Kreuzberger Chronik
Mai 2008 - Ausgabe 97

Die Reportage

Sein oder Nichtsein - die Frage der Wirte


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von Miriam Malkowsky

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Es ist ein Samstagvormittag im April des Jahres 2008. Auf dem Markt am Chamissoplatz werden Ökosocken verkauft, Ökowürste und Ökokäse. Die, die hier kaufen, haben graues Haar vom Alter und rote Backen vom gesunden Leben. In den Heidelberger Krug, die hundertjährige Wirtschaft am Platz, gehen sie anschließend trotzdem. Trotz des zartblauen Rauches, der wie Nebelschwaden durch die Sonnenstrahlen gleitet, welche idyllisch durch die Fenster auf die hölzernen Tische und die alten Dielen fallen.

Was so schön ist, kann so ungesund nicht sein. Der Duft von Kaffee, Bier, Zeitungen und Tabak schafft eine Atmosphäre, der selbst die rotbackigen Eltern mit ihren rotznasigen Kindern nur schwer widerstehen können. Gleich zwei von ihnen malträtieren die Tastatur des Klaviers, was außer dem alten Tasteninstrument niemanden stört. Man trinkt Kaffee und raucht. »Raucher sind eben entspannter!«, sagt der Mann mit dem Tablett.

So schön kann Rauchen sein - Foto: Michael Hughes
Den Heidelberger Krug ohne Rauch kann sich niemand vorstellen. Auch der Wirt nicht. 200 Stimmen hat er für die »Initiative für Genuss Berlin« schon gesammelt, 19.800 müssen noch dazukommen aus dem Rest der Hauptstadt, damit das Volksbegehren mit dem Slogan »Wahlfreiheit für Gäste und Wirte – kein Rauchverbot in der Berliner Gastronomie« Erfolg hat. Die Initiative möchte die ersten drei Paragraphen des Nichtraucherschutzgesetzes vom 8. 11. 2007 »ersatzlos streichen«.

Ziel ist eine Kneipengesellschaft, in der neben den Nichtraucherkneipen auch den Raucherkneipen eine Existenzberechtigung zugesprochen wird. »In Sachsen haben sie es auch geschafft!«, sagt der im »Krug« gestrandete Kapitän und nippt an seinem Rum. Dann schaffen das die Berliner erst recht! »Wenn ich daran denke, wie oft die in Berlin schon eine Sperrstunde einführen wollten …!«

Sollte es aber doch nicht klappen mit dem Volksbegehren, dann will sich der Wirt vom Heidelberger Krug um eine Sondergenehmigung bemühen. Er hat es redlich probiert mit dem Nichtrauchen, auch seine Gäste haben sich alle Mühe gegeben. Aber sie haben es einfach nicht geschafft. Udo Wagner saß gerade am Sterbebett seines Vaters in Bayern, als ihn der Anruf aus Berlin erreichte. Dem Lokal ging es auch nicht besonders. »Es ist keiner mehr da. Alle weg. Was sollen wir machen?« Udo war müde. Er überlegte nicht lange: »Stellt die Aschenbecher wieder hin. Ist doch eh egal!«

Jetzt hat Udo Wagner mehr Gäste als zuvor. Erst sind sie ins nahegelegene Turandot abgewandert, wo das Rauchen weiter erlaubt war. Aber als die Aschenbecher wieder ordnungsgemäß auf ihren Plätzen standen, sind sie zurückgekommen. Und die Gäste vom Matto noch dazu. Denn Hansi« hat dieses Theater mit den Nichtraucherkneipen erst gar nicht angefangen. Der Wirt vom Matto hat gleich zugemacht. Eine Kneipe ohne Rauch ist wie ein Mann ohne Bauch. Und wo hätte er jetzt noch hingehen sollen nach dem Feierabend? Das war doch sein liebstes Ritual, nach der Arbeit in der eigenen Kneipe hinunter in den Heidelberger Krug zu gehen, sich eine Zigarre anzuzünden und bedienen zu lassen nach all dem Bedienen.

