Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Kreuzberger
Zora del Buono

Ich habe keine Sehnsucht nach dem Meer


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von Hans W. Korfmann

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Zora del Buono ist in Eile. Das Leben ist zu kurz, um langsam zu sein. Vor allem, wenn man so viel vorhat wie Zora del Buono. Deshalb ist sie schnell. Manchmal sogar zu schnell, und dann schießt sie über das Ziel hinaus. Kürzlich stand sie da und sagte sich: »Eigentlich hab ich schon alles erreicht, was ich im Leben erreichen wollte.« Nur Pilotin ist sie nicht. »Aber was soll ich hier auch mit einem Flugschein? Okay, wenn ich in Kanada leben würde… – aber hier ist das doch nur gaga«. Schließlich hat Berlin das Meer. Seine Wasserwege. Man kann über die Kanäle richtung Norden bis in die Nordsee schippern, und auf der anderen Seite bis zum Bosporus. In die ganze Welt! Also hat sie den »Motorbootführerschein Binnen« gemacht, einen Katalog von 450 Fragen studiert, 40 davon in der Prüfung beantwortet. »Was ist der Unterschied zwischen einem V- und einem Z-Motor? Oder: Was führt ein geschleppter Schubverband nachts für Lichter?« Und dann kam die Praxis, das »Mann-Über-Bord-Manöver«, Rettungsringe werfen, in großem Bogen wenden und langsam von Steuerbord heranfahren. Das sieht leichter aus als es ist.

Kaum hatte sie den Schein in der Tasche, setzte sie sich ins Boot und fuhr los. Sie ist eben schnell. Manchmal zu schnell. Die Reise war kurz, schon nach wenigen Minuten setzte der Motor aus. »Die idioten von der Werft hatten nicht getankt!«, und Zeit zur Kontrolle hatte sie keine. Da trieb sie nun auf der Havel, an ihrer engsten Stelle, in der Fahrrinne der Frachtschiffe, mutterseelallein, ohne Paddel und ohne Anker, und die Frachtkähne kamen geradewegs auf sie zu. Schon fiel ihr die Frage mit dem nächtlichen Schubverband wieder ein, aber dann rettete sie doch noch ein netter Kanalfahrer und schleppte sie in den Hafen. Diese großen Kähne hätten ihr Motorbötchen glatt zermalmen können.

Zora del Buono fällt nicht nur blitzschnelle Entscheidungen, sie redet auch schnell. Die Welt muss sich beeilen, wenn sie ihr folgen will. Sie ist ihren Begleiterinnen und Begleitern immer einen Schritt voraus. Der einzige, der mitkommt, ist ihr kleiner Windhund. Nur beim Essen ist sie langsamer. Wegen des vielen Redens. Wahrscheinlich muss man die italienischen Vorfahren für die kaum gehemmte Redeflut der Schweizerin verantwortlich machen, aufgewachsen zwischen Zürich und Bari, die Schule in Zürich, die Ferien in Bari, in diesem alten Haus der Großmutter, einem Haus, von dem sie heute noch träumt, in dem immer irgendwelche leute zu Gast waren, das nie ungemütlich war. »Eigentlich bin ich immer auf der Suche nach diesem Haus gewesen, mein ganzes Leben lang.« Dem Haus an der »längsten Promenade« des Mittelmeeres. Der Anblick der Fischer, die den Oktopus auf den Steinen am Kai weich klopfen, hat sich dem Kind für immer eingeprägt. »Das Geräusch der klatschenden Körper!« Aber dieses große Haus war wunderbar. Die Großmutter hatte es selbst entworfen! Zora liebte ihre Großmutter, vielleicht wird ihr nächster Roman von dieser Frau erzäh
Mare Gründung 1996, Kühlungsborn Foto: Privat
len, die auf dem Marktplatz lange Reden kommunistischen Inhalts hielt, und die am Ende von dem ganzen Vermögen der Familie so viel ausgegeben hatte, dass sie das ganze schöne Haus verkaufen musste. »17 Wohnungen wurden darin eingerichtet. So groß war es!«

Das Haus ihrer Kindheit. Wahrscheinlich hätte sie nie mit dem Architekturstudium begonnen, wäre da nicht das Haus der Großmutter gewesen. Vielleicht würde sie auch nicht da wohnen, wo sie jetzt wohnt, in diesem großen Haus, dieser alten Villa, hoch oben, mit Blick über das Häusermeer der Stadt. Als sie es sah, war klar: Da wollte sie einmal wohnen.

