Kreuzberger Chronik
Mai 2008 - Ausgabe 97

Das Essen

Pita bei Olga


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von Jörg Armbruster

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Da ist ja so viel drin wie in Griechenland!« Der Mann ist ganz begeistert. Er reißt den Mund auf wie ein gieriger Löwe und schlägt die Zähne in die Pita. Der Genuß verdreht ihm beinahe die Augen. Noch mit vollem Munde setzt er die Hymne fort. »Und es schmeckt sogar so wie in Griechenland!« Der Mann auf dem Nebenstuhl sieht kurz zu seinem Nachbarn. Es scheint, als wolle er etwas sagen, aber da öffnet der Pita-Esser erneut den Mund. »Sone Teigfladen, das ist doch ganz was anderes als diese aufgewärmten Brote beim Döner. Die sind echt wie in Griechenland. Überhaupt finde ich das hier wie in Griechenland.«

Es ist nicht ganz klar, zu wem der Gyros-Esser bei Olgas Feinkost spricht. Spricht er zu sich selbst, wie es unter Kreuzbergern weit verbreitet ist? Spricht er zu dem Mann am Grill, der ständig Fleisch schneidet, Teigfladen anröstet, Tomaten, Zwiebeln, Tsatsiki in die zusammengerollten Teigfladen füllt? Vielleicht zu der jungen Frau mit den schwarzen Augen?

»Naja, die Markthallen sehen da aber ein bißchen anders aus!«, meint der Herr vom Nebenstuhl, der gerade sein Mousaka bestellt hat. »Da hängen am Nachbarstand noch die toten Tiere, und zwischen den Füßen laufen einem die Ratten durch.«

»Sie finden also die neue Halle schöner als die alte?«, fragt der begeisterte Pita-Esser und schaut seinen Nachbarn an. Er beginnt, den Kiefer etwas schneller zu bewegen, und während ihm noch ein letztes Salatblättchen aus dem Mundwinkel hängt, sagt er: »Also, mir ist das hier zu steril. Mir hats vorher besser gefallen!«

»Naja!«, antwortet der Anzugträger neben ihm, »die Geschmäcker sind halt verschieden. Dem einen gefällt dies, dem andern das.«

»Unsinn!«, ereifert sich der begeisterte Pita-Liebhaber. »Wem so etwas nicht schmeckt, der hat gar keinen Geschmack. Der ist kein Mensch mehr. Und da ist es völlig egal, ob die Markthalle nun schön geworden ist oder nicht. Wenn Sie hier stehen, die Augen zumachen und ein Glas Retsina bestellen und in so eine Pita reinbeißen, dann rauscht hinter Ihnen das Meer, dann duften die Orangenbäume.«

»Sie sind wohl ein Poet, was?« - »Ich bin ein Pita-Fan. Und so ne Pita gibt’s fast nirgends in der Stadt. Als ich in Griechenland war, da hab ich mich jeden Tag von Pita ernährt, morgens, mittags und abends. Und ich lebe immer noch! Probieren Sie das mal mit Currywürsten, mein Herr, und ich sage Ihnen, Sie werden kein Jahr älter!«

»Jaja, nun beruhigen Sie sich mal!«, sagte der Anzugträger. »Sie haben ja recht. Die Pita hier ist ausgezeichnet. Aber haben Sie schon mal das Mousaka probiert? Oder das Pastitio? Oder die Paputzakia? Es gibt doch hier nicht nur Souflaki oder Gyros in der Pita, hier gibt’s doch lauter solche halluzinogenen Speisen. Sie brauchen nur die Nase darüber zu halten, und schon sind Sie auf Naxos, Thassos, Andros …«

Der Pitafan hatte aufgegessen, putzte sich die Mundwinkel mit der Serviette ab, sah nun schon wesentlich freundlicher aus und sagte: »Ich dachte schon, Sie wollten etwas gegen die Pita sagen.« - »Ach, wo denken Sie denn hin.« Dann wandte sich der Anzugträger an den Mann am Grill. »Ella, Kosta! Mach uns doch bitte noch zwei Pita. Auf meine Rechnung.« Dann drehte er sich wieder zum Stuhlnachbarn: »Trinken Sie noch ein Glas Retsina mit?«
Eigentlich hatten die beiden Männer nur eine Mittagspause in der Halle machen wollen. Es wurde Abend, bis sie die Halle verließen.

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