»Hansi« Scharbach ist zu lange im Geschäft. Er hat schon in den Siebzigern hinterm Tresen gestanden, da war die Luft so dick, daß man keine fünf Meter weit sah. Ein Gast erinnert sich noch deutlich, daß »jeder Zapfer, der etwas auf sich hielt, ne Kippe im Mundwinkel hatte.« Und wenn man rauchte, dann rauchte man ordentlich. »Nicht Camel oder Marlboro, sondern Rothändle, Gauloises, Schwarzen Krausen, Haschisch. Nicht irgendson blondes Kraut.« Auch in den vielen Kreuzberger Pizzalokalen qualmte es. Man rauchte immer und überall, in der Küche und im Gastzimmer, vor dem Essen, während des Essens und nach dem Essen.« Die Nichtraucher aber waren arme, einsame Geschöpfe ohne Zukunft. Wer dachte, der rauchte. Und wer nicht rauchte, war verdächtig.

Auch ein Stück weiter den Berg hinunter, an der Bergmannstraße und am Marheinekeplatz, haben es einige Kneipiers mit dem Nichtrauchen probiert. Die meisten haben es gleich wieder aufgegeben. Selbst der Wirt der Enoteca Bacco – sonst »ein Mann, ein Wort« – und übrigens einer, der schon vor Jahren einen ersten Schritt in die vermeintliche Richtung unternahm und zumindest eine Zigarettenmarke in seinem Lokal verbot: Marlboro. Aus politischen Motiven! – mußte dieses Mal sein Wort revidieren. Als ein täglicher Stammgast eines späten Nachmittags die menschenleere Enoteca betrat, sagte die traurige Frauenstimme hinter dem Tresen: »Schön, daß Sie da sind. Außer meinen Eltern war heute nämlich noch gar niemand hier!« Es soll in der Enoteca, sonst ein Ort ganztägiger quirliger Gespräche, mitunter »so still gewesen sein wie in einer Bibliothek«.

Gegenüber aber, im Felix Austria, warb der Gastronom erfolgreich mit seinem eigens eingerichteten Raucherzimmer. Doch nicht alle Wirte, die den Auflagen des Gesetzgebers folgten, wurden glücklich. Einer von jenen, die ein Raucherzimmer einrichteten, beklagte sich schon bald darüber, daß der große Schankraum nun völlig verödete, da alle, auch die Nichtraucher, ins Raucherzimmer drängten. Selbst Olaf Dähmlow vom Yorckschlösschen wurde mit der Zeit nervös.

Während er in seinem monatlichen Newsletter vom Januar seine Gäste noch gutgelaunt und mit feiner Ironie »aus dem Luftkurort Yorckschlösschen« grüßte, beklagte er im nächsten Brief bereits das erste Opfer der Gesundheitspolitik: den Großbeerenkeller, der das Zeitliche gesegnet hatte. Dähmlow klagte an: »Für jede bedrohte Froschart wird nötigenfalls eine Autobahnbrücke gebaut«, aber die Wirte werden zum Abschuß freigegeben.

Tatsächlich machten sich im Februar die ersten Gastronomen ernsthaft Sorgen um die Existenz, und im März schrieb Dähmlow bereits von »ideologischer Käfighaltung«, indiskutabler Bevormundung des Bürgers
und der Bedrohung eines »sozialen Lebensraumes«. Einige Zeilen später war er auf dem Höhepunkt seiner Wut angelangt: »Es geht um einen Verlust an Freiheit (…) Wir haben niemanden zum Rauchen gezwungen – nein, auch nicht zum Passivrauchen. Alles war freiwillig. Wer gesund leben will, hat wirklich alle Möglichkeiten dazu.«

Die Wut des Wirts ist verständlich. Hat er doch eigens ein Raucherzelt eingerichtet. Eine Art hermetisch schließender Schleuse eingebaut, bestehend aus einer Doppeltür und einem zusätzlichen schweren Vorhang. Als handele es sich um Asbest oder Uran, nicht um Zigarettenrauch. Er hat Heizpilze im Raucherzelt aufgestellt, eine Yukkapalme und eine Stehlampe dazu, damit es wenigstens ein bißchen so aussieht wie drinnen. Er hat sich sogar selbst zum Rauchen unter die Gäste im Zelt gestellt. Er hat alles Mögliche getan, um den neuen Bestimmungen gerecht zu werden.

