Kreuzberger Chronik
Oktober 2008 - Ausgabe 101

Literatur

Die verlorenen Söhne


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von Necla Kelek

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Die Könige des Beckenrands

Sommer 2005. Die türkischen Jungen im Prinzenbad, einem Freibad in Berlin-Kreuzberg, werden diese Überlieferung kaum kennen, aber sie spielen am liebsten »ertrinken«. Ihr größtes Vergnügen besteht darin, sich möglichst spektakulär vom Startblock zu stürzen, so als würden sie direkt vom Topkapi-Felsen in den Bosporus fallen. Bauchklatscher, Arschbomben, Köpper, Schraube oder Überschlag, alles wird dabei eingesetzt. Dabei wird miteinander konkurriert, gedrückt, gejagt, untergetaucht. Es ist ein ernster Spaß, denn es geht, im bildlichen Sinne, um oben und unten. »Unten« sind ausschließlich die Kleineren. Sie werden »erschossen«, sie stehen mit dem Rücken zum Wasser auf dem Startblock, bis sie fiktiv am Kopf oder am Bauch getroffen werden. Dann lassen sie sich dramatisch ins Wasser plumpsen. Sie selbst dürfen es allerdings nicht wagen, einen Abi oder einen Jungen aus einem anderen Familienverband ins Wasser zu schubsen. Denn das würde Ärger geben, ein Abi würde das nicht zulassen, dass einem seiner Brüder etwas geschieht.

Die »Prinzen« treten meist in Gruppen auf, vier bis sieben Jungen zwischen sechs und sechzehn Jahren, die zusammengehören, meist Brüder, zumindest Cousins, die alles gemeinsam machen. Was sie machen, bestimmt der Abi, der Älteste. Man geht gemeinsam zum Springen, isst gemeinsam, liegt gemeinsam auf dem Handtuch. Alle tragen weite Shorts, vom Bauchnabel abwärts bis zu den Knien, keiner trägt eine enge Badehose. Die Kinder unterhalten sich nicht, sie scherzen auch nicht, sondern sie schreien (auf Türkisch): »Spring, oder ich fick dich«, »Ich fick deine Mutter«, so als bestünde Türkisch für diese Jungen nur aus diesen Wörtern.

Die Abis sind die Könige des Beckenrandes. Sie sehen den deutschen Mädchen nach, kontrollieren mit routiniertem Griff den Sitz ihres Genitals, erteilen den Kleinen gnädig Genehmigungen zum springen oder auf die Toilette zu gehen. (…)

Deutsche Jugendliche sieht man nicht. Das Prinzenbad ist fast eine von deutschen Jungen befreite Zone. Die deutschen Jungen haben hier auch gar keine Chance, denn sie sind meist allein oder nur mit einem Freund unterwegs, die Türken in der Regel im Familienverbund. Und wenn es zum Streit kommt, hilft ein Türke dem anderen Türken. Und es kommt schnell zu eskalierenden Auseinandersetzungen, die meist handgreiflich enden. Ein fixierender Blick im falschen Moment, und schon ist das berühmte »Was guckst du?« oder »Willst du mich anmachen?« zu hören. •

Necla Kelek; aus »Die verlorenen Söhne«, erschienen 2006 bei Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-442-15436-4, Preis: 8,95 Euro


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