Kreuzberger Chronik
März 2008 - Ausgabe 95

Essen, Trinken, Rauchen

Die Familie vom Café Condé


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von Saskia Vogel

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Der Wintergarten des Café Condé ist ein gläsernes Windlicht am stürmischen Paul-Lincke-Ufer. Eine Armee von Teelichtern glänzt bis auf das nasse Trottoir und weist dem einsamen Wanderer den Weg – doch in der Winterzeit meist am Café vorbei. Dann lebt der Laden in autistischer Zurückgezogenheit und läßt nur eine Handvoll Mitarbeiter und engste Freunde herein, die den ganzen Tag dem Mädchen aus der »Kuchenschicht« zusehen, wie es ihnen Schinkenbagels zum Selbstkostenpreis bereitet.
Am ersten Januar, als das Rauchverbot in Kraft trat, brach für die Condé-Rebellen allerdings kurzfristig eine neue Ära an. »Hier wurde immer geraucht, und dabei bleibt’s«, verkündete Tom und knallte die Aschenbecher wieder auf die drei Tische. Wenige Minuten später stürmte eine völlig aufgelöste Frau in den Laden, und das Serviermädchen überlegte, ob sie sich vielleicht den Daumen abgesäbelt haben könnte.

Es handelte sich jedoch um eine hoffnungslos Vertriebene, die endlich am Ort ihrer Erfüllung angekommen war und atemlos »Herrlich, bei Euch …!« rief, bevor ihr fahler Teint im Dampf verschwand. Das Serviermädchen kassierte 2 Euro Trinkgeld und stellte daraufhin einen vollen Aschenbecher als Köder vor die Tür. Und tatsächlich, kurz darauf war es voll im Café Condé. Und dem Serviermädchen trieb es Tränen der Rührung in die Augen.

Früher hieß das Café Condé noch Café Atlantis, und auf dem Stempel, den das Serviermädchen den Zeitungslieferanten auf ihre Quittungen drückt, heißt es immer noch so. Aber irgendwann wurde das Atlantis verkauft, neu gestrichen und mit einem taz-Abo ausgestattet. Der Wintergarten mutierte zu einer Art Kiez-Wohnzimmer mit Sessellounge. Hier läßt jeden Morgen ein alter türkischer Mann die Gebetskette durch seine furchigen Hände gleiten. Das Ritual zwischen ihm und dem Serviermädchen ist immer das gleiche. Sie bringt ihm einen Espresso, er gibt ihr eine Münze. Der Mann bleibt lange. Aber er will kein Gespräch, und das Condé bietet ihm kein Gespräch.

Ist das Wohnzimmer einsam und verlassen, streckt sich das Serviermädchen hier gerne selber aus, um eine Runde zu meditieren, die vereisten Schwäne auf dem Wasser zu beobachten und dann wieder mit ihrem Tablett, vollbeladen mit Gewürztee und noch mehr Teelichtern, ihre Runde durch den süßlichen Zigarettendampf zu ziehen, den die orientalischen Raucher im Hinterzimmer verbreiten. Das Serviermädchen fühlt sich dann wie das »Mädchen mit den Streichhölzern« aus Andersens Märchen, das heiliges Licht in alle Ecken verteilt.

Es herrscht eine familiäre Atmosphäre im Café Condé. Auch die zwei Studentinnen, die gerade ihre Bionade trinken, fühlen sich heimisch. Als das Serviermädchen vorbeischaut, um für Konsum zu sorgen, hört es die gleiche Antwort wie immer: »Och nööö… oder willst du etwa noch was bestellen, Esther?« Aber Esther wühlt sich noch tiefer in die krümeligen Filzdecken und knurrt ablehnend. Doch dann haben die Damen doch noch einen Wunsch: Man könnte den Gasofen noch ein bißchen aufdrehen. Es sei etwas zugig. Na klar doch, sagt das Serviermädel, und dreht den Gashahn bis zum Anschlag auf. Schließlich haben Esther und das Mäuschen für 3,60 Euro konsumiert. Aber schließlich geht es im Café Condé eh nicht ums große Geld. Die hier arbeiten, leben von einem Puppenhäuschen-Lohn. Dafür gibt es Kickerpausen während der Schichten und »Arbeiten auf Vertrauensbasis«. Und das Wohnzimmer, in dem man sich ausstrecken kann, wenn keiner da ist. Einen Opa, der immer nur Kaffee trinkt. Volle Aschenbecher. Eben alles, was dazugehört zu so einem richtigen Familienleben.

Saskia Vogel

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