Kreuzberger Chronik
Februar 2009 - Ausgabe 104

Geschichten & Geschichte

Das kurze Leben des Thomas Weisbecker


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von Eckhard Siepmann

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EINE WAHRE LEGENDE


Wie Pilze schossen 1967 in der Bundesrepublik sozialistische Schülergruppen aus dem Boden. Sie schlossen sich im Aktionszentrum Unabhängiger Sozialistischer Schüler zusammen und bildeten so genannte Basisgruppen. In Kiel waren die Geschwister Thomas und Verena Weisbecker am Aufbau einer solchen Gruppe beteiligt. Ihr Vater war Häftling im Konzentrationslager Buchenwald gewesen, der Großvater in Auschwitz und Mauthausen.

Thomas begann sein Studium in Frankfurt. Er unterstützte dort eine Kampagne für die Selbstbestimmung von Heimkindern und lebte mit ihnen zusammen. Zum Soldatentum fehlten ihm Neigung und Begabung, also zog er nach Westberlin, der Stadt mit dem Sonderstatus. Thomas Weisbecker landete in einem aufregenden Interregnum: Die antiautoritäre Revolte verebbte, RAF und Parteien gab es noch nicht. 1969 war das Jahr des Blues, der Tupamaros Westberlin, des Zentralrats umherschweifender Haschrebellen – beziehungsreiche Namen für einen Klüngel von im Kern 10 bis 20 Leuten um Dieter Kunzelmann, Bommi Baumann und Georg von Rauch, die Spaß, Kollektivität, militante Aktionen und Rauschmittel freudvoll mischten. Eine dadaistische Alchimie, die viele in den Bann zog und für einige, darunter Thomas, zum Durchgangszimmer zur RAF wurde.

Georg von Rauch und Thomas Weisbecker sahen sich mit ihren dunklen Lockenköpfen verblüffend ähnlich. Als die beiden vor dem Kriminalgericht Moabit standen und Weisbecker aufgefordert wurde, den Gerichtssaal zu verlassen, ging an seiner Stelle der Angeklagte von Rauch. Als dann der falsche von Rauch abgeführt werden sollte, protestierte dieser und gab sich als Weisbecker zu erkennen. Daraufhin wurde er von den irritierten Justizbeamten zunächst laufen gelassen, am nächsten Tag aber wegen Beihilfe zur Flucht gleich wieder festgenommen. Nach der Freilassung ging Weisbecker in die Illegalität und bewegte sich im Umfeld der RAF, wo er zunächst die Bewegung 2. Juni unterstützte, die Anschläge auf US-Einrichtungen und juristische Autoritäten anzettelte und Banküberfälle mit Negerküssen ausführte.

Am 2. März 1972 verließ er zusammen mit einer Begleiterin das Haus in der Augsburger Georgenstraße und fuhr mit einem gestohlenen Wagen in die Innenstadt. Als sie nach kurzem Spaziergang zum Auto zurück kamen, wurde Thomas Weisbecker von einem Polizeibeamten durch einen gezielten Herzschuss getötet. Er war 23 Jahre alt. Am folgenden Tag lancierte die Bewegung 2. Juni einen Sprengstoffanschlag auf das Landeskriminalamt Berlin. Am 12. Mai detonieren in der Polizeidirektion Augsburg zwei Rohrbomben der RAF. Und zwei Stunden später explodierte ein mit Sprengstoff beladener LKW auf dem Parkplatz des LKA München. Die Strafanzeige der Mutter wegen Verdachts der vorsätzlichen Tötung wurde von der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen.


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