Kreuzberger Chronik
Juli 2008 - Ausgabe 99

Kreuzberger
Christiane König

Früher sprang bei Partys eine Frau aus der Torte, heute hängen sie in der Luft


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von Saskia Vogel

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Eine Akrobatin bewahrt Bodenkontakt




Die Leute wollen Sensationen. also wickelt sich Christiane an ihrem elf Meter langen Tuchseil bis hoch unter die Decke, schlingt es um Bauch und Arme und lässt dann plötzlich los. Das seil entrollt sich in Windeseile, Christiane rast auf den Boden zu, erst im letzten Moment wird sie abgefangen. »Das Fallen ist leicht, aber das Seil so zu wickeln, dass die Füße am Ende tatsächlich in der Schlaufe Halt finden, dass man sich dabei nicht stranguliert, ist eine Kunst. Die nimmt kaum ein Zuschauer wahr.«

Der Hinterhof in der Solmsstraße
Foto: Dieter Peters

Sie schaukelt noch ein bisschen über dem Boden, das Shirt rutscht ihr halb über den Bauch, wie ein Äffchen hangelt sie sich am Seil hoch und runter und stretcht Beine und Arme. Dann steht sie mit einem Sprung auf der Matte, die schmale Christiane mit ihren verschnittenen Haaren. »Das war es doch, was du sehen wolltest?« fragt sie ihren Herrn Riesling, einen Kreuzberger Clown, der sie in die Staatliche Artistenschule in Weißensee begleitet hat. Hier hat Christiane König 2001 ihren Abschluss als Profi-Vertikalseil-Artistin gemacht. Trainieren darf sie in den Hallen der alten DDR-Artistenschmiede immer noch, auf den Fotos vor der Umkleide posiert sie in luftiger Höhe mit strahlenden augen für das Absolventenfoto.

Am Nachbarseil hängt eine Ikone aus Honeckers ehemaligem Staatszirkus und wickelt sich trotz ihrer 63 Jahre das Tuch um die Hand, das Bein, den Nacken. »Bei mir wird irgendwann Schluss sein mit der Artistik«, bemerkt Christiane. Mit einem »Komm jetzt« reißt der Clown sie aus den trüben Gedanken, fasst die kleine »Tjan« am zarten Händchen und dann klettern die Beiden sehr schnell und sehr geschickt über das hohe Gittertor der Schule und nehmen die S-Bahn nach Kreuzberg – hier hat Christiane ihren Ruhepol und ihren Lebensmittelpunkt.

»Tjan« ist chinesisch. »Tian´anmen«, der Platz vor dem Tor des himmlischen Friedens. 18 Monate hat »Tjan« ohne Urlaub gearbeitet. Im Frühjahr gab sie einen Workshop in Rom, den Sommer verbringt sie in Bad Oeynhausen und wird in einer 50er Jahre »Heinz Erhardt Show« in die Rolle der Lilo Pulver schlüpfen. Bei ihrem Freund, dem Jongleur, wird sie nur selten sein. Überhaupt schleppt sie ständig einen Wäschesack mit Jogginganzügen durch den Kiez, der Aufschlag ihrer Jeans ist provisorisch mit Sicherheitsnadeln festgesteckt, ein leicht erdiger Parfümgeruch umweht sie. Manchmal aber wird Christiane auch für »Willys 60. Geburtstag« gebucht -»Festivitäten reicher, alter Herren. Früher sprang bei Partys eine Frau aus der Torte, heute hängen Artisten in der Luft.« Der Mythos des aufregenden Zirkuslebens hat der täglichen Routine Platz gemacht. »Artisten ziehen nur auf der Bühne eine Glitzerwolke hinter sich her, Abends sitzen sie dann in einer runtergekommenen Künstlerwohnung und wissen nichts mit sich anzufangen. In so einem Kurstädtchen wie Bad Oeynhausen.«

Trotzdem ist Vertikalseilartistik Christianes Traumberuf. Zwar schimpft sie gelegentlich, dass Artisten keine eigenen Gewerkschaften und zu wenig Anerkennung bekommen, »obwohl die Artistik so alt ist wie die Prostitution«. Aber an Engagements fehlt es nie. »Ich bin ein kleenes One-Hit-Wonder. Ich muss keine Akquise betreiben, meine Homepage ist total veraltet, die Auftraggeber kommen trotzdem auf mich zu.« Und nie, aber auch wirklich nie, hat der Showcharakter »Fräulein König“ mit den Augen geklimpert oder sich in ein aufreizendes Kostümchen gepresst, nur um an einen Auftrag zu kommen. Nach Berlin kam sie im Frühjahr 1998, nach zwei Lehr-und Wanderjahren im schutz einer Gauklergruppe. Schon als Schülerin verdiente sie ihr Taschengeld auf einem Zirkusfestival in Wiesbaden, aber ihr erster »Galgen« stand in der Souterrain-Wohnung am Chamissoplatz. »Ich war auf der artistenschule in der Ritterstraße, aber Vertikalseil gab es nicht. Dafür hatte meine Bude 3,60 Meter hohe Decken.« hier »baute« sie ihre erste Nummer. Und obwohl sie für eine Artistenkarriere schon fast zu alt war, kamen nach dem Abschluss prompt Auftritte im Chamäleon Varieté. Ein sturz oder ein Unfall, die kamen glücklicherweise nie.

