Kreuzberger Chronik
November 2008 - Ausgabe 102

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Markt ohne Floh


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von Edith Siepmann

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Von hoch oben, wie es sich gehört, schauen geflügelte Genien in altgriechischer Tracht und mit klassischem Habitus auf »das Völkchen von Kreuzberg« herab. Schinkels eisernes Monument, dessen Spitze dem Hügel und dem Stadtteil seinen Namen gab, adelt die preußischen Befreier vom »napoleonischen Joch« mit dem Flair der Antike.

Die Anwesenheit des alten Griechenland setzt sich in den angrenzenden Straßenzügen fort. Kaum ein Gründerzeit-Haus, von dem nicht Halbgötter, Satyrn, Sphinxe grüßen. Nun aber hat die Antike die Erdgeschosse und die Keller erreicht. Denn als »antik« gilt in diesen Niederungen alles, was vor mehr als einem Jahrzehnt im Umlauf war, die Sandalen der Jünger Jesu ebenso wie die Plateau-Schuhe der Travolta-Verehrerinnen der 80er Jahre.

Dass die abgegriffenen Dinge des Alltags einmal einen Wert haben könnten, hat sich in den 60er Jahren niemand träumen lassen. Die riviera-gebräunten Wirtschaftswunder-Erwachsenen waren auf den schnellen Verbrauch von Konsumierbarem aus, nicht auf aus der Mode Gekommenes. Die Konsum-Unrast hatte ihren Grund nicht nur in einem den Hungerjahren geschuldeten Nachholbedürfnis, sie entsprang auch einem Verdrängungsfieber gegenüber den Jahren davor. Besinnungslos wurde weggeworfen, was nicht mehr funktionstüchtig oder »überholt« war. Auf den Müllhalden moderten inmitten des Abfalls Teddybären der Jahrhundertwende, Jugendstil-Photoalben, magische Laternen, Waschbretter, lithographierte Bilderbücher. Nach den beiden Weltkriegen war dies die dritte Vernichtungswalze für die dinglichen Zeugnisse der Welt unserer Vorfahren.

Erst in den 60er Jahren erwachte eine Sensibilität für die alltagskulturellen Hinterlassenschaften vorhergegangener Generationen, ihrer täglicher Lebens-und Überlebensversuche. Bei den Studenten, die es nach Kreuzberg zog, ging die Suche nach verschollenen Büchern Hand in Hand mit der zärtlichen Zuwendung zu alten Dingen. Meist wurden sie »umfunktioniert«, der Milchkrug wurde zur Blumenvase, die Nähmaschine zum Tisch, der Setzkasten, in die Senkrechte gebracht, zum Aufbewahrungsort für Kleinkramfetische aller Art.

Auch Spelunken nahmen zu dieser Zeit das Aussehen der »Antikläden« an: im schummerigen Licht einer Gründerzeit-Lampe konnten die durstigen Zeitgenossen unter einem Ölschinken-Repro mit der büßenden und in den Anblick eines Totenschädels versunkenen Magdalena im goldenen »Barock«-Rahmen in einem grünsamtenen Jugendstil-Samtsofa versinken. Das el Dorado dieses neuen Sammeltriebes war Kreuzberg, und zu einem der ersten der Kreuzberger Trödelballungsräume wurde der so genannte Bergmann-Kiez. In den kleinen Läden, in denen ohnehin viel Vergangenes überlebt hatte, richteten sich unzählige Trödler ein. Der Gang über die Bergmannstrasse wurde berlinweit berühmt und glich einer Reise über den aufgewühlten alltagskulturellen Ozean der letzten zweihundert Jahre.

Im Zuge der Kommerzialisierung, die mit der Häusersanierung begann und jüngst aus der charmanten Markthalle eine Art Klinikum machte und an die Stelle einer ehemaligen Tanz-und Trinkhalle eine monumentale Bleibe für eine ungesund anmutende Ärztekonzentration setzte, verdrängt nun aber eine multikulturelle Restaurantlandschaft die einst so bunte Ladenmischung, und die Trödler, denen die Mieten zu teuer geworden sind, räumen allmählich das Feld. »Anfang der 90er Jahre waren wir noch siebzehn Händler, jetzt sind es noch sechs«, sagt Fiez, der eine kleine Kellerboutique betreibt – und zwar von gegenüber, von einem Kneipentischchen aus, wo er Kaffee trinkt und die Abendsonne genießt.

»Es kommen auch nicht mehr so viele Leute zum Kaufen wir früher. Die jetzt kommen, wollen malaysische Suppe und japanischen Fisch, und keine deutschen Gebrauchtwaren.«

Doch aus der teuren Bergmannstraße vertrieben suchen sich die Händler Quartiere in den Nebenstraßen, wo die Mieten noch bezahlbar sind. Da ist der gediegene »Anton« in der Friesenstrasse, oder der türkische Händler von gegenüber, der sich auf die 20er Jahre spezialisiert hat, auf »Art-dekko«, wie der Berliner sagt. So sucht sich der nie versiegende Strom abgegriffener Waren seinen Weg.

