Kreuzberger Chronik
Mai 2008 - Ausgabe 97

Straßen

Die Geibelstraße


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von Werner von Westhafen

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Schon die Ahnen des Emanuel Geibel nannten ihre Schankwirtschaft »Zur Lilie«. Viele Jahre später sollte der Enkel der Wirtsleute die enge Verbindung von Wein und Poesie noch einmal deutlich machen, indem er schrieb: »Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!« Und noch später, als Emanuel Geibel in Bayern und bereits berühmt war wie kein anderer Dichter seiner Zeit, schrieb er von der »democratisierenden Macht des Gerstensaftes«.

Auch der Vater von Emanuel hatte Gespür für das passende Wort. »Dicht an dicht« lauschten die Schäfchen den Worten ihres Predigers, wobei sich »die herzergreifenden Worte« nicht selten »in Tränenergüsse hineinsteigerten«, was jedoch bei der Zuhörerschaft keinen Spott, sondern »höchste Rührung hervorrief«.

Emanuel war das siebte von acht Kindern und wollte stets der Räuberhauptmann sein. Tatsächlich akzeptierten die Spielkameraden den »blauäugigen, braunhaarigen, stämmigen« Jungen als ihren Führer. Später zog er sich »mit entwendetem Buch« zum Lesen in die Dachstube zurück, wo er »zwischen die Dächer geklemmt (…) entzückt Schillers Tragödien las«. Schon bald »fügten sich im erregten Gemüt freiwillig die Reime, (…) nichts war Mühe daran.« Brav das Klischee des Dichters bedienend schreibt er auf der Höhe des Ruhmes, wie er, »ein träumerisch Kind, dämmernde Jahre des Glücks« verlebte.

Auch auf dem Katharinen-Gymnasium spricht Geibel, lässig an die Säule des Unterrichtssaales gelehnt, fließend in Versen. Die Lehrer erkennen das Talent, doch schenken sie ihm kaum Beachtung, um in dem unbescheidenen Pastorensohn »keine Selbstüberschätzung hervorzurufen«. Geibel aber schmiedet weiter an seinen Versen und seiner Karriere. Gemeinsam mit dem alten Räuberfreund Ferdinand Röse gründet er einen poetischen Verein und schickt ein gemeinsam verfaßtes Poem – wenn auch unter einem Pseudonym – an keinen Geringeren als Adalbert von Chamisso, der es 1833 in seinem »Musenalmanach« veröffentlicht. Auch das erste »wirkliche Gedicht Geibels« erscheint im »Musenalmanach«, doch da stehen schon die Kritiker bereit, dem jungen Mann den Wind aus den Segeln zu nehmen: »Emanuel Geibel, ein unbekannter Anfänger, der gleich in seinem ersten Gedichte den Dichter besingt. Er nennt ihn König Dichter, und er wird wahrlich ein Leben lang dessen Unterthan bleiben.«

Schnell spalten sich die Geister an der eingängigen, seichten Kost, die Geibel fürs Volk dichtet. Es ist kein Wunder, daß er neben Goethe und Hölderlin völlig in Vergessenheit geraten ist. Sogar die Freunde beklagten, daß seine Gedichte »weder kalt noch warm machen«. Bisweilen antwortete der Gekränkte den »Eseln und Rezensenten« in kleinen Gedichtchen: »Ich hört einmal ein Brüllen groß / Schon dacht ich, himmlischer Vater! / Das ist ein Leu! Doch fand ich bloß / Einen ganz gewöhnlichen Kater.« Und erntet Beifall. Der Humor ist einer der Vorzüge des Romantikers, und oft auch dessen Rettung.

In jener Zeit, als das erste Gedicht erscheint, taucht auch die erste Liebe in den Gassen Lübecks auf, ein Mädchen mit »reizendem Gange« in einem »grauen, blauseiden gefütterten Mantel«. Eines Abends besucht er sie, »die Lampe brannte einsam im Gemach, und am Fenster saß
auf erhöhtem Tritt das Mädchen und wickelte Garn ab«. Augenblicklich loderte in seiner »Brust die erste Liebe in voller Glut empor, um nie wieder zu erlöschen.« Doch schon wenig später geht Geibel nach Berlin, der Erfolg winkt. »Der Abschied war so kalt«, schreibt Cäcilie in ihr Tagebuch, »er brach mir das Herz«.

