Kreuzberger Chronik
November 2008 - Ausgabe 102

Literatur

Vor den Hymnen


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von Alfred Hellmann

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Nach 45 Minuten kam die Trainerin des Cipangu-Fittness-Clubs in der Friedrichstraße zum Ende des Power-Yoga-Kurs iii für Fortgeschrittene. Die Gruppe folgte ihren Bewegungen wie ein Ballett, glitt in den Lotussitz, legte die Hände zum Gebet zusammen, sprach dreimal das »OM«, führte die Hände zum Kinn, zur Stirn, vor die Brust und verbeugte sich.

Johann Widera rollte seine Matte ein und verließ zusammen mit den anderen Teilnehmern schweigend den Raum. Er beschloss, noch kurz ins Dampfbad zu gehen. Danach würde er die Sache mit Mike beenden.

Fünfzehn Minuten später spazierte Widera, vollkommen entspannt und nur mit einem weißen Froteebademantel bekleidet über die riesige, mit Teakholz-Mobiliar und weißen Sonnensegeln ausgestattete Dachterrasse. Dies war einer der angenehmsten Orte Berlins, und in den großen Bademänteln fühlte man sich wieder wie ein Kind, das seine Mutter nach dem Baden in ein Handtuch wickelt und abrubbelt. Die japanischen Steinbrunnen säuselten vor sich hin, und die endlose, ebenfalls mit Teak ausgelegte Bodenfläche, strahlte Sauberkeit und Geradlinigkeit aus.

John, der amerikanische Masseur, hatte Widera eine Liege vorbereitet und an den rand des Dachs gedrückt, von wo nicht nur der Fernsehturm, sondern auch die Kuppel des Doms zu sehen war.

Widera setzte sich auf die Liege, holte sein Handy aus der Tasche des Bademantels und begann, eine frische Prepaid-Karte aus der Plastikumhüllung zu schälen. Außer ihm befanden sich auf dem Dach nur noch zwei ältere Frauen, deren dürr trainierte Körper ebenfalls in übergroßen weißen Bademänteln steckten. Sie wirkten wie zwei missmutige Küken, die mit der Welt, die sie nach dem Schlüpfen vorgefunden hatten, unzufrieden waren. Beide blickten vorwurfsvoll zu ihm herüber, denn obwohl sie zu weit entfernt waren, um ihn hören zu müssen, gehörte die Terrasse zum Ruhebereich, in dem striktes Handy-Verbot galt. Widera hatte sich daran noch nie gehalten, weil er fand, dass man ihm für den Monatsbeitrag von 250 euro keine Vorschriften machen sollte.

Die Karte fiel auf den Boden, landete aber glücklicherweise auf einer der Planken. Widera hob sie auf, pustete sie sauber und legte sie erneut ein. Er schloss das Gerät, schaltete es ein und wählte mit Bedacht die lange Nummer. Nach dem dritten Signal nahm Mike ab, schweigend wie immer, lächerlich und bedrohlich wie immer.

»Der Auftraggeber hat beschlossen, dass wir die Sache sofort beenden.« Wideras Stimme war fest und klar. Sie kam direkt aus der ruhigen Selbstsicherheit, die ihm das Yoga jedes Mal gab. »es ist vorbei.« •

Entnommen aus: Alfred Hellmann, Vor den Hymnen, Berlin Krimi, ISBN 978-389705-557-5, erschienen bei emons, www.emons-verlag.de, Preis 9,90 Euro

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