Kreuzberger Chronik bibliothek

Geschichten aus einem Stadtteil

№ 101
Mein liebster Feind
Mein liebster Feind – Teil 3:

3. Brief

von Karl Hermnann und Dr. Seltsam

Es ist immer wieder deprimierend, wenn Leute, die niemals Marx gelesen haben, einem erklärten Linken die Welt erklären wollen. Als stünde die Wahrheit im Handelsblatt, und als würden die Linken nur Unsinn erzählen. Ich zitiere: »Denn, dass so wenig Ausbildungsplätze besetzt werden, liegt auch an den mangelnden Fähigkeiten der Schulabsolventen. Aber der Doktor gibt sicherlich wieder der Ausbeutungspraxis des Kapitalismus die Schuld. Nur, wie will er das begründen?«

In Kürze: Nach Marx lebt die ganze Gesellschaft vom Mehrwert, der bei der kapitalistischen Warenproduktion entsteht. Das ist die so genannte Ausbeutung. Nicht, weil die Kapitalbesitzer ihre Arbeiter mies behandeln und sich einen stets größer werdenden Teil vom Mehrwertkuchen abschneiden, sondern weil das Kapital ohne Arbeit gar nichts wert ist, bzw. keinen Wert aus sich selbst erzeugen kann. Der Grad der Ausbeutung ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das sich schwer in Zahlen fassen lässt. Klar aber ist, dass in der Gesamtheit der Weltwirtschaft Proletariat und Ausbeutungsrate ständig zunehmen.

In der Tat würden die Unternehmer für die Arbeit am Liebsten gar nichts mehr bezahlen. Dann wäre ihr Anteil am Mehrwert noch größer. Andererseits hätten sie keine zahlkräftigen Kunden für ihre Produkte mehr. Deshalb möchte im Grunde jeder Kapitalist, dass die Arbeiter der Konkurrenz möglichst hoch bezahlt werden, damit diese seine Waren kaufen. Die eigenen Arbeiter sollen möglichst wenig verdienen, damit die Profitspanne größer ist. Aus dem Mehrwert als der einzigen Quelle des Reichtums werden nicht nur die Profite bezahlt, sondern auch der Staat und die Kosten für die Produktion und die Reproduktion der Arbeitskraft, also Nahrung, Wohnung, Gesundheit, Ausbildung. Darin ist die Lehrlingsausbildung also schon enthalten, egal ob im »dualen System« in Betrieben oder in staatlichen Schulen. Die Frage, ob Auszubildende schon zur Mehrwertbildung beitragen und also ausgebeutet werden, ist unter marxistischen Gelehrten etwa ebenso umstritten wie die Frage, ob Intellektuelle und Künstler eigentlich eine produktive Arbeit leisten.

Fazit: Wenn sich also die Kapitalisten und ihre Nachbeter in den Medien darüber beschweren, dass »die heutigen Azubis zu blöd« seien, dann heißt das auf deutsch: sie sind so schlecht vorgebildet, dass sie für die Ausbeutung nicht brauchbar sind und erstmal zugerichtet werden müssen. Das sagt einiges über die Qualität des Schulsystems aus, für das viel zu wenig Geld zur Verfügung steht. Und es zeigt andererseits, dass die Jugend keine Lust hat, sich für immer weniger Lohn immer mehr anzustrengen. Wenn ich 16 Jahre alt wäre, wäre ich auch lieber Rapper oder Gangsta, als ein braver Arbeiter für diese Scheißkapitalisten. Nah yaparim! Bok yaparim! •

Dr. Seltsam


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