Kreuzberger Chronik
März 2008 - Ausgabe 95

Straßen

Die Barthsche Promenade


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von Werner von Westhafen

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Es war das Jahr 1928, als Erwin Barth gemeinsam mit dem Kreuzberger Bezirksgartendirektor den Plan für einen Sportplatz und die angrenzenden Grünanlagen zwischen der Katzbachstraße und dem Schultheißbrauerei auf dem Kreuzberg vorlegte. Nach diesem Plan entstand ein an der Brauerei entlangführender, den Viktoriapark mit der damaligen Dreibundstraße und heutigen Dudenstraße verbindender Weg. Sowohl der von Pappeln gesäumte Weg mit der Boulebahn als auch das Katzbachstadion stehen bis heute.

Daß ausgerechnet eine der gerade entstandenen Privatstraßen zwischen den neuen Townhouses und Eigentumswohnungen des Viktoriaquartiers nach dem Gartenarchitekten Erwin Barth benannt wurde, ist pure Ironie. Denn die Baywobau, die das einst lichte Ensemble historischer Bauten auf dem Brauereigelände aus einem Insolvenzverfahren zu einem Spottpreis erwarb, schafft zwischen den Neubauten am Park nur wenige und nur private Rasenflächen. Nicht einmal den großen Weingarten unter dem Denkmal haben die neuen Besitzer der alten Brauerei für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Erwin Barth aber war einer der wichtigsten Vertreter der Volksparkbewegung. Er plädierte für öffentliche, der Allgemeinheit zugängliche Parkanlagen, und wollte für die Bürger der immer größer und immer schmutziger werdenden Großstadt Orte der Erholung schaffen. Schon bei der Gründung »Großberlins« durch den Zusammenschluß kleinerer Gemeinden war den Städteplanern die Bedeutung von Grünflächen »zur Erhaltung der Gesundheit und der Lebensqualität« bewußt. Hundert Jahre später ist der Baywobau mit ihrem Firmensitz im Luftkurort Bayern die Berliner Luft wieder ziemlich egal. Schließlich knabbern nicht nur bayrische Investoren an den Rändern jener Freiflächen, die der Generalfreiflächenplan aus dem Jahre 1929 erst schuf. Die Berechnungsgrundlagen dazu stammten noch aus der vierzehn Jahre alten Dissertation des Stadtrates Martin Wagner, die ein »großes Verbundsystem von Wäldern, Heiden, Rieselfeldern, Wiesengründen und Parks« vorsah, sowie von Kleingartenanlagen, Friedhöfen, »Flußtälern und begrünten Wasserläufen (…) unter weitgehender Berücksichtigung natürlicher Gegebenheiten.« Bis heute prägen diese grünen Adern das Stadtbild Berlins, noch immer ist es möglich, die halbe Stadt auf Parkwegen zu durchqueren.

Zwischen 1926 und 1929 hatte der engagierte Stadtgartendirektor Erwin Barth maßgeblichen Anteil an der Umsetzung dieser Pläne. Bereits in seiner Heimatstadt Lübeck, wo Barth als Gärtnerlehrling begonnen hatte, konnte der junge Gartenarchitekt später als Leiter des Gartenamtes auf sich aufmerksam machen. Zahlreiche Parkanlagen, in denen Barth »Nützliches und Schönes« miteinander zu verbinden versuchte, tragen Barths Handschrift.

Auch in Berlin begann Barth nach seinem Antritt als Stadtgartendirektor von Charlottenburg im Jahr 1912, dem Stadtbild seinen Stempel aufzudrücken. Unter seiner Feder entstanden innerhalb weniger Jahre eine ganze Reihe neuer Plätze und Parkanlagen, unter anderem, der Mierendorffplatz, der Wittenbergplatz, der Brixplatz, der Savignyplatz, der Lietzenseepark oder der Volkspark Jungfernheide. Der mit Abstand schönste Park ist ein Spätwerk des Gartenvisionärs: Die Weddinger Rehberge mit ihren sanften Hügeln, Wiesen und Wäldchen, mit der Rodelbahn, dem Sportplatz, den großen Tiergehegen gleich neben der Kleingartenanlage, durch die der Weg immer weiter führt bis in den Tegeler Forst und auf die Wiesen vor der Stadt.