Angst vor der höhe hat Christiane nicht mehr, irgendwann war das vorbei. »Aber vorher eine Nacht in der Kneipe, das kann gefährlich werden.« Luftakrobaten arbeiten meistens ungesichert, und »klar gibt es Fälle von Kollegen, die monatelang im Gipsbett lagen.« Die üblichen Rippenbrüche und Verbrennungen an Händen und Füßen wären dagegen Lappalien. Materialfehler, falsch befestigte Seile – ein gewisses Restrisiko schwingt immer mit. »Und ich bin gerade im verflixten siebten Jahr.« Prominentestes Beispiel ist Johann Traber, Sohn der wohl berühmtesten deutschen Artistenfamilie, der einen Sturz von einem 30 Meter hohen maroden Mast nur knapp überlebte. »Das sind Artisten ganz anderen Kalibers, Vertikalseil ist für die nur Zweitnummer«. Trapezartistik wäre Christiane »zu riskant, durch das Seil habe ich immer eine Art Bodenkontakt.«

Christiane, das One-Hit-Wonder ohne Star-allüren. Mit ihrem Herrn Riesling sitzt sie in einem Café auf der Bergmannstraße. »Schau mal, der hat den gleichen Hut wie ich«, ruft sie, saugt heftig an ihrem Kirschsaft und beißt am abgesplitterten Lack ihrer Fingernägel rum. Wie sie da so sitzt und den Kopf mit der flachen Häkelmütze vertrauensvoll zu ihrem Clown rüberbeugt, »Du« und »hör mal« sagt und ihm ihre Hand auf die Schulter legt, wirkt sie wunderbar normal. Unkompliziert, sympathisch. Nicht wie eine Bühnenfigur. ein bisschen müde sogar. Und Schmerzen hat sie auch. Ihre Schulter brennt. Die Füße rechts und links an die Ohren legen – momentan sind derartige Verrenkungen unmöglich. Es gäbe Artisten, die mit gebrochenen Fingern an den Seilen hängen, »the show must go on!«

Christiane macht da nicht mit. Sie betreibt Hochleistungssport, trainiert fünfmal wöchentlich in Weißensee oder in den Kreuzberger Jonglierkatakomben, und trotzdem: »Meine Gagen verstehe ich auch als Bezahlung fürs Kaputtmachen.« Viele Artisten sind mit vierzig am Ende. Frauen wie die 63-Jährige aus dem DDR-Zirkus sind eine Ausnahme. Christiane spricht nur ungern über den Verschleiß von Muskeln und Gelenken, aber auch sie merkt, dass sie den Sehnen und Gelenken viel abverlangt. Und bevor sie »es kann alles so schnell vorbei sein« sagt, sagt sie lange, lange gar nichts mehr. »Manchmal trainiert man monatelang einen komplizierten Trick und kurz vor dem Auftritt muss man ihn wieder rausnehmen, weil die Schmerzen überhandnehmen.« Und wenn man Pech hat, dann klaut ein Anderer die mühsam ausgetüftelte Choreographie und fährt damit von Auftritt zu Auftritt, Stadt zu Stadt. Patente für Zirkusnummern gibt es nicht. Ein echtes Zuhause für Zirkuskünstler auch nicht.

Christiane hat ihre Wohnung im Graefekiez längst aufgegeben und sich stattdessen einen großen LKW, »mit Backofen und Heizung, aber leider ohne Toilette«, zugelegt. Um zumindest ein bisschen »Zuhause« zu haben. Hier hat sie ihre Habseligkeiten versammelt, ihre Bücher und Kostüme, den Nerz ihrer Oma und den 60er Jahre Hochzeitsmantel ihrer Mutter, mit dem sie als »Fräulein König« im Himmel turnt. Das Publikum bespaßt, Applaus bekommt und mächtig stolz ist. Jahrelang stand der Lkw am Viktoriapark oder im Wagendorf Lohmühle, erst die Umweltzone vertrieb sie aus der Heimat. Deshalb schläft Christiane jetzt oft bei Freunden, irgendwo im Chamissokiez.

Aber wohin wird »Fräulein König« gehen, wenn sie den Artistenberuf irgendwann dann doch aufgeben muss? »Die meisten ehemaligen Akrobaten werden Trainer. aber ich hätte Lust, noch Mal zu studieren, so wie meine Geschwister. Traditionelle Chinesische Medizin zum Beispiel. Oder ich könnte Apothekerin werden, so wie mein Vater, und nebenher Clown-Workshops geben.« Herr Riesling bezahlt seinen Kaffee und geht, »Tjan« bleibt alleine sitzen und verschlingt die Beine unter dem Tisch. »aber das hat ja noch Zeit. Ich werde meinen Platz hoch über der Bühne noch eine Weile behaupten.«

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