecke die einzigen Gäste. Die Frauen waren schön, sie kamen aus Spanien, Sumatra, den Niederlanden, und sie stießen auf ihre jungfräulichen Doktortitel an. Der einzige Berliner und der einzige Bohème an diesem Abend war der Mann mit dem grauen Stoppelbart.
»Hat es Ihnen geschmeckt?« fragte der Kellner.
Die jungen Frauen zwitscherten vor Vergnügen, und der ältere Herr sagte: »Es war ganz ausgezeichnet!« Als die Frauen darauf bestanden, den Mann am Tisch einzuladen, hob er resigniert die Schultern und fragte den Kellner: »Womit hab ich das nur verdient?«
Sie standen noch eine Weile draußen in der Nostitzstraße und rauchten. An der Fensterscheibe hing ein Zettel: Sonntag und Montag jede Pizza 2,90. »Also, irgendwie ist das immer noch ein Geheimtipp!«, sagte der Musiker. Die Mädchen lachten und zwitscherten und flogen davon wie eine Herde Spatzen. Lächelnd ging der ältere Herr nach Hause. Fast so jung wie damals. •

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