Ebenfalls um diese Zeit entstanden auch die Grünanlagen am Luisenstädtischen Kanal, sowie der Oranienplatz. Erwin Barth hatte sich dagegen gewehrt, den alten Kanal mit dem Aushub der U-Bahn-Baustelle wieder aufzufüllen. Er träumte von einer Parkanlage auf dem Grund des Flußbettes, geschützt vor Wind und Wetter durch die Befestigungen des Kanals, von der Spree bis zum Urbanhafen. Sie sollte in zehn einzelne Parzellen unterteilt werden, drei davon den Kindern vorbehalten bleiben. Barth hatte Visionen von einem indischen Park und träumte von exotischen Tieren, tropischen Pflanzen und einem »von Palmen umstandenen Teich vor der Michaelkirche, gespeist aus den warmen Abwassern einer nahegelegenen Eisfabrik, in dessen Wasserspiegel sich die Kirchenkuppel spiegeln sollte wie das Taj-Mahal.« (Vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 63) Tatsächlich entstand am Ende neben einem Kinderspielplatz und einem Schwimmbad auch ein indischer Garten. Allerdings war dieser Garten wesentlich kleiner, als es sich der großzügig planende Barth vorgestellt hatte.

Auch der Brixplatz ist ein typisches Beispiel für die Gartenbaukunst Barths. Dort ist es ihm gelungen, die geschützte Senke einer alten Kiesgrube in eine brandenburgische Miniaturlandschaft zu verwandeln. Tatsächlich scheint sich in der Mulde ein Mikrokosmos mit eigenem Mikroklima zu entfalten: Es gibt Felsen, einen künstlichen Berg, Natursteinbrücken über kleine Wasserläufe, Wasserkaskaden und eine ganze Reihe kleiner Seen. Mehr als 300 verschiedene Kräuter fühlen sich im »Lehrgarten« der Kiesmulde wohl, und sogar vom Aussterben bedrohte Pflanzen blicken im Barth’schen Refugium wieder der Unsterblichkeit entgegen.

Doch es waren nicht die verträumten Entwürfe eines verspielten Gartenarchitekten, es waren ganz im Gegenteil realistische und zukunftsweisende Entwürfe, die Barths Arbeit auszeichneten. Er schuf »keine Schmuckgärten zum Lustwandeln, er schuf grüne Oasen – auch in dicht bebauten Teilen der Großstadt Berlin –, wo Kinder geschützte Freiräume und Erwachsene Orte der Erholung fanden.« Am nächsten kam er diesen Vorstellungen mit der Gestaltung der Jungfernheide und des Volksparks Rehberge.

Auch der Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf ist ein Werk Erwin Barths. Knapp vor der Gründung Groß-Berlins hatte die Gemeinde einen Architektur-Wettbewerb ausgerufen und zur Bedingung gemacht, daß der Entwurf »einfach und würdig« sei, und daß der »Eindruck einer öffentlichen Parkanlage vermieden« werde. Den ersten Preis mit dem Kennwort »Kein Park« gewann der Gartenbaudirektor Barth. Er hatte sich die Kriterien der Auftraggeber zu Herzen genommen und darüber hinaus die Anlage so eingerichtet, daß »sie späterhin auch dann noch einen würdigen Eindruck macht, wenn sie nur in denkbar einfachster Form unterhalten wird oder zum Teil sich selbst überlassen ist.« Schon wenige Jahre später begann der zweite Weltkrieg, tatsächlich war der Friedhof immer öfter sich selbst überlassen.

Als Barth mit der Arbeit am Waldfriedhof begann, dachte noch niemand daran, daß er selbst schon so bald hier liegen würde. 1933 nahm er sich das Leben. Barth war 53 Jahre alt, und ob ihn die Nazis in den Tod trieben, wie es heute viele zu belegen versuchen, oder ob es lediglich die Angst vor der drohenden Erblindung war, kann heute wohl niemand mehr genau beantworten.


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