Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kreuzberg am Meer


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von Zora del Buono, Stephanie Jaeckel, Saskia Vogel, Waltraud Schwab

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Die Ostsee

Es gibt Menschen, die behaupten, Kreuzberg liege tief im landesinneren und verweisen auf das angenehme Kontinentalklima. Andere behaupten sogar, Kreuzberg liege in den Bergen. Sie stellen etymologische Untersuchungen zum Namen des höchsten Gipfels der tempelhofer Berge an, erwähnen in der Beweisführung den Wintersportbetrieb und die nächtlichen Alphornbläser unter dem Gipfelkreuz.

Doch sie alle haben Unrecht. Kreuzberg liegt am Meer. Genauer gesagt: an der Ostsee. Wenn sich im Frühjahr die Luft erwärmt und man am Fuße der begrasten Düne des Kreuzbergs die Nase in den Nordwest hält, dann kann man es riechen, das Meer mit seinem salzigen Wasser, mit seinen Algen, Fischen und Muscheln. Auch im Winter, wenn es feucht und kalt wird, ist seine Nähe spürbar. Wenn der Wind so heftig weht, dass es auf hoher See ungemütlich wird, dann kehren die Möwen und die Fischadler dem braunen Salzwasser den Rücken und kommen die Kreuzbergstraße entlang in die Stadt hereingeflogen, kreisen über dem Urbanhafen und den Kanälen auf der Suche nach Fischen. Oder sie hocken sich auf die steinernen Brückengeländer und lassen sich von Omas und Opas und kleinen Kindern mit Keksresten füttern.

Wer nicht glaubt, dass die Ostsee am Fuße des Kreuzbergs leckt, der spaziere nur einmal die große Treppe des Viktoriaparks hinunter, überquere die Strandpromenade der Kreuzbergstraße und setze sich auf die laubgrün gestrichene Holzbank der Blutsgeschwister. Ein Blick Richtung Norden wird alle Zweifel beseitigen: Da wartet unter der Laterne leibhaftig und lebensgroß die puppenhafte Lili Marleen und hält eine Karte in die Höhe, auf der geschrieben steht: »Braves Mädchen«.

Da flirtet Freddy Quinn mit einer kurzberockten Bardame, und da spielt Hans Albers verträumt auf seinem Schifferklavier. Fischernetze sind zum Flicken ausgelegt, ein Rettungsanker ragt ins Bild, ein geöffneter Reisekoffer liegt auf dem Boden und eine Positionslampe leuchtet. Atemberaubend ist die Schönheit der barbusigen Galionsfigur in diesem kleinen Schaufenster zum Meer. Und damit die Männer, die von den halb nackten und ganz nackten Sonnenbadenden am Kreuzberg ohnehin schon ganz unruhig sind, nicht vollends den Atem verlieren, verkaufen die Blutsgeschwister in ihrer kleinen Boutique am Meer ihre weibliche, luftige, blau-weiß gestreifte Sommerkollektion zum kunstvollen Verkleiden der weiblichen Blöße.

Hans W. Korfmann




Der Pazifik

Es gibt Menschen, die behaupten, Kreuzberg liege am Meer. Und dann kennen sie nur die Ostsee! Dabei – die Sache ist geologisch viel komplexer! Denn Kreuzberg liegt keineswegs an einem deutschen Meer. Kreuzberg liegt am Pazifik.

Der riecht so ähnlich wie die Ostsee. Aber nur so ähnlich eben. Salzig, wenn man die Nase in den Wind hebt, salzig, algig und fischig.
Heifisch bei Steet Cut, Mittenwalder Straße
Und auch ein bisschen muffig, nach Seelöwen nämlich, die ihre feuchten Pelze unter der Sonne trocknen, und bei zart besaiteten Strandläufern das Wort »Gestank« auf dem Gedankenbildschirm aufleuchten lassen. Mittags schaukeln kleine Seeotterkolonien rücklings auf den Wellen oder ruhen sich auf den weiten – zugegeben etwas hässlichen – schlickbraunen Seetangflächen aus.

