Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Literatur

Canitz´ Verlangen


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von Zora del Buono

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Er wollte mit Diskretion vorgehen. Die Klingelschilder des Hauses in der Lausitzer Straße 11 sahen verwahrlost aus, Löcher klafften darin, zwei Drähte hingen heraus. Er fand Schwertenfeger sofort. Canitz versuchte die Tür aufzudrücken, aber sie war verschlossen. Er ging durch die große Tordurchfahrt in den Hinterhof, Wein rankte die Fassaden hoch. Die hintere Tür zum Treppenhaus stand offen, Canitz betrat das Haus und suchte den Briefkasten der Toten. Keine Werbung bitte. Runa Schwertenfeger musste eine gewissenhafte Frau gewesen sein. Der Briefkasten schien geleert. Canitz stieg die Treppen hinauf, das Geländer war wackelig, alte Farbe blätterte ab, das klassische Berliner Blutrot. Drei Türen auf jeder Etage. Im zweiten Stock lagen Männerturnschuhe quer über dem Fußabtreter vor der Tür. Sie sahen ausgeleiert aus und rochen wahrscheinlich. Canitz war dankbar, dass seine Nachbarn diese Angewohnheit nicht hatten, er hätte unangenehme Gespräche führen müssen. Canitz stand im dritten Stock vor Schwertenfegers Wohnung, als sich die Tür daneben öffnete. Eine Frau in seinem Alter trat aus der Wohnung, sie trug einen zentimeterkurzen Pony und hatte die Lippen leuchtend rot geschminkt, eine eigenwillige Erscheinung, dachte Canitz. Suchen Sie etwas, fragte sie mit spitzer Stimme.

Ich wollte zu Frau Schwertenfeger, entgegnete er ihr.

Das geht nun nicht mehr, sagte sie mit lakonischem Ton. Frau Schwertenfeger ist verstorben.

Canitz versuchte, überrascht auszusehen, er glaubte, dass ihm das ganz gut gelang. Was ist denn passiert?, fragte er. Die Frau trug einen Stapel Bücher unter dem Arm, er blickte kurz darauf, Fachliteratur, irgendetwas Philologisches. Typ manische Intellektuelle, dachte er und räusperte sich.

Ja, sie wollte wohl nicht mehr, sagte die Frau kühl. Wegen eines Mannes anscheinend. Sie schwieg und schaute ihn dann durchdringend an. Sind Sie etwa der Mann?, fragte sie auffordernd.

Ich? Nein, ich glaube wohl kaum, dass sich eine Frau meinetwegen etwas antun würde, entgegnete er. Was hat sie gemacht?

Tabletten. Man hat sie in der Spree gefunden. Sind Sie scharf auf die Wohnung?

Ihr Ton gefiel ihm gar nicht, zudem irritierte ihn ihre Wortwahl. Er drehte sich um und wollte gehen. Da fiel ihm etwas ein. Wissen Sie, ob sie ertrunken oder an den Tabletten gestorben ist?

Der rote Mund zog sich zusammen. Das spielt doch nun keine Rolle mehr, nicht wahr? Wenn Sie an der Wohnung interessiert sind, dann steht unten die Nummer der Hausverwaltung. Die Frau trat einen Schritt zurück und schloss geräuschvoll die Tür. •

Entnommen aus Zora del Buono, »Canitz´Verlangen«, marebuchverlag, 2008 ISBN 978-3-86648-089-6-089-6, Preis 18 Euro



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