In Berlin wohnt der junge Student »zwei Treppen hoch, bei Witwe Busch« in der Französischen Straße, wird von Bettina von Arnim empfangen, die zu jener Zeit etwas zurückgezogen lebte, da sie Goethes Gemahlin als »Blutwurst« bezeichnet hatte. Sie verschaffte Geibel Kontakt zu Wilhelm Heinrich Häring, »einem kleinen, schnurrbärtigen Mann«, der unter dem Pseudonym Willibald Alexis ein Schriftstellerleben führte, und zu Eduard Hitzig, der ihn ins Café National Unter den Linden einführte, wo Kopisch, Häring, Hitzig und Chamisso ihre montäglichen Dichtersitzungen abhielten. In diesem Kreis war Griechenland ein ständiges Thema, Geibel begann, von Hellas zu träumen.

Als sich im Mai 1838 eine Gelegenheit bietet, reist der junge Student, der ständig eingeladen wird und dem es in Berlin »viel zu gut« geht – manchmal hatte er »fünf Engagements für denselben Abend« – nach Piräus, um eine Stelle als Hauslehrer bei einem russischen Diplomaten anzutreten. Er bezieht Quartier im noblen Kiffissia, gegenüber glitzert das Meer. Doch die Muse der Ägäis küßt den Dichter nicht. Die Kinder des Antonowitsch Katakazi sind schwierig, nur »Zank, Thierquälerei und Lüge sind ihre Lust«. Schon morgens weckten sie ihn mit Geschrei, selbst spät abends konnte er keine friedliche Pfeife mehr rauchen, es blieben ihm nur die »einsamen Stunden der Nacht«, um ein wenig »zu träumen und zu dichten«.

Dennoch kehrt Geibel 1840 mit einem Siegerlächeln heim. Auf der Straße spaziert er leise summend mit dem Fez auf dem Kopf, am Fenster sitzt er mit einer orientalischen Wasserpfeife, weshalb die Lübecker den Dichter in »amtsloser Untätigkeit« bald als das schwarze Schaf ihres geliebten Predigers verpönen. Geibel indessen dichtet: »Und wär ich der Herrgott, so ließ ich auf Erden, zu Dornen und Disteln die Klatschzungen werden«. Und wendet sich dem Wein und den Blumen zu. Politisch bezog er selten Position. Als 1870 die Franzosen drohen, schreibt er: »Empor, mein Volk! Das Schwert zur Hand!« Als aber 1848 in Berlin das Volk aufsteht, mahnt er den Kollegen Georg Herwegh, der sich hinter das Proletariat stellt: »Tu Dein Schwert an seinen Ort/ wie Petrus tat, als er gesündigt.« Zwar beteuert Geibel, »nicht um die Gunst« des Königs zu werben, doch verschreibt ihm Friedrich Wilhelm IV. eine stattliche Pension. Geibels Freund, der Dichter Freiligrath dagegen, der zu den Revolutionären überläuft, verliert sie.

Bald ist Geibel auch im Ausland ein gerngesehener Gast und reist nach Wien, Karlsbad, Bad Gastein und München, erhält auch in Bayern eine ansehnliche Pension und verändert den Wohnsitz. Als 1868 der König von Bayern stirbt, schreibt Geibel eine Hymne »An den König Wilhelm von Preußen«. Daraufhin kündigen die Bayern dem Dichter, König Wilhelm dagegen bot 1.000 Taler Pension im Jahr.

Geibel starb nicht arm, doch verlassen. Cäcilie, seine große, wenn auch unerfüllte Liebe, schrieb 1882 in ihr Tagebuch: »Die Zeit entflieht, das Leben geht seinen holprigen Weg« und verschied kurz darauf. Auch die 18 Jahre jüngere Schülerin, der er einst in Travemünde verträumt beim Baden zusah, und die er später ehelichte, verstarb zwei Jahre nach der Heirat. Allein die Tochter saß an seinem Bett, als er »seinen letzten Seufzer« aushauchte.

Literaturnachweis – Christine Göhler: Emmanuel Geibel, Ein Lebensbild in Selbstzeugnissen und Berichten seiner Freunde, Sventana Verlag, 1992

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