Wer morgens am Strand läuft, kann – wenn die See nachts ordentlich geschaukelt hat – riesige Berge von Treibgut bestaunen. Und wer sich nichts aus einem Hindernislauf macht, morgens am Strand, wird mit einem ausgebleichten Baumstammmikado belohnt, das etwa so aussieht wie abgenagte Dinosaurierknochen. Wer hat denn so etwas schon mal an der Ostsee gesehen?

Nachmittags zieht dann der Nebel hoch, daran mussten sich die Kreuzberger allerdings in den ersten Wochen ihres Küstendaseins erst gewöhnen. Sie sahen ihre Hand nicht mehr am ausgestreckten Arm und dachten, der Chef, der noch weiter weg sitzt, könne ebenso wenig sehen, dass sie mit ihrer Arbeit einfach aufhörten. Jetzt ziehen sie, wenn die Uhrzeiger auf die taghelle Drei vorrücken, einen Pullover über und blasen ins Nebelhorn, das die Senatsverwaltung kostenlos stellt, für alle, die eine Kreuzberger Adresse haben.

Wo der Pazifik genau anbrandet? Na dort, wo nachts der kalte Lichtstrahl den Sternenhimmel durchschneidet. Ein leuchtturm steht immer an der Küste, das ist auch am Pazifik so. Fahren Sie den Mehringdamm hoch, biegen Sie am Platz der Luftbrücke links ab und schauen Sie nach rechts: Meer, wohin das Auge reicht. Wie? ein Meer könne gar nicht so weit oben liegen, da stünde die Bergmannstraße doch längst unter Wasser? Aber wie gesagt, die Sache ist geologisch äußerst komplex. Und außerdem: die Klimaerwärmung wird ’s schon richten. ahoi.

Stephanie Jaeckel


Der Bosporus
Am Ende Kreuzbergs gibt es ein Lokal, das sich 1. türkischer Biergarten nennt - obwohl dem Bier nur wenig Beachtung geschenkt wird. Ein riesiges Areal am Paul-Lincke-Ufer, manchmal tutet ein Ausflugsdampfer. Sonntags ist es voll hier, sehr voll, lauter laute Kinder. Dazwischen das leise Blubbern und Gurgeln der Wasserpfeife; die Luft geschwängert vom Duft des Tabaks und Apfelaroma, Vanille oder Minze. Und plötzlich flackert eine Erinnerung auf. Bilder von Istanbul, von der Galatabrücke, wie sie sich über das Goldene Horn spannt, eine Brücke, über die Menschen flanieren,
Gorgone beim Froschkönig, Gneisenausstraße
einkaufen und vor allem: in Cafés sitzen und Wasserpfeife rauchen. Eine coole Szene ist es da in istanbul, Clubmusik läuft schon mittags, Menschen fläzen sich auf Kissen, den Schlauch der Shisha im Mund. Draußen ziehen die Fähren vom europäischen Eminönü ins asiatische Üsküdar, Fischer kehren mit ihren Booten aus dem Marmarameer zurück. Möwen kreisen nachts über der hell erleuchteten Sultan-Ahmet-Moschee, sie jagen Fledermäuse. Und unten auf der Galatabrücke sitzen immer noch die Menschen und suchen den Horizont nach Delfinen ab und rauchen.

Wie schön wäre es, wenn auf den Kreuzberger Brücken Wasserpfeifenlokale stünden, man stelle sich das vor, auf der Brücke am Kottbusser Damm, Tisch an Tisch, die Blicke auf den Kanal gerichtet. Der Duft der Shishas, wie er über das Wasser zieht, wie die Musik hinterher schwingt, der tiefe Sound der Linie 1 dazwischen. Ein Boot hätten wir, ein kleines mit einer hübschen Kajüte. Und nie, gar nie, müssten wir eine Straße benutzen, denn Istanbul ist nicht weit. Nur die Spree entlang in die Havel, dann über die Kanäle gen Westen und schon ist man auf dem Rhein, ein wenig streng wird es jetzt für das kleine Boot, es muss gegen den Strom ankämpfen und sich zwischen den massigen Frachtschiffen durchschlagen. Aber nicht lange, dann biegen wir ab zum Rhein-Main-Donau-Kanal und fahren die Donau runter, Wien liegt an der Strecke und Budapest. Und bald wären wir im Dickicht des Donaudeltas. Ein wenig weiter noch, und dann läge es vor uns, das Schwarze Meer. Die Orientierung ist ganz einfach, die Küste muss an der Steuerbordseite liegen, an Bulgarien vorbei und – da ist er ja schon, der Bosporus! 30 Kilometer lang und verdammt eng. 50.000 Ölfrachter, Trawler und Containerschiffe fahren jedes Jahr durch. Und wir mittendrin.

