Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Strassen, Häuser, Höfe

Das Maybachufer


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von Werner von Westhafen

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Frau Hildebrandt wohnt schon lange nicht mehr in Kreuzberg. Ihr Mann war Charlottenburger. Kreuzberg war ihm nicht fein genug. Also zogen sie nach Britz. Doch Frau Hildebrandt kehrt regelmäßig zurück nach Kreuzberg. Am liebsten sonntags, zum Brunch ins Diwan. Das Lokal hat etwas Anheimelndes. Das liegt vielleicht an dem Klavier, oder an der Sonne im Fenster, oder an der gedämpften Atmosphäre. Oder daran, dass es hier gegenüber den Friedhöfen etwas ruhiger zugeht als am anderen Ende der Bergmannstraße.

Vor allem aber liegt es an diesem Bild, das im Diwan an der Wand hängt. Es ist ein dunkles, unauffälliges Ölgemälde, die Farben haben längst an Leuchtkraft verloren, der Wald, der Teich, alles auf diesem Bild scheint im Schatten zu liegen. Doch wenn Frau Hildebrandt das Bild betrachtet, dann fühlt es sich ein kleines bisschen so an wie damals. Wie in der Kindheit. Am Maybachufer.
Gerhard Tenzer
Wo schon der Großvater Karl gewohnt hatte. Karl Franz, ein Koloss von einem Mann, der den Leiterwagen mit den schweren Fässern bis nach Britz zog und »Heringe, Sauerkraut! Frische Heringe, Sauerkraut!« rief. Der Leiterwagen war der Anfang, später kannte jeder in der Straße den Mann aus der Nummer 10. Wenn man nach dem Franz fragte, dann sagten die Leute: »Vorne, an der Kottbusser Brücke!«

Da hatte er seinen Obst-und Gemüsestand, auf dem Markt am Maybachufer, drei mal die Woche, montags, donnerstags und freitags. Frühmorgens fuhr er zum Großmarkt in der Friedrichstraße, kaufte Ware ein und brachte alles ans Maybachufer. Was am Nachmittag übrig blieb, lagerte er in der Remise im Hof, dort war es schattig und kühl. Fast 50 Jahre lang gab es den Obst-und Gemüsestand der Familie Franz. Der Sohn führte das Geschäft des Großvaters fort. Und Ingrid, die Enkelin des alten Franz, half mit, den Stand aufzubauen. Wenn das erledigt war, verschwand die Kleine immer für eine Weile. Eines Tages ging ihr der Großvater nach und sah, wie sie von Kindern umringt auf der Kottbusser Brücke stand und Obst verteilte, das sie in ihrer Schürze versteckt hatte. »Wir hatten genug. Gehungert haben wir nie!«, sagt Ingrid Hildebrandt. Auch im Krieg nicht. Sie hatten immer etwas zu essen.

Nur mit den Nazis hatte der alte Franz so seinen Ärger. Mit dem Nachbarn, der sich darüber aufregte, dass er den Juden immer heimlich was zusteckte. Abends, wenn es dunkel war, kamen sie zu ihnen in die Wohnung geschlichen. »Du bist der erste, der dran ist!«, hatte der Nachbar dem Großvater gedroht. Aber der Großvater ließ sich nicht beirren. »So was merkt man sich!«, sagt Ingrid Hildebrandt, und weigerte sich, in der Schule den Arm zum Gruß zu heben, während alle anderen in der Klasse Adolf Hitler Heil wünschten. Ingrid wünschte weiterhin einen »Guten Morgen«! eines Tages wurde die Mutter der aufmüpfigen Schülerin zum Direktor zitiert, doch auch die Mutter zeigte sich stur: »Mein Kind wird ihnen weiterhin einen guten Morgen wünschen«, sagte sie, und so war es dann auch. »So was vergisst man nicht!«, sagt Ingrid Hildebrandt und schaut auf das Bild an der Wand.

Und wie dann der Krieg begann, wie sie sich im Keller verschanzten, die Großeltern, die Eltern, die Nachbarn, die Kinder. Wie sie aus der Schule am Ufer entlang nach Hause rannte, während die Sirenen heulten und die ersten Bomben fielen. Weil sie nicht mit den anderen Kindern in den Keller der Schule wollte, sondern mit ihrer Familie in der Keller Nummer 10. Weil der überfüllte Fichtebunker die Hölle war, in dem Kinder geboren wurden, Alte starben, Kranke jammerten. Das Grauen der Bunker war größer als das Grauen der Bombenangriffe, »so was vergisst man nicht!« Und wie der Kanal vor dem Haus allmählich ein finsteres Gewässer wurde. Weil jeden Tag eine rein sprang, jeden Tag, »und immer Frauen! Immer Frauen!« Aus angst vor den Nazis, vor dem Krieg, vor den Bomben, den Russen. Ingrid hat daneben gestanden und gesehen, wie sie die Leichen aus dem Wasser holten, jeden Tag, und das vergisst sie nie: Diese beiden jungen Frauen, die sich aneinandergekettet hatten, bevor sie sprangen, »aneinandergekettet...«

Die Mutter verbot der Tochter, an den Kanal zu gehen. Erst, als alles vorbei war, ist sie wieder dort gewesen. Da sah sie ihren Großvater und den Nazi. Er stand mit einigen Männern um ein Loch in der Uferböschung herum. Der Nazi hatte es ausheben müssen. Es war ein großes Grab. Für die letzten Toten vom Kanal. »Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist!«, sagt Ingrid Hildebrandt, »wahrscheinlich liegen sie heute noch da!«

Immer wieder kehrt Ingrid Hildebrandt nach Kreuzberg zurück. In die Bergmannstraße, zum Brunch. Da ist ein Stück Heimat. Ein Stück aus ihrem Leben. Ein Tag, den sie nicht vergessen kann: Der 3. Februar 1944. Ihr Vater, der Luftschutzwächter im Wedding, hatte vom Dach aus beobachtet, wie die Flugzeuge ihre Bomben über Kreuzberg abwarfen. Er konnte nichts machen. Nur hoffen, dass sie alle rechtzeitig in den Keller der 10 geflüchtet waren. Als er zurückkam, sah er, dass die Nummern 11, 13 und 14 komplett zusammengefallen waren. Von der 10 waren noch einige Wände und Zimmer stehen geblieben. Auch Wände der Familie Franz. Als sie hinaufstiegen, hing sogar das Telefon noch an der Wand. Das Telefon, der Stolz der Familie, »eines der ersten in der Straße«. Und daneben, zwischen den großen Löchern der aufgerissenen Fenster, hing das Bild vom Wald. Es hatte nur einige Bombensplitter ab bekommen, einige kleine Löcher. Jetzt hängt es im Diwan. Und deshalb kehrt Frau Hildebrandt immer wieder zurück nach Kreuzberg. •

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