Kreuzberger Chronik
Juni 2008 - Ausgabe 98

Das Gespräch

Über Haie, Ehen und andere Heldengeschichten


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von Armin Gronauer

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»Herr Korfmann, Sie hatten bereits zum einjährigen Jubiläum ihres Heftes eine Art Selbstporträt der Kreuzberger Chronik veröffentlicht. In der Nummer 50 stand ein Interview mit Ihnen. Jetzt wieder eines. Ist das nicht inflationär?«

»Ach, Herr Gronauer, wissen Sie: Seit ich das letzte Mal dran war, sind ja einige Jahre vergangen. Um genau zu sein: fünf!«

»Sie geben bald die 100. Kreuzberger Chronik heraus. Sind Sie stolz darauf?«

»Ein bißchen.«

»Warum?«

»Weil am Anfang niemand mitmachen wollte. Ich habe, weil ich kein Geld hatte, nach Leuten gesucht, die an diese Idee eines Kiezmagazins glauben und mitmachen. Ich habe niemanden gefunden. Und alle, die ich fragte, haben mir abgeraten. Alle Profis schüttelten den Kopf. Inzwischen ist die Friedrichshainer Chronik, das Tempelhofer Journal, ein gleichformatiges Heft in Wilmersdorf, eines in Schöneberg und eines in Prenzlauer Berg erschienen. Alle mit einem Plan in der Mitte, mit Anzeigen auf der rechten und mit einem Porträt auf der Titelseite. Es haben inzwischen so viele versucht, in unserem Fahrwasser mitzuschwimmen, daß man da gar nicht anders kann als an der Reling zu stehen und lächelnd auf diese gierige Meute zu blicken.«

»Sie sind nicht nur ein bißchen, Sie sind sehr stolz!«

»Ach, wissen Sie: Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten, zu reagieren, wenn Sie eine Idee hatten, die dann überall imitiert wird. Entweder Sie ärgern sich, weil Sie immer noch von der Hand in den Mund leben und sich abrakkern wie ein Idiot, anstatt ein Franchising-Unternehmen aufzumachen und irgendwo mit verschränkten Armen am Meer zu sitzen. Oder Sie lachen drüber. Beim ersten Mal hab ich mich noch geärgert, als die in Tempelhof das nachmachten. Oder als mich alle anrempelten und meinten, ich sei ja nun schon ein Großunternehmer mit dieser Friedrichshainer Chronik, ich solle mal ein Bier ausgeben. Aber dann habe ich mich fürs Lachen entschieden.«

»Die Friedrichshainer sieht ja auch wirklich genauso aus wie die Kreuzberger.« »Sie wird ja auch von den gleichen Leuten gesetzt. (Anm. der Setzer: … und wir werden mit der Friedrichshainer Chronik auch weiter auf Kurs bleiben.) Das war abgesprochen. Aber sie wird nicht von den gleichen Leuten geschrieben, das sind zwei getrennte Geschichten. Und ich habe keinen Cent daran verdient, wollte ich auch nicht.«

»Und dann ist da noch Kiez & Kneipe. Das muß sie doch geärgert haben, als die in einer ihrer Ausgaben vom »Koofmann« schrieben?«

»Also, ganz im Ernst: Beim »Koofmann« habe ich gekichert. Ich mag kindische Witze. (Anm. der Setzer: Wir auch!) Aber »Kreuzberger Kolik« gefiel mir schon weniger. (Anm. d. Setzer: Dito!) Und als sie dann unseren wirklich witzigen Beitrag über die Spitznamenkultur in den Siebzigern als »Aufgußartikel« bezeichneten, da hatte zumindest der Autor, der als Friedrich Müller-Mondschein unterzeichnete, bei mir verspielt.«

»Bei Kiez & Kneipe ist Ihnen also dann das Lachen doch vergangen?«

»Naja, anfangs waren die mir egal. Aber das änderte sich, als ich mitbekam, daß die gezielt bei unseren Inserenten vorbeigegangen sind und versucht haben, sie abzuwerben, mit Sprüchen wie: »Die schreiben doch nur Heldengeschichten, das ist doch kein Journalismus«. (Anm. der Setzer: Besser »Heldengeschichten« von kleinen Leuten als Penetranz und Anbiederung) Und als mir Helmut Hahne, der Besitzer der Enoteca Bacco, erzählte, daß der Typ schon dreimal bei ihm war, da fand ich sie schon ziemlich aufdringlich. Das ist nicht mein Stil. Das ist Staubsaugervertretermentalität.«