Istanbul kommt näher, die Häuser ziehen sich dicht an den Hügeln hoch, Minarette thronen überall, und plötzlich tut sich die Enge auf und vor uns liegt das Marmarameer, glänzend, die Sonne geht unter, wie passend! Wir legen an, gleich neben der Galatabrücke, spazieren los, sehen die bequemen Kissen, die Wasserpfeife wartet auf uns und der Tee. So einfach ist das mit der Reise ans Meer. Und drum liegt Kreuzberg direkt am Bosporus.

Zora del Buono



Die Adria

Ein alter Mann sitzt auf der Bank. Auf der Suche nach etwas Sinnlichkeit hat er sich an den Hafen zurückgezogen, wo sich Jünglinge, »vormännlich hold und herb«, die schmalen Hüften nur mit einer winzigen Badeshorts bedeckt, auf dem Uferstreifen sonnen. Schwül liegt die Hitze über dem Wasser. Der alte Mann zieht ein schmales Novellenbändchen hervor, und obwohl sonst ein disziplinierter Leser, gelingt es ihm an diesem Sommertag nicht, sich auf die Lektüre zu konzentrieren. Die Hände sind unerträglich feucht, der Anzug scheint ihm zu eng. Immer wieder fallen seine Blicke auf sich lasziv aalende Jungenkörper. Er selber ist ein »aufgestutzter Greis«, die runzeligen Wangen mit rouge kaschiert.

Unweit der Knaben hat das Theaterschiff Tau mit seinen zerschlagenen Scheiben am gemauerten Ufer festgemacht. Es sieht aus wie das »rußige und düstere« Reiseschiff aus dem Buch des alten Mannes, das durch »schmutzig schillerndes« Wasser pflügt. Sommer an der Adria! Benommen von der Schwüle über dem Wasser und von der unerträglichen Müßigkeit des Seebads am Lido di Venezia, versunken in die Kuhle seines Liegestuhls nehmen die erotischen Visionen den alten Mann mehr und mehr gefangen. Immer wieder fällt sein Auge auf Tadzio, den minderjährigen Kurgast mit den feinen, aristokratischen Zügen. Und während seine Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung der Meeresstille genießen, begehrt er das polnische Aristokratenkind immer schmerzhafter.

Plötzlich wittert er ein eigentümliches Aroma. Ihm scheint, als habe es schon seit Tagen seine Sinne betäubt. Ein süßlicher Geruch. Ein junger Mann auf der Uferpromenade hat sich einen Joint angezündet. Heiß umnebelt der schwere Rauch die rotumränderten Augen des Jungen, die den Blick des alten Mannes kalt erwidern. Schweißperlen stehen auf der Stirn des alten, und aus dem Mülleimer neben der Bank dringt der Dunst gärender Bananenschalen, das faulige Wasser des Hafenbeckens verursacht ihm Übelkeit.

Schnell klappt der alte Mann sein Buch zu und tritt den Heimweg an. Dabei fällt sein Blick auf einige Gestalten, die in Rollstühlen vor dem Haus in der Sonne sitzen. Ist das nicht Hans Castorp, der dort warm in Decken eingepackt die Sommerfrische genießt? Der alte Mann versucht sich zu erinnern, den Weg zurück zu finden in die Wirklichkeit, nein, Castorps Sanatorium liegt nicht am Urbanhafen, Castorps Sanatorium liegt am Zauberberg…. Der alte Mann ist verwirrt, schwindelig ist ihm, dann sinkt er kraftlos auf die Uferpromenade. Der herbeigerufene Notarzt kann nur noch den Tod feststellen. Sein Blick fällt auf das Buch, das mit dem Deckel nach oben aufgeschlagen im Staub neben dem alten Mann liegt. »Tod in Venedig.« Knapp und sachlich vermerkt der Mediziner: »Gustav aschenbach«, und »Todesursache: indische Cholera«.

