Kreuzberger Chronik
November 2008 - Ausgabe 102

Strassen, Häuser, Höfe

Die Besselstraße


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von Werner von Westhafen

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Friedrich Wilhelm Bessel gab einer Kreuzberger Straße seinen Namen – obwohl er nie dort wirkte.




Friedrich Wilhelm Bessel ist einer der wenigen, der auf einem Berliner Straßenschild zu finden ist, obwohl er Zeit seines Lebens nie in der Stadt wohnte. Es ist anzunehmen, dass der Astronom der Sternwarte in der Lindenstraße hin und wieder einen Besuch abstattete, ansonsten aber hielt sich seine Liebe zu Berlin in Grenzen. Friedrich Wilhelm Bessel wurde nur deshalb in Erwägung gezogen, weil sich die 1844 angelegte Querverbindung zwischen Friedrichstraße und Charlottenstraße in unmittelbarer Nähe zur Sternwarte befand, und weil man einer Straße in der Nachbarschaft gerade den Namen des Astronomen Encke gegeben hatte.

Allerdings handelte es sich bei Friedrich Wilhelm Bessel um einen der angesehensten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Ganz anders als Encke, der sich Stufe für Stufe von der Schule bis zum Posten des Direktors der Sternwarte emporarbeitete, hat Bessel die Schule nur bis zur Untertertia besucht. Das Lateinische war ihm derart zuwider, dass er seinen Vater bat, das Gymnasium verlassen zu dürfen. Der Regierungssekretär Carl Friedrich Bessel war damit einverstanden, lebte die Familie mit ihren 9 Kindern trotz der angesehenen Stellung des Vaters doch in eher bescheidenen Verhältnissen. Aber der Mathematiklehrer erkannte die Talente des eigensinnigen Schülers und sorgte dafür, dass der junge Bessel Privatunterricht erhielt. Die Mühe lohnte sich: Ebenso wie bei dem Kollegen Encke erhielt nicht nur eine Straße den Namen des Astronomen, sondern auch ein großes erdloch: der kreisrunde Mondkrater Bessel im Mare Serenitatis.

Der aufmerksame Lehrer hatte dem jungen Bessel eine Kaufmannslehre empfohlen, um dessen mathematische Begabung zu fördern. Bei Kuhlenkamp & Söhne verpflichtete sich Bessel zu einer unentgeltlichen Lehre, doch bald schon schämte man sich, dem fleißigen Rechner kein Gehalt zu zahlen. Da Bessel vor allem Überseegeschäfte abzurechnen hatte, fasste der Abenteurer schon bald den Plan, als Cargadeur an einer Handelsexpedition nach China und Amerika teilzunehmen. Um die nötigen Qualifikationen für die Reise zu erlangen, lernte er Englisch und Spanisch. Auf See allerdings waren die Künste der Navigation gefragt, weshalb Bessel begann, sich mit den Sternen zu beschäftigen.

Zuerst besorgte er sich die Anleitung zur geographischen Ortsbestimmung von Johann Bohnenberger, doch musste er feststellen, dass ihm die mathematischen Kenntnisse fehlten. Also beschaffte er sich mathematische Lehrbücher, mit dem Erfolg, dass noch heute einige Gleichungen seinen Namen tragen: Die Besselsche Interpolationsformel, die Besselsche Ungleichung und vor allem die Bessel-Funktionen als Lösung der Besselschen Differentialgleichungen.

Da zur Positionsbestimmung auf See jedoch nicht nur mathematische Kenntnisse, sondern auch teure Instrumente gehörten, wandte Bessel sich an einen Tischler und einen Uhrmacher und ließ die Instrumente nach eigenen Plänen nachbauen. Eines Tages beobachtete der Hobbyastronom mit seinem Fernrohr, wie sich der Mond vor einen anderen Stern schob, und überlegte, ob mit Hilfe der beiden Kontaktzeiten nicht eine genaue Berechnung der Mondbahn möglich wäre. Tatsächlich bestätigten sich Bessels erste Berechnungen später in astronomischen Fachzeitschriften.

Als er über den Kometen von 1607, den Halley´schen Kometen, las, fasste er den entschluss, dessen Bahn zu berechnen. Dazu musste er sich weitere Literatur besorgen, u.a. die‚ »Abhandlung der Bahnbestimmung von Kometen«, verfasst von einem gewissen Heinrich Wilhelm Olbers. Olbers war der Leiter der Sternwarte von Lilienthal, und so kam es, dass der junge Friedrich Wilhelm am 28. Juli 1804 einen Ausflug ins nahe Lilienthal unternahm und wahrscheinlich nicht ganz zufällig den Weg des Herrn Olbers kreuzte. Friedrich Wilhelm sprach den Herrn an und fragte, ob er ihm seine Berechnungen einmal vorlegen dürfe.

Ähnlich wie bereits der Mathematiklehrer des Gymnasiums ahnte auch der Astronom die Genialität des jungen Mannes. Zwei Jahre später ist der 26jährige Inspektor an der Sternwarte von Lilienthal. 1810 ist er Professor der Astronomie und geht im September 1812 als Direktor an die Sternwarte von Königsberg. Nun hat er auch Zeit fürs Privatleben und heiratet noch im Oktober Johanna Hagen, die Tochter eines Medizinalrates, ein Jahr darauf wird sein erster Sohn geboren.

Während der Jahre in der Sternwarte widmete sich Bessel vor allem der Berechnung von Sternen und Umlaufbahnen. Mit dem Heliometer konnte er die Abstände nah beieinander stehender Sterne genau vermessen und sich einem Problem widmen, das schon seit 300 Jahren bekannt war: der Messung der Parallaxe der Sterne. Der Grundgedanke war, dass durch den Umlauf der Sonne und der damit verbundenen Positionsänderungen die Sterne eine jährliche periodische Ortsveränderung aufweisen müssten, die umso größer ist, je näher ein Stern der Erde steht. Im Jahr 1838 gelingt Bessel nach über 3000 Einzelbeobachtungen »die erste zuverlässige Entfernungsbestimmung« eines Sterns. Es handelt sich um den 6 Lichtjahre von der Sonne entfernten Fixstern 61 cygni. Die damals von Bessel errechnete Entfernung weicht nur um 6% vom heute gültigen Wert ab.

Als Encke im Jahr 1819 von der Lindenstraße aus die Bahn eines Kometen berechnete, bezeichnete Bessel dessen Leistung enthusiastisch als »wichtigste wissenschaftliche Entdeckung des Jahrhunderts.« Dass auch Encke seinem jüngeren Kollegen zur Berechnung von 61 cygni gratulierte, forderte der gute Ton. Doch hatte es Encke stets an jener Begeisterung gefehlt, die Bessel Zeit seines Lebens beflügelte. im Alter soll Encke sich sogar zunehmend »vom guten Bessel abgewendet« haben – seinem Vertrauten, dem er einst sogar seinen Ärger über Alexander von Humboldt anvertraute. •


Friedrich Wilhelm Bessel hat die Schule in der Untertertia erst einmal abgebrochen. Das Lateinische war ihm derart zuwider, dass er kurz entschlossen das Gymnasium verließ. Heute ist ein Mondkrater im Mare Serenitatis nach ihm benannt.

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