Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Geschäfte

Jonny´s


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von Stephanie Jaeckel

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Kaufladen, Kunstobjekt und Lebenstraum

Die Portugiesen sind ein Seefahrervolk. Sie lieben Schiffe, Zucker, Kaffee, und sie essen auch an Land getrockneten Fisch. Aber ob ihre Matrosen Jonny heißen? Gabriele-Maria Scheda ist die Inhaberin eines portugiesischen Ladens in der Bergmannstraße, und über dem Eingang steht Jonny’s. »Jonny« wie Matrose. Aber der Seemann fehlt. Es gibt nur Gabriele-Maria Scheda, eine Matrosin. Nicht zur See, sondern zu land. Groß geworden in einem Hotel im Allgäu, Hafen sämtlicher Inlandreisenden. Aufgebrochen zum Kunststudium nach Berlin, weitergereist in die Algarve. Sie lebt in einem Dorf, modelliert mit Fundstücken vom Strand und viel Fantasie Figuren aus Ton, die sie später in Bronze gießen lässt. Nach zweieinhalb Jahren packt sie wieder die Unruhe: Sie besorgt sich einen VW-Bus und pendelt zwischen Berlin, Lissabon und ihrer Bleibe am Meer, Raposeira.

Und Jonny’s? Jonny´s war zuerst eine art Laden auf einem Kunstmarkt, wo sie neben Skulpturen, Fotografien und Bildern auch »portugiesische Kleinigkeiten« verkaufte: Fischkonserven in verrückten Verpackungen, kleine und kleinste Gewürzdöschen, Holzschiffchen, Tischsets im zarten Blümchenmuster, auf Kacheln geklebte Heilige oder »Supergel«, mit dem die portugiesische Hausfrau wirklich jeden Fleck in den Griff bekommt. »Es macht mir Spaß, schöne Dinge zu sammeln. Wenn ich kaufe, bin ich auf Beutezug.« Doch irgendwann war der Bus voll. Und da begann sie, die Idee von einem richtigen Laden zu auszutüfteln. Einem Laden, der ihre »Sehnsucht nach Portugal mit der Liebe zu Berlin« verband.

Sie entschied sich für den Laden in der Bergmannstraße: einen Kaufladen, eine Galerie, ein Café, ein Kunstprojekt, ein Lebenstraum. Aber keiner, der mit hochgelegten Beinen geträumt wird: »Oh, es gab am Anfang viele Schwierigkeiten. Weil Jonny’s nur zwei Tage die Woche geöffnet hatte.« Mit Jonny’s erstem Geburtstag aber kam eine Studentin aus Portugal, um als Verkäuferin zu arbeiten. Die Chefin selbst reduzierte ihren Job in einer Bronzegießerei. »Und demnächst gibt es hier dann auch portugiesische Imbisse: Fischteller, Käse, Oliven, süße Kuchen und Törtchen. Vielleicht...« lacht Gabriele-Maria Scheda, »nehme ich ja eines Tages Eintritt für dieses Einkaufserlebnis.« Dafür, dass man hier immer wieder etwas entdecken kann. Das kleine Holzschiffchen zum Beispiel, das zwischen den Marmeladen eigentlich nichts zu suchen hat. Oder die heiligen Halsbonbons am Haken neben den Putzsachen. »Keine schlechte Idee«, denkt man später und seufzt, in der Kassenschlange bei Kaiser’s. •


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