Der Eisberg, der diese Endmoräne so unaufhaltsam durch die Bergmannstrasse schiebt, das ist der Tod. Das Auto, das den Leichnam der alten Frau abgeholt hat, hinterlässt eine Parklücke, die dem von den Erben bestellten »Entrümpler« gelegen kommt. Er sondiert, was die Nachfahren verschmähen; was sich in jenem Augenblick, als die Frau für immer die Augen schloss, von Lebensbegleitern in Gerümpel verwandelte.

Da er die Wohnung »besenrein« hinterlassen muss, nimmt er alles mit, was Verwertbarkeit verspricht: die Tasse mit den Resten des letzten Kaffees, den halbvollen Aschenbecher und das ungespülte Besteck. Das Betttuch, von dem die Tote gehoben wurde. Da sind ein paar Briefe und Fotos, gebrauchtes Ohropax in einem russischen Schächtelchen. Scheinbar Wertloses wird für den Müll aussortiert, besonders Gewinnversprechendes für die Auktionshäuser, und der Rest kommt in den
Laden. Noch bevor die Tote gewaschen wurde, liegen ihre vertrauten Dinge zum Verkauf aus.



Die den Dingen des Alltags innewohnen-
de Menschennähe kann das Gemüt eines besonnen wandernden Betrachters be-
lasten. Doch viele jener Besucher, die heute durch die Bergmannstraße flanieren, bemerken diese menschliche Nähe nicht: nicht der nostalgisch gestimmte Käufer, für den der Spaziergang eine Flucht aus dem Alltag bedeutet, und die Touristin aus Paderborn auch nicht, die mit leuchtenden Augen an den Trödelläden vorbeischlendert und angesichts der relikte Berliner Alltagskultur an Juhnke und Buletten denkt. Wer aber aus den ausgestellten Gegenständen sich die Lebensumstände der früheren Besitzer zusammenreimt, dessen Seele kann leicht von einer uferlosen Melancholie befallen werden. Die dem Handel preisgegebenen Dinge und ihre bizarren Nachbarschaften bezeugen dem innehaltenden Blick in immer neuen Variationen die Eitelkeit menschlicher Veranstaltungen, die Vergeblichkeit jeglicher Hoffnung, und die Vergänglichkeit eines jeden Glücks.

Das gesamte Spektrum der Dingwelt erscheint auf diese Weise wie ein Krückstock beim beschwerlichen Gang durchs Leben: die Mieder, die Perücken, die Fotos der Geliebten, der Lachsack, die Tanzschuhe, die Pomade, Dürers Hände, die zerzauste Puppe – sie alle sind relikte von gescheiterten Versuchen, der Vergeblichkeit, der Langeweile und dem Tod zu entkommen.

Einer der ältesten, und einer der beliebtesten, Trödelläden in der Bergmannstrasse war der von »Onkel Abou-Dabou«. Inmitten seiner Antiquitäten genoss er von einem rokoko-Sessel aus und über die schwarze Lesebrille blickend die wechselnden Schauspiele des Alltags. Genüsslich Kaffee trinkend, scherzend, hin und wieder leise Anweisungen gebend. Ein überbordendes Verkaufsinteresse war ihm nicht anzumerken. eher hatte er die Aura eines Philosophen, der das Schweigen schätzt. »Nur, wenn es um Nahost-Politik ging, wurde er mitteilsam«, sagt Assad, sein Sohn. ein Kunde erinnert sich an einen Ausspruch des alten Mannes: »Wenn du dich verliebst – egal ob in alte Bilder oder in eine schöne Frau – dann gibt es nur eins: kämpfen, bis du sie hast.«

Assaad Ali Abou-chaber, in Palästina geboren, kam vor 30 Jahren aus dem Libanon nach Berlin. Auf dem westlichen Teil des noch wüstenhaften Potsdamer Platzes, wo es eine reihe von Buden mit Souvenirs und Trödel gab, machte er mit Trommelwirbeln auf sich und seine Waren aufmerksam. 1986 zog er in die Bergmannstrasse Nummer 110. Sein Angebot reichte von altem Werkzeug und alten Bierflaschen über Teppiche und ausgestopfte Tiere bis zu teurem Schmuck und wissenschaftlichen Nachlässen. in riesigen Lettern verewigte er seinen Spitznamen über seinem reich: ONKEL ABOU DABOU.

Und wenn mal einer klaute, erinnert sich sein Sohn Ahmed, der mit seinem Bruder nun das Erbe seines Vaters angetreten hat, so scheute der Trödler jede Aufregung und sagte: »Komm…, lass stecken. Aber mach das nicht noch mal!« Ahmed hat den Schwerpunkt auf Edelmetalle und Schmuck verlagert, eine Idee, die noch von Assaad stammte, deren Verwirklichung er aber nicht mehr erlebte. Im April erlitt der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Onkel Abou Dabou einen Schlaganfall. Den zweiten Anfall überlebte er nicht mehr. Begleitet von vielen seiner Kunden, Verehrerinnen und Freunde wurde der wohl bekannteste Trödler aus der Bergmannstraße auf dem islamischen Friedhof am Columbiadamm beerdigt. •

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