Saskia Vogel



Die Nordsee
Dort wo das Hinterland anfängt, wird die Angst vor dem Meer schwächer. In Berlin etwa, da weht nur noch ein Hauch vom wilden, aufgepeitschten Wasser durch die Luft. Kaum salzig, nicht feurig von Quallen, nicht schwarz vom Seetang. Und wenn es doch salzig ist, dann vom Schweiß.

Auf der Suche nach dem Hinterland braucht es eine arche Noah. Am steilen Tempelhofer Berg ist sie gestrandet. Arcanoa heißt sie. Niemanden wundert es, dass das, was von der Arche in Berlin übrig geblieben ist, den Charme des Verrosteten, des Durcheinandergeworfenen, des Aus-Den-Fugen-Geratenen hat. Als das selbst gezimmerte Schiff am Berg aufsetzte, gab es einen Schlag. Zuerst flogen die Zufluchtsuchenden nach vorne, dann nach hinten. Als sich nichts mehr bewegte, trat für eine Sekunde große Stille ein. Heute aber ist es laut im Arcanoa. Musik ist dazugekommen. Erde unter den Füßen, das muss gefeiert werden. Man sitzt auf den verformten Stühlen, trinkt Met aus Zinnbechern, prostet sich zu, singt mittelalterliche Lieder.

Als die Arche aufsetze, ordneten sich die Elemente neu. Ein Fluss bahnte sich seinen Weg durch das Schiff, am Tresen des Arcanoa entlang über Grabsteinmarmor. Da kann man sich wegträumen in die Gegenwart und in ein noch größeres Hinterland. Nach London etwa, an die Themse. »Kommt mit, ich zeige euch die Geschichte von London«, und hinunter geht es zur Themse. Obwohl London 65 Kilometer vom Meer entfernt liegt, sinkt das Wasser bei Ebbe um bis zu fünf Meter. Da werden die Ufer freigelegt. Eine braune Schicht aus Erde und Stein. Aber es sind gar keine Steine,
es ist zerbrochenes Steingut, kaputte Teller, Kacheln, Tonkrüge, über die man geht. Das freigelegte Ufer ist ein Mosaik, das nie gelegt wurde, eine zweitausendjährige Geschichte der Zivilisation, festgetreten, aufgeschwemmt, Abfall, Dreck, was sonst? Jeden Tag strandet die Arche Noah hier. Die Arche Noah, das ist Zivilisation, dem Meer abgetrotzt. So muss man das sehen.

In den zwei Stunden, in denen die Themse tief steht, gräbt ein Mann nach alten Schätzen. er ist »Mudlarker«, ein Schlammwühler, einer der wenigen, die eine Konzession haben. Er gräbt das ehemalige Ufer Londiniums um. Themse, Fleet und Walbrook waren früher Abwässerkanäle und Transportwege. Unfälle gab es, gekenterte Schiffe, zusammengestoßene Boote, Abfall, aus dem Fenster geworfen. In den Sedimenten der Themse findet sich viel: Münzen, Schmuck, Tonkrüge, Waffen, mittelalterliches Spielzeug dazu. Die »Mudlarker« träumen vom großen Fund. Der Truhe mit den Goldmünzen, dem Silberschatz aus der Wikingerzeit. Sie graben Löcher in den Schlamm. Zwei Meter, um bis zur römischen Zeit zu kommen. Mit Reisig decken sie sie zu und hoffen, dass die Flut etwas Wertvolles hineinspült. Denn im Hinterland ist die Flut wertvoll. Sie legt die Kultur frei. Auch in Kreuzberg.

Waltraud Schwab


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