Kreuzberger Chronik
Juli 2009 - Ausgabe 109

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Kinder von der gelben Villa


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von Miriam Stantejski

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2002 schloss das »Haus der Familie« am Mehringdamm. Der Bezirk wollte die Räume für die Verwaltung nutzen. Um einen Ersatz kümmerte er sich nicht. Eine Privatinitiative hat die aufklaffende Lücke geschlossen.


ES IST EIN heller Sommernachmittag, strahlend weiß steht die gelbe Villa unter einem blauen Himmel. Vor dem Haus spenden eine Magnolie und zwei große Kastanien Schatten, Kinder liegen auf dem Rücken und schauen ins grüne Blätterdach. Vier Mädchen jonglieren auf Einrädern, zwei andere ernten Erdbeeren aus dem selbst angelegten Garten. Einige Jungen schießen Bälle aufs Tor, andere sitzen am hölzernen Tisch vor der Milchbar in der Sonne und nuckeln an ihren Strohhalmen. Es gibt keinen Lärm und keine Tränen in der gelben Villa, es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Als wäre die gelbe Villa ein Ferienhaus auf dem Land.
Doch die gelbe Villa liegt mitten in Kreuzberg, und die Kinder kommen nicht in die Ferien. Sie kommen geradewegs aus der Schule. Sie kommen auch nicht aus den Familien wohlhabender Neukreuzberger, sondern aus allen möglichen Winkeln der Welt. Sie sprechen die verschiedensten Sprachen, und sie verstehen sich doch. Die gelbe Villa ist ein Erfolgsprojekt. Sie ist eine ruhige Insel inmitten einer lauten, ewig zerstrittenen Großstadt. Ein kleines Stück Wohlstand in einem der ärmsten Stadtviertel Berlins, an dessen Statistik auch die wohlhabenden Eigenheimbesitzer des Viktoriaquartiers auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei nichts ändern werden.
»Wir haben hier Kinder, die kommen jeden Tag! Die gehen nach der Schule in unser Restaurant, wo es ein mehrgängiges Menü gibt.« Auf der mit Kreide geschriebenen Speisekarte des Restaurants Vier Jahreszeiten stehen an diesem Tag Gemüsesuppe mit Weißkraut, sowie Blumenkohl, Kohlrabi und weiße Rüben »polnische Art« mit Salzkartoffeln und Kräutersoße, oder auch Paprikastreifen mit Zwiebeln und Spaghetti. Als Nachtisch gibt es Grießpudding mit Haselnuss-Aprikosensoße. Die Kinder können wählen wie im Restaurant, auf den Tischen mit den orangefarbenen Tischdecken stehen Blumen, auch auf der großen Balkonterrasse sitzen sie zu dritt oder zu viert und unterhalten sich. Kein lautes Klappern von Besteck, kein Geschrei über zehn Meter lange Tafeln hinweg stört den Frieden. Das Kinderrestaurant ist eine echte Alternative zur überfüllten Schulmensa.
»Wir haben hier manchmal ganze Familien, fünf Geschwister, die zuhause alle in einem Raum schlafen. Für die ist die Villa so ein zweites Zuhause. Sie kommen und essen, machen ihre Aufgaben im Hausaufgabenzimmer im dritten Stock, einem hellen, ganz von Glas umgebenen Raum mitten im Park. Dann verteilen sie sich auf die anderen Stockwerke, gehen ins Modeatelier, in die Filmwerkstatt oder zum Tanzen. Zwischendurch besuchen sie die Milchbar auf einen Kakao, oder sie spielen auf dem Rasen vor dem Haus.«
Damit erfüllt die Villa den selbst definierten Anspruch, einen Beitrag »zu mehr Chancen-gerechtigkeit in der Gesellschaft« und zur »Förderung Heranwachsender, unabhängig von ihrem sozialen oder kultu
Foto: Dieter Peters
rellen Hintergrund«, zu leisten. Einen Beitrag zu einer Gesellschaft, in der die Schulen immer mehr versagen. »Wir verstehen uns als eine notwendige Ergänzung zu einem Bildungsprogramm«, das es weder den Lehrkräften noch den Kindern leicht macht. »Nach einem Achtstundentag in einer Ganztagsschule sind nicht nur die Lehrer, da sind auch die Kinder fertig!« Die Zeiten, als Stress ein Krankheitssymptom gut bezahlter Manager war, gehören der Vergangenheit an. Heute klagen schon Schulkinder über Stress.