Obwohl sie ja eigentlich Schriftstellerin hatte werden wollen. Schriftstellerin oder Pilotin. Aber das Fliegen ist ihr nicht ganz geheuer ist. Es war auf einem dieser günstigen PanAm-Flüge, die sich sogar Berliner Architekturstudentinnen leisten konnten, die ihr Geld mit Putzen im Bodybuildingstudio verdienten. Immer wieder nutzte sie die günstige Verbindung, um nach Zürich oder Bari zu fliegen, und dann explodierte ein Triebwerk, »und das ist kein Spaß, so was ist wirklich kein Spaß«. Der Pilot wollte umkehren, aber die DDR verweigerte Abweichungen von der Route ebenso wie eine Notlandung auf ihrem Boden. »Wir haben es noch bis Frankfurt geschafft, mit einem Triebwerk, und wurden mit Feuerwehr und Krankenwagen empfangen. Der Pilot war so rot wie eine Tomate, den haben sie mit Blaulicht gleich ins Krankenhaus gebracht.«

Zora del Buono erzählt schnörkellos. Präzise, nicht zu lange Sätze. Sie sieht die Details, aber sie hält sich nicht zu lange mit ihnen auf. Sie behält das Konstrukt, das Ziel im Visier. Egal, ob sie im Büro oder in der Osteria sitzt, ob sie in rasendem Italienisch mit den Kellnern flirtet oder am Telefon mit einer winzigen Spur Schweizer Gemütlichkeit wegen eines Jobs verhandelt. Sie kommt rasend schnell zum Punkt. Und ist im nächsten Satz schon wieder ein Thema weiter. Manchmal schon im nächsten Halbsatz. Die Welt muss sich beeilen, um nachzukommen.

Aber jetzt hat sie einen Roman geschrieben. Da kann man in den Worten zurückblättern. einen ruhelosen, fesselnden Roman über eine Wasserleiche in der Spree. Und über das Städtchen Demmin, ein Städtchen, in dem sich Unglaubliches zugetragen hat, damals, 1945, als die Russen immer näher kamen, als der Weg ins Hinterland abgeschnitten war, und vor all den Frauen nur noch das Meer. »Das Meer ist groß, vielleicht ist sie schon aus der Ostsee hinaus in den Atlantik geströmt, sicherlich ist sie in den Atlantik geströmt, sagte seine Mutter mit brüchiger Stimme.«

Die Geschichte ist schnell erzählt, in hohem Tempo, und doch gibt es manchmal so etwas wie Ruhe zwischen den Sätzen. Wenn Zora del Buono sich als Kind vorstellte, Schriftstellerin zu werden, dann dachte sie an lange Spaziergänge, ans Alleinesein, »ich bin gern allein. Und ich bin gern unter Büchern. Sogar auf Schiffen setze ich mich am liebsten in die Bibliotheken, auch wenn die noch so klein und eng sind.«

Andererseits aber liebt sie die Weite. Selbst Amsterdam war ihr zu klein, zu beschaulich. Sie wird nie vergessen, wie sie nach Berlin kam, die Heerstraße entlangfuhr, diese unendliche Gerade, dieses Gefühl der Weite. Berlin war wie leergefegt am Abend ihrer Ankunft, voller unbeleuchteter Ecken in Schöneberg und Kreuzberg. Sie mochte die Stadt sofort. »Sehnsucht nach dem Meer habe ich nie gehabt.«

Dennoch entschloss sie sich, mitzumachen, als eines Tages ein alter Schulfreund aus Zürich anrief und sagte, er wolle eine Zeitschrift über das Meer machen. »Meeresspiegel« wollte er sie nennen. Aber die Frauen wollten keinen zweiten Spiegel, die Frauen wollten etwas poetischeres. Zu Viert saßen sie auf einer Wiese im Tiergarten, die Fotografin Barbara Strauss, die Designerin Claudia Bock, die Architektin Zora del Buono und der Meeresbiologe Nikolaus Gelpke, und dachten über eine »Zeitschrift der Meere« nach.

Zora del Buono stellte innerhalb eines Abends eine Liste mit 60 Themen zusammen. Und auch Nikolaus Gelpke war schnell und faxte diese Liste gleich einer alten Bekannten in Halifax. Elisabeth Mann zögerte nicht lange und antwortete: »Stell sie ein!« Also stellte Gelpke die ehemalige Schulkameradin ein. Eines Tages war die Zeitschrift mare auf dem Markt und wurde allseits gefeiert. Und 55 jener 60 Geschichten, die Zora del Buono damals zum Thema Meer einfielen, sind inzwischen erschienen.

Nun hat sie schon einiges von dem gemacht, was sie einmal hatte machen wollen in ihrem Leben. Sie hat ein Haus gebaut, ein Buch geschrieben.... Nur Pilotin ist sie nicht geworden. Nach dem Flug mit der defekten PanAm-Maschine ist sie jahrelang in kein Flugzeug mehr gestiegen. Inzwischen fliegt sie wieder kreuz und quer durch die Welt, um Reportagen zu schreiben, Namibia, Amerika, Südafrika. Und die erste Flugstunde hat sie auch schon hinter sich, irgendwo in den USA sagte ein Freund: »also los: Gas geben und dann einfach hochziehen!« Zora del Buono ist schnell. Sie gab Gas und hob ab. Ganz allein. Dann sagte der Typ neben ihr: »Und jetzt landen!«. Zora sah ihn kurz an und vergewisserte sich, dass er nicht scherzte. Dann drückte sie den Steuerknüppel runter. Ohne zu zögern. Das Leben ist zu kurz, um zu zögern. •


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