Kreuzberger Chronik
Oktober 2008 - Ausgabe 101

Reportagen, Gespräche, Interviews

Das Türk Bakim Evi


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von Zora del Buono

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Frau Gülbay hat wieder dunkles Haar. Eigentlich war Frau Gülbay weißhaarig. Aber kaum war sie in das Türk Bakim Evi eingezogen, hat sie sich die Haare färben lassen. Früher wäre das mühsam gewesen, ein Besuch beim Frisör, in ihrem Alter, die Beine, der Rücken... Aber jetzt, wo die Frisöse ins Haus kommt, ist das kein Problem mehr. Und was haben die Verwandten gestaunt, als sie Frau Gülbay zum ersten Mal besucht haben!

Montags ist Haar-Tag in der Methfesselstraße. Montags kommt Serap Savci in das türkische Pflegeheim, das nicht irgendein Pflegeheim ist, sondern das einzige türkische Haus dieser Art nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Wenn Frau Savci auf hohen Schuhen, das silberne Köfferchen in der Hand schwingend, in den modernisierten Bau aus den 70er Jahren spaziert, wird sie sehnlichst erwartet.

Kuaför Salonu steht an der Tür. Ein Mann im Rollstuhl kommt angefahren, ein anderer spricht mit einer Pflegerin, im Hintergrund zwitschern Wellensittiche. Serap Savci, die blonden Haare keck hoch gesteckt, den Mund rosa geschminkt, lässt ein Lachen erklingen, das alle Bewohner des Hauses anzieht. Sie kommen, grüßen, plaudern. Die Frisöse wäscht, kämmt und schneidet. Zwischendurch herzt sie jemanden, drückt ihn an sich, alle lieben sie.

Als Frau Savci von dem Projekt las, hat sie sich sofort beworben. Ein Pflegeheim für türkische Bewohner, das gefiel ihr. Sie ist in Deutschland geboren, doch die türkische Kultur ist ihr Zuhause. Sie weiß um die Probleme der ersten Einwanderergeneration, nicht nur der türkischen. Jahrelang hat Serap Savci mit bosnischen Flüchtlingen gearbeitet. Die Türken, die in den 60er Jahren als Arbeitskräfte geholt wurden, sind jetzt alt. Die Kinder leben hier, die Enkel auch, warum sollten sie also in die Türkei zurückkehren, wo sie niemanden haben? Hier aber gibt es die






Unauffällig: Das türkische Altersheim in der Methfesselstraße.











»Alle lieben sie!«










Sprachprobleme, die Essgewohnheiten, das Fasten, das Beten, die Musik, all die Dinge, die anders sind als bei deutschen Rentnern. Bedürftig sein, abhängig von anderen Menschen, das ist schrecklich. Dann wenigstens mit Menschen, die eine ähnliche Geschichte haben, mit denen man in der eigenen Sprache reden und lachen kann. Spät erworbene Sprachkompetenzen gehen im Alter schnell wieder verloren. Das Deutsch, das die Leute gelernt haben, schwindet allmählich dahin, wird von Jahr zu Jahr magerer.

Zeya Bircan ist einer der wenigen ohne Sprachprobleme. Er lebt seit 47 Jahren in Deutschland und hat bei Coca Cola gearbeitet. Er war Dolmetscher, hat für die Arbeiter und die Männer, die für die Automatenauffüllung zuständig waren, übersetzt. Zeya Bircan schaut gerne vorbei, wenn Frau Savci in ihrer Frisierstube ist. Er lebte in einem deutschen Altenheim, als er im Fernsehen eine Sendung über das Türk Bakim Evi sah. Sofort seinen Sohn angerufen hatte er, und ihm aufgeregt gesagt, da wolle er hin, in dieses türkische Altenheim, da sei das Essen bestimmt gut und Schweinefleisch gäbe es keines. Jetzt ist er hier und zufrieden.

Er zwinkert Serap zu, die am Boden die Haare zusammenfegt. So wie sie das auch an den restlichen Tagen der Woche tut, unten in ihrem Salon in der Großbeerenstraße 42. Sie hat den Laden seit ein paar Jahren, ein kleines Frisörgeschäft, die Wände in Rosa getaucht, ein Raum, in dem geschwatzt und gekichert wird wie in einem Mädchenpensionat. Nicht nur Türkinnen kommen hierher, hier gehen Schweizer Redakteurinnen hin, italienische Studentinnen, nervöse Bräute und deutsche Rentnerinnen. Denn Serap Savci schneidet, zupft und frisiert so gut, dass es sich herumgesprochen hat im Kiez. Aber sie macht vor allem die Dinge, die andere Frisöre längst aufgegeben haben: Waschen, Legen, Dauerwellen. Für alte Frauen ist das wichtig. Das Haar wird dünner, Lockenwickler und Dauerwellen stützen es. Und, das Neueste: Haarentfernung für Männer. Meist sind es die Ehefrauen, die ihre Männer hierher schleppen. Damit deren Rückenbehaarung endlich verschwindet.