Und anfangs sah es auch gar nicht so schlecht aus. Als gleich am ersten Abend nach Inkrafttreten der neuen Verordnung eine Reporterin vom Radio ins Schlösschen kam und Gäste und Wirt nach dem Befinden fragte, da schienen alle noch halbwegs zufrieden. »Wir haben das Rauchen überlebt, da werden wir auch das Nichtrauchen überleben!«, meinte einer der Ausgesetzten. »Hier sind die Guten!«, meinte ein anderer, »Drinnen sind die Langweiler!« Es schien, als fühlten sich die Raucher wieder als eine verschworene Gemeinde, als täten sie nach vielen Jahren endlich wieder einmal etwas Verbotenes. Doch mit der Zeit wurde das Zelt immer leerer, und die wenigen Raucher, die blieben, kamen sich allmählich wie die letzten Exemplare einer dem Untergang geweihten Spezies vor. Im Klarsichtzelt beobachtet von den neugierig-mitleidigen Blicken der Passanten.

Inzwischen hat auch Olaf Dähmlow vom Yorckschlösschen das Nichtrauchen wieder aufgegeben. Nur während der Konzerte stehen die Unverbesserlichen noch im Raucherzelt und beobachten die Musiker durch die Glasscheibe. Wie aus weiter Ferne klingt die Mundharmonika herüber, so flach, als käme sie aus einem Kassettenrekorder.

Selten wurden diejenigen, die sich an das Gesetz hielten, so hart gestraft. Selten war des einen Glück so sehr des anderen Leid. Denn schon der Wirt von Nebenan kann lachen. Da ist es nun auch ohne Fußball immer voll. Da hat man die Aschenbecher gar nicht erst beiseite geräumt. »Wir rauchen, bis der Arzt kommt«, sagt Thomas Schwan und klopft sich auf die Brust. Einen Herzinfarkt hat er schon überstanden. Und »außerdem komme ich aus Rheinland-Pfalz, und da gibt es kein Rauchverbot!«

Das Rat Pack gehört zu jener Nachbarschaft, die den Wirt vom Schlösschen einen Teil der Kundschaft kostete. Das wurmt ihn, doch kann er seinen Kollegen keinen Vorwurf machen. Er hat am eigenen Leib erfahren, welch bedrohliche Folgen das Nichtrauchen hat. Daß es um die Existenz geht. Nicht nur die der Wirte, sondern auch die all der anderen mit den Kneipen verbundenen Arbeitsplätze. Schon jetzt klagen Getränkegroßhandel und Brauereien über einen starken Rückgang bei ihren Bestellungen. Das sind untrügliche Zeichen. Das sind Fakten. Das Kneipensterben hat schon begonnen. Kreuzberg könnte sein Gesicht verlieren.

Das wirkliche Ausmaß der Zerstörung wird erst im Winter sichtbar werden. Den Zeitpunkt für die Einführung des Verbotes hatten die Gesetzgeber gut gewählt: Auch wenn der Sommer verregnet sein sollte, werden die Fußballeuropameisterschaft und die Olympiade für einen gesteigerten Umsatz in den Kreuzberger Kneipen sorgen. Dann aber könnte das Ende nahen. Der Winter 2008/2009 könnte für die Berliner Kneipiers der härteste werden seit ’45. Es sei denn, die Vernunft kehrt ein und das Volksbegehren hat Erfolg.


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