»Und wie haben Sie reagiert.«

»Ich hab mir dann auch ein Blättchen von denen geschnappt und nachgesehen, wer da so inseriert. Ich dachte mir: Was ihr könnt, kann ich auch! Aber schon bei der dritten Telefonnummer, die ich wähle, fängt die Frau an zu lachen und fragt mich: Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie sprechen? Ich mache die Anzeigenakquise für ›Kiez & Kneipe‹. Das war peinlich, ich hab’s dann bleiben lassen.«

»Sie ignorieren die Konkurrenz!«

»Soweit es geht. Aber manchmal geht es nicht. Da hatte ich mal jemanden am Telefon, der wollte unsere Preisliste haben. Einige Tage später rief er wieder an und fragte, ob ich ihm einige Hefte zuschicken könne. Nach und nach stellte sich heraus, daß er schon »bei einem anderen Kiezblättchen« die Akquise gemacht hatte und jetzt für uns arbeiten wolle. Ich weiß nicht genau, welches Blättchen das war, auf jeden Fall versuchte ich ihm zu erklären, daß ich niemanden zu einer Anzeigenschaltung überreden möchte. Darauf versuchte er mich eine Viertelstunde lang von den Vorzügen professioneller Akquise zu überzeugen. (Anm. der Setzer: Versicherungsfritzen und Telefonfutzis nerven schon genug!) Am Ende sagte ich: Sehen Sie, jetzt machen Sie genau das, was ich nicht möchte: Sie versuchen, mich zu überreden.«

»Stimmt es, daß immer wieder Geschäfte bei Ihnen anrufen und eine Anzeige schalten wollen, unter der Bedingung, daß dann auch ein redaktioneller Beitrag in dem Heft erscheint?«

»Das stimmt. Und wir sind wahrscheinlich die einzigen, die so blöd sind, das abzulehnen. Allerdings nehmen wir uns inzwischen die Freiheit, auch über Geschäfte, Leute oder Kneipen zu berichten, die bei uns inserieren, wenn die Geschichten interessant sind. Früher haben wir sogar das vermieden, nur weil der Mann oder die Frau zufällig bei uns inserierte.«

»Das grenzt an Dummheit!« (Anm. der Setzer: Nicht alles ist dumm, was dumm erscheint – Konfuzius) »Ja, genau. Tip, zitty, Tagesspiegel, alle machen es so. Ganz zu schweigen von der lokalen Konkurrenz.« »Bitte nicht schon wieder die lokale Konkurrenz! Können Sie eigentlich leben von diesem Heft?« »Zum Teil. So wie auch all die anderen, die hier mitmachen. Es ist wie in Amerika: Man braucht mehrere Jobs zum Sattwerden.«

»Meckern ihre Mitarbeiter über die schlechten Honorare?«

»Selten. Wir zahlen ja fast schon so viel die taz

»Machen Sie sich auch so viele Feinde wie die taz

»Nein, das schaffen wir nie. Die taz ist genial in ihrer Frechheit. Doch die taz kann sich auch mal ein Gerichtsverfahren leisten. Wir nicht. Aber wir haben schon Morddrohungen erhalten. Auch der Innensenator Werthebach war furchtbar böse, und sogar einer unserer friedliebenden Bürgermeister drohte bereits einmal mit dem Anwalt, und ein ausländischer Investor...«

»Aber Sie bringen doch nur Heldengeschichten!«

»Das stimmt ja eben nicht ganz. Auf unseren Kommentar zur Schließung von Tempelhof haben wir auch so einige Anrufe und Mails erhalten. Und unser Beitrag über den Aufkauf von Riehmers Hofgarten durch irische Investoren ist auch nicht unbedingt auf eine freundliche Aufnahme bei den Englischsprachigen gestoßen. Die haben sich das fein säuberlich übersetzen lassen und sicherlich ihrem Anwalt vorgelegt.« (Anm. der Setzer: Es gibt genug zu tun in Kreuzberg! Packen wir es an und überlassen unsere Wohnungen, Straßen und Plätze nicht dem Kapital.)

