Kreuzberger Chronik
Juli 2009 - Ausgabe 109

Geschäfte

Die Schönen vom Atelier Mohr


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von Stephanie Jaeckel

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Sie heißen Eva oder Lea, Linda E. oder Brad P. Sie zucken nicht einmal mit der Wimper, wenn ihr Chef vorbeikommt. Doch Jan Wegener ist den verschwiegenen Gestalten hoffnungslos verfallen.
Drinnen ist es schummrig. Vor allem, wenn es so hell ist, draußen, auf der Adalbertstraße, wo sich der Mittagsverkehr staut und die Sommersonne den Bäumen in die Adern fährt. Wer rein will, muss klingeln, geöffnet wird prompt, was folgt, sind Schritte in eine andere Welt. Denn das ganze Sortiment steht Spalier. Still, bewegungslos, wie es Puppen nun mal eigen ist. Eva, Lea, Nadja, Linda E., Meg R., Romy S. Hoch oben lehnen sie über eine elegante Eisenbrüstung, Kevin, Freddy, Mark, John T., Brad P., Daniel C. Als sei heute der Tag, wo sich der ganze Jet Set im Kreuzberger Hinterhof versammelt, um die Rollen zu tauschen und einmal Publikum zu sein, für jede und jeden, der beim Atelier Mohr hereinspaziert. Ein tolles Gefühl? Nun, die Sache hat einen Haken: Fast alle dieser glamourösen Geschöpfe tragen Glatze und – alle sind nackt.
Hinten durch, im kleinen Büroraum, klingeln Telefone und summen Rechner. Wer hier anruft, möchte die stillen Beauties buchen, kaufen oder das eigene Schaufensterpersonal neu stylen oder reparieren lassen. Das Atelier Mohr macht alles: Verkauf, Verleih, Restaurierung, dazu Perücken und Requisiten aller Art. Fast wäre der Laden untergegangen, vor knapp fünf Jahren – einen leisen, unspektakulären Hinterhaustod gestorben, wäre nicht Jan Wegener dazwischengekommen, ein junger »Gegenstromschwimmer«, wie er sich selbst nennt, der die Pleitefirma kaufte. Damals baute er Requisiten, für Zauberer und andere Bühnenkünstler. Er schweißte ungewöhnliche Möbel zusammen, tourte mit einem Orchester durchs Land und suchte eigentlich eine Lackierkabine. Die hatte das alte Atelier Mohr, dazu 60 Schaufensterpuppen und einen 600-köpfigen Kundenstamm, der sich nach dem ersten »Mailing« als kleines Stämmchen von gerade mal 200 Interessenten entpuppte. »Ich hatte damals kaum Geld. Es reichte, um den Laden zu kaufen. Meine Wohnung musste ich danach kündigen.« Die Eltern, nicht die Banken, gaben ihm einen kleinen Kredit. »Mir haben alle ein schnelles Ende prophezeit. Aber ich schwimme nun mal gerne gegen den Strom. Tagsüber habe ich die Figuren geschliffen und war am Telefon, nachts habe ich lackiert, in fünf Nachtschichten pro Woche. Anderthalb Jahre lang. Dann stellte ich meinen ersten Lackierer ein, und jemanden fürs Büro. Wenn ich etwas verdiente, setzte ich das Geld um: in neue Werkzeuge, neue Ideen. Wer billig kauft, kauft doppelt, das hat mein alter Kfz-Lehrmeister immer gesagt. Und das stimmt. Die letzten fünf Jahre waren für mich persönlich nicht rosig. Aber Qualität am Markt, das ist mir wichtig.« Die Rechnung ging auf. Mittlerweile hat das Atelier Mohr 500 Figuren, Torsi, Köpfe im Verleih – »Puppen sagt nur der Laie!« – stattet die großen Berliner Modemessen aus und verhandelt gerade mit berühmten Automarken – mit der neuen Mohrschen Kreation »Superheldin« soll ein Werbespot gedreht werden. Und das wäre der globale Durchbruch des kleinen Hinterhofbetriebs. Dass Jan Wegener den alten Namen beibehielt, war Ehrensache. »Respekt ist mir wichtig. Und das Atelier Mohr ist nun mal ein Traditionsunternehmen.«

Foto: Edith Siepmann
Angefangen hat alles zu Beginn der 60er Jahre in einem Atelier in der Kreuzberger Lindenstraße. In Berlin wehte gerade ein zarter wirtschaftlicher Morgenduft, und mit den internationalen Kollektionen drängte der Laufsteg-Glamour auch in die Schaufenster der Stadt. Die Figuren brauchten neue Gesichter, mehr Bewegung, mehr Lebensnähe. Ihre Füße erhielten erstmals richtige Schuhgrößen und sichtbare Brustwarzen, ein weicher Teint sollte noch vor Ende des Jahrzehnts folgen. Die Figuren des Ateliers waren keine gewöhnlichen Schaufensterpuppen mehr, sondern Kunstwerke. Doch der zarte Morgenduft reichte nicht aus, die Arbeitsgemeinschaft im Atelier in der Lindenstraße lebte sich allmählich auseinander.
Am Ende blieb nur Mohr übrig. Gemeinsam mit seiner Frau Bärbel, einer Schneiderin, zogen sie ins heutige Domizil an der Adalbertstraße um. Es folgten fette Jahre in den 80ern, weniger fette in den 90ern, dann endlich der Gang in die Pleite. Bis Jan Wegener hereingeschneit kam. Und nach Autos, Requisiten, Möbeln und Vasen nun Schaufensterfiguren baut. Bis September ist alles ausgebucht, ein Erfolg, aber auch eine heikle Situation für ein kleines Unternehmen, das schnell an den Rand des Personalmangels geraten kann.
Überhaupt, das Personal! Ohne Mitarbeiter, die mit gleicher Liebe wie ihr Chef an die Arbeit gehen, kommt auch der draufgängerische Optimismus von Jan Wegener nicht immer durch. Wenn in der Werkstatt nine-to-five Stimmung herrscht, setzt er sich schon mal ins Auto und fährt durch die Stadt. An den Schaufenstern vorbei mit Figuren vom Atelier Mohr. Am Tauentzien zum Beispiel oder in der Friedrichstraße: »Da geht mir wieder das Herz auf, weil ich sehe, ich hab’ wirklich ein Händchen dafür.« Und während er in seinem VW-Bus vorbeifährt, zucken sie nicht mal mit den aufgemalten Wimpern, Lea, Nadja, Sophia L. oder Robert R. In lässigen Posen gut angezogener Menschen, scheinen sie vergessen zu haben, dass ihr Zuhause ein schummriger Show-Room in der Kreuzberger Adalbertstraße ist. •


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