Kreuzberger Chronik
Juni 2008 - Ausgabe 98

Straßen

Die Kreuzbergstraße


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von Hans W. Korfmann

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Als die Kreuzberger vor zehn Jahren die Nullnummer der Kreuzberger Chronik aufschlugen, da lasen sie auf den ersten beiden Seiten über eine Straße, die sich schon damals internationaler Berühmtheit erfreute. Doch sie lasen über einen staubigen Weg, der sich am nördlichen Rand der Tempelhofer Berge mit ihren Weinstöcken und Äckern befand, und an dem die Wirtschaft der Maurerstochter und frühen Witwe Marie Luise Bergemann lag, der Anfang des 20. Jahrhunderts noch alles Land südlich des Weges gehörte. Heute ist dieses Land ein unvorstellbares Vermögen.

99 Straßen und deren Namensgeber haben wir seit der Nullnummer auf den ersten beiden Seiten der Kreuzberger Chronik vorgestellt. Nur noch wenige, dann gehen uns die Straßen im Viertel aus. Eine von ihnen aber haben wir uns für den heutigen Tag aufgehoben. Es ist die Verlängerung jener Straße, mit der vor zehn Jahren alles begann, die Fortsetzung der Bergmannstraße:

Sie führt entlang des Viktoriaparks nach Westen, vorbei an jenem Hügel, auf dem einst der Tivoli mit seiner Achterbahn lag. Vorbei am Wasserfall, der vom Monument herabrauscht, vorbei an der letzten jener Villen und Landhäuschen, die einst vor den Toren der Stadt im Grünen lagen, vorbei am letzten Café gegenüber dem Viktoriapark, um dann mit einem kleinen Knick nach Süden abzuweichen und in die Monumentenstraße zu münden, die nach Schöneberg weiterführt. Es ist nur eine kurze, eine unspektakuläre Straße, aber sie trägt den Namen eines prominenten Berliner Kiezes: Es ist die Kreuzbergstraße.

Foto: Postkarte
Bildnachweis: Der Kreuzberg mit seinem neuen Denkmal, Gemälde von Johann Heinrich Hintze, 1892, »Edition Kreuzberger Ansichten«, Dieter Kramer Verlag.

Der Weg, der bereits im 16. Jahrhundert am Fuß der alten Weinberge entlangführte, trug einst den Namen »Weinmeisterweg«. Am 31. Juli 1862 benannte man ihn nach dem Hügel, der zuvor »Weinberg«, »Tempelhofer Berg« oder ganz einfach »Sandberg« hieß und bereits 1821 anläßlich der Einweihung des Denkmals für die Befreiungskriege seinen Namen erhielt, und dessen Spitze ein kleines, eisernes Kreuz trägt. Es war dem »Eisernen Kreuz« nachempfunden, das in den Kriegen gegen Napoleon als eine Auszeichnung für besondere Tapferkeit vergeben wurde. Errichtet wurde das Denkmal an jenem Ort, von dem aus die Berliner am 23. August 1813 mit Bangen die entscheidende, am Ende jedoch siegreiche Schlacht von Großbeeren vor den Toren ihrer Stadt mitverfolgen konnten. Auf der höchsten natürlichen Erhebung Berlins.

Der Kreuzberg mit dem Viktoriapark ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel, dessen Wiesen an sonnigen Sommertagen belebt sind wie kaum sonst eine Grünfläche in der Stadt, dessen Hänge im Winter von Kindern mit ihren Schlitten bevölkert, und dessen Gipfel in der Sylvesternacht von Menschenmassen erobert wird, die sich von der hohen Warte aus das Feuerwerk über Berlin ansehen, die Korken knallen und die Joints kreisen lassen.

Die letzte Villa am Berg
Doch wäre der Kreuzberg kein richtiger Berg, rankten sich nicht auch um seinen Gipfel Gerüchte und Geschichten aus uralten Zeiten. So brachte sich auch der Kreuzberg immer wieder ins Gespräch: Der Wein von den Hängen des Tempelhofer Berges soll, so schrieb man, in grauer Vorzeit eine Berühmtheit gewesen und in seinen besten Jahren sogar ins Ausland exportiert worden sein. In einer kühlen, schattigen Mulde am Sandhügel lag einst der Dustere Keller, eine Schenke, in der auf die Freiheit getrunken und in einer geschichtsträchtigen Stunde der »Deutsche Bund« gegen die Vorherrschaft der Franzosen gegründet wurde – mit dabei so berühmte Zeitgenossen wie der Turnvater Jahn, der Sänger und Dichter Ernst Moritz Arndt oder der blonde Karl Friedrich Friesen: Freiheitskämpfer, die einigen Straßen im Chamissokiez ihre Namen geliehen haben.

Später zog der Berliner Vergnügungspark am Hügel Tausende von Besuchern an, ebenso wie danach die Brauereien mit ihren Biergärten, die sich am sandigen Hügel ansiedelten und an den Wochenenden Schnapsleichen in den nächtlichen Gräben hinterließen. Eine Gruppe gutgelaunter Intellektueller brachte den Gipfel in die Schlagzeilen, als sie, ausgerüstet mit Pickeln und Seilen, als wollte man die Eigernordwand bezwingen, einen Aufstieg über den Wasserfall versuchte und nur noch durch einen Polizeieinsatz von ihrem Gipfelsturm abgehalten werden konnte. Ebenso wie der übermütige junge Revolutionär, der bei einer politischen Versammlung bis auf die Spitze des Denkmals geklettert war, um eine rote Fahne zu hissen.

Doch im Gegensatz zur weltberühmten Bergmannstraße kennt die Straße am Fuße des Kreuzbergs kaum jemand. Keine Postkarten, keine Souvenirgeschäfte, kein Parkplatz, keine Reisebusse – nichts deutet darauf hin, daß hier der höchste Berg der Hauptstadt liegt. Und das ist schön so. Gemütlich sitzen die Kreuzberger mit ihren Kindern vor der italienischen Eisdiele in der Sonne, in der Osteria beim Wein oder im Spazio bei Kaffee und Kuchen. Unter sich.


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