»Sie sprechen immer von »Wir«. Es geht ja die Mähr um, daß Sie alles selbst schreiben. Unter verschiedensten Pseudonymen. Sogar weibliche sollen darunter sein …«

»Das ist doch Unsinn. Stellen Sie sich vor, ich hätte diese 98 Hefte alle selbst geschrieben. Das wäre ja furchtbar langweilig.« »Aber in der Berliner Zeitung stand, daß der Autor Michael Unfried mit Ihnen identisch sei...«

»Was diese Zeitungen so alles schreiben!«

»Aber der Werner von Westhafen, das ist ja ein Pseudonym, das haben Sie ja schon zugegeben. Und wenn nun jemand anruft und sagt, er möchte von Westhafen sprechen?«

»Naja, meistens ist das ja nur jemand, der sich über eine falsche Jahreszahl beschweren möchte. Von Westhafen macht ja immer diese historischen Geschichten. Und dann sage ich halt, daß von Westhafen nicht im Hause ist. Was ja irgendwie auch stimmt.«

»Und dann?«

»Die meisten lassen es auf sich beruhen. Aber einer war hartnäckig. Ich habe ihm also gesagt, daß ich gut mit Werner befreundet bin, daß ich alles weiterleiten würde und daß er sich dann sicherlich melden würde. Aber er wollte ihn unbedingt persönlich sprechen.«

»Hat er es geschafft?«

»Nein, es war wirklich verflixt, von Westhafen war nie da!«

»Von Westhafen ist also das einzige Pseudonym?«

»Wir brauchen doch gar keine Pseudonyme mehr. Wir haben doch jetzt echte Autoren. Und ich muß sagen, daß ich stolz bin auf diese Autoren, die jetzt für uns schreiben: Waltraud Schwab, Saskia Vogel, Karl Hermann, Dr. Seltsam, – sogar Stephanie Jaeckel ist ab Juli wieder dabei. Und das sind lauter gute Leute, die sonst gutbezahlte Artikel schreiben und in der FAZ oder taz oder in teuren Magazinen veröffentlichen. Sie machen mit aus Sympathie, das finde ich toll. Das ist ein Riesenkompliment für die Kreuzberger Chronik

»Sie trennen sich mit diesem Heft von den Graphikern, die die Kreuzberger Chronik entworfen und 98 Nummern lang gesetzt haben. Schmerzt Sie das?«

»Ein bißchen schon. Sie waren gut. Sehr gut. Aber nach zehn Jahren war es irgendwann wie in einer zu alten Ehe.« (Anm. der Setzer: Alte Ehen muß man manchmal auflösen, damit man wieder miteinander reden kann. Wir verabschieden uns in alter Freundschaft und Kampfeslust von Hans Korfmann und wünschen der Kreuzberger Chronik, daß sie weiterhin die gierige Meute zum Nachahmen reizt.)

»Was wird neu sein?«

»Gar nicht so viel eigentlich. Ich hätte schon Ideen gehabt für ganz etwas Neues. Aber die Kreuzberger nach der Midlifecrisis sind eben doch schon sehr konservativ. Darauf muß man Rücksicht nehmen, wenn man überleben will.«

»Sie haben schon in dem Interview mit Michael Unfried vor fünf Jahren gesagt, sie würden gerne eine Klatschspalte machen und die »Kiezgeflüster« nennen.«

»Wenn ich jemanden finde würde, der das macht! Aber es traut sich keiner. Schade, denn was gab es doch schon alles für Gerüchte: Von einer Cartbahn in der Markthalle, von Til Schweiger in der Yorck 59, von Chinesen, die den Flughafen Tempelhof kaufen wollten …«.

»Was macht Ihnen an der Kreuzberger Chronik am meisten Spaß?«

»Wenn mir der Mann, der unsere »Kataloge« ausfährt – er sagt immer Kataloge, weil er mal Kataloge verteilt hat –, erzählt, wie er wieder mal jemanden dabei erwischt hat, der ihm heimlich ein Heft aus der Kiste klaute. Oder wenn ihn jemand auf der Straße anhält und sagt: Sagen Sie Ihrem Chef mal, er soll so weitermachen. Dann denke ich mir, daß ich das eigentlich noch ein Jahr weitermachen könnte.«


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