Auch Nejla Kaba-Retzlaff geht mittlerweile in den Salon von Frau Savci. Die Leiterin des Pflegeheims ist eine energische Frau, die früh erkannt hat, dass sie viel erreichen kann, wenn sie sich anstrengt. Als sie mit zehn Jahren aus der Türkei in Berlin ankam, sprach sie kein Wort Deutsch. Sie musste lernen, lernen, lernen. Sie wollte weiterkommen. Eine kleine Revolutionärin war sie schon immer, sie hat eine Krankenschwesterausbildung gemacht, ist dann von Zuhause abgehauen, sogar in der Schweiz hat sie gearbeitet.







Nejla Kaba-Retzlaff, Leiterin des türkischen Altenheims und »schon
immer eine kleine Revolutionärin.
«









Danach ist sie in eine Wohngemeinschaft mit vier deutschen Studenten gezogen, das war für die Eltern irritierend. Aber Frau Kaba-Retzlaff konfrontiert die Leute gerne mit Dingen, die anfangs unmöglich aussehen. Für ihre Funktion als Chefin dieses Pilotprojekts ist sie prädestiniert. Sie hat sich immer fortgebildet, Kongresse für Migration organisiert, Sozialmanagement studiert, eine Heimleiterausbildung gemacht. Die Aufgabe, die sie sich ausgesucht hat, ist nicht einfach. Das Pflegeheim ist bislang nur zu einem Drittel belegt. Die Vorurteile sind groß, viele Türken wollen nicht ins Heim. Sie haben Angst, das Gesicht zu verlieren. Töchter und Schwiegertöchter sollen sich um die Alten kümmern, nicht irgendwelche Fremde.

Frau Kaba-Retzlaff sieht das nicht ein. Auch Migranten gehen in eine moderne Zukunft. Frauen wollen nicht mehr Zuhause sitzen und der Familie dienen, sie möchten Ausbildung, Arbeit, Selbständigkeit. Das muss die alte Generation endlich akzeptieren und vom Druck auf die Jungen ablassen. Die Leiterin ist fest entschlossen, ihren Beitrag zum Umbau der Gesellschaft zu leisten. Kaba-Retzlaff hält Vorträge, lädt Interessierte ins Türk Bakim Evi ein, von überall her kommen sie, aus Frankreich, aus Finnland, alle wollen das Vorreiterprojekt kennen lernen. Auch im Haus selber wird sich einiges ändern. Bislang gibt es viele Bewohner, die keine Einzelzimmer mögen, die lieber mit anderen im Zimmer sind. Sie sind es nicht gewohnt, alleine zu leben. Aber schon die nächste Generation wird anders sein.

Im Innenhof sitzen Menschen in Rollstühlen, Demenzkranke schweigen, ein behinderter junger Mann wird von einem Pfleger beim Trinken unterstützt, Vogelgezwitscher und Fernsehgeräusche klingen bis hierher. Manchmal werden Alte oder Behinderte nur für kurze Zeit aufgenommen. Damit die Angehörigen einmal in Urlaub fahren können. Der Hof wird immer voller. Das unterscheidet das türkische Pflegeheim von deutschen Pflegestellen: wer kann, kommt in die Gemeinschaftsräume. Keiner will alleine in seinem Zimmer hocken.

Serap Savci besucht auch jene Menschen in den Zimmern, die nicht mehr mobil sind. Sie hat medizinische Fußpflege gelernt, keine einfache Sache bei alten Menschen. Die Füße sind verkrümmt, die Nägel eingewachsen, manche Bewohner sind gelähmt, da muss sich die Frisöse hinlegen, mitgehen mit den Kranken. Nicht viele Menschen können das, und Frau Savci hat bislang niemanden gefunden, der diese Arbeit machen möchte. Dabei sind die Alten so dankbar, dass sich jemand ihrer geschundenen Füße annimmt. Noch sitzt Serap Savci im Hof. Sie raucht mit einem alten Herrn eine Zigarette, scherzt links und tröstet rechts. Der Hof ist an warmen Tagen das Herz des Hauses. Nejla Kaba-Retzlaff hat sich sogar überlegt, ob sie ein Netz über den Innenhof spannen soll. Damit die Wellensittiche aus ihren Käfigen raus können und mehr Freiheit haben. Denn es soll allen so gut als möglich gehen hier im Türk Bakim Evi.•


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