In der Villa können sie sich erholen. Und gleichzeitig »grenzenlos kreativ« sein. Die Kinder kommen in das Haus am Mehringdamm, um, begleitet von einem hochkarätigen Team, verschiedensten und eigensten Interessen nach zu gehen. Angeleitet von ausgewählten Künstlern und Pädagogen. Darunter sind Musiker wie Momo Djender, die mit KIaus Doldingers Passport auf der Bühne standen, die Tänzerin Garnett Henning von der Royal Academy of Dance oder solche Multitalente wie der Marokkaner Khalid Bensghir, der seit vier Jahren mit den Kindern malt und zeichnet, sägt und hämmert und Kunst aus Abfall produziert. Seine Gruppe im Atelier ist bunt gemischt, es sind Jungen und Mädchen aus verschiedensten Nationen. Sie sprechen kaum miteinander, sie konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Und nicht selten verlässt das eine oder andere Kinder-Kunst-Werk das Atelier, um in einer Ausstellung der Werkstatt der Kulturen zu landen.
Das Angebot ist vielfältig und modern. Streetdance, ein Fotolabor, sogar eine Blue-Box zum Herstellen von Trickfilmen gibt es. Es gibt den Proberaum für die Rapper und die Rocker, Bands wie die »Fantastic Girlz« oder die »Violet Girls«, von denen eine auf dem Jazzfest in der Bergmannstraße auftritt. Es gibt all das, was es in anderen Kindereinrichtungen auch gibt: eine Siebdruckwerkstatt, eine Theatergruppe
Sara und Emily, die Gründerinnen des Gartenclubs Foto: Dieter Peters
und ein PC-Café. Der einzige Unterschied ist: In der Villa steht kein Raum leer. 130 Kinder kommen täglich.
Der Grund für das Gelingen des Projektes liegt in der angenehmen Atmosphäre des gepflegten Hauses, sowie in der Professionalität der engagierten Pädagogen und Künstler. Die Ergebnisse der Villa-Workshops sind beeindruckend, egal, ob es der bühnenreife Auftritt der Streetdancer anlässlich eines Jubiläumsfestes oder die Präsentation einer neuen Modekollektion der Schneidergruppe im Haus der Kulturen der Welt ist. Die Arbeit der Villa überzeugt.
Vielleicht ist die gelbe Villa aber auch deshalb so erfolgreich, weil sie kaum durch Verordnungen und Sparmaßnahmen behindert wird. Die gelbe Villa ist eine private Initiative, unabhängig vom finanziellen Tropf und auch vom bürokratischen Kropf des Bezirks. Sie ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Städte und Bezirke in der Bildungspolitik nur noch beschämende Nebenrollen spielen.
Die Kinder- und Jugendstiftung Jovita, rekrutiert aus den Mitgliedern und Kunden einer Hamburger Bankgesellschaft, hat sich zum Ziel gesetzt, »Heranwachsenden von heute Perspektiven für die Zukunft zu geben.« In ihrer Broschüre heißt es: »Selbst in wohlhabenden Familien aufgewachsen,« möchten die Mitglieder der Initiative »Kindern und Jugendlichen von heute – insbesondere aus sozialen Randgruppen … Unterstützung und Förderung zukommen lassen«. Dazu kaufte sie die Villa am Kreuzberg, renovierte aufwendig und geschmackvoll und richtete sieben feste Stellen ein. Der Bezirk schaute zu.
Die Kinder der Villa stört das alles nicht. Sie sitzen vor der Milchbar und essen Waffeln. Manchmal duftet es bis in den sechsten Stock hinauf. Sara und Emily haben frische Erdbeeren gepflückt. Aus dem kleinen Nutzgarten bei der Kastanie. Sara ist sieben, Emily schon elf, doch sie sind gute Freunde. Sie waren zusammen in der Garten AG bei Cornelia, aber dann wurde das Projekt aus dem Kalender gestrichen. Die beiden Mädchen protestierten.
»Da haben wir uns gedacht, dass wir das ja auch selber machen könnten, und haben die Katja gefragt. Die meinte erst, ihr seid ja noch zu klein, und so. Aber wir haben sie immer wieder gefragt, richtig genervt, bis sie irgendwann kam und sagte: So, jetzt ist der gelbe Villa Garten-Club auf der Angebotsliste.
Dann haben wir einen Flyer gemacht und geschrieben: Wir suchen noch Kinder für den Garten-Club. Jeden Mittwoch, 16 bis 18 Uhr. Unser Motto: Säen, Gießen, Ernten und Genießen.«
Inzwischen sind sie schon zu sechst. Aber Emily und Sara sind sich
sicher: »Wir werden noch ein